Vampirglaube & magia posthuma / Part 14

posted by ush on 2009/06/11 20:33

Bernhard Unterholzner (München): Vampire im Habsburgerreich – Schlagzeilen in Preußen. Aufklärung und Aberglaube in öffentlichen Debatten des 18. Jahrhunderts

Als die offiziellen Berliner Zeitungen Anfang April 1755 von einem Vampirfall an der Peripherie des Habsburgerreiches berichteten, war das Sujet einer aufgeklärten Öffentlichkeit bereits bekannt.

Denn schon in den 1730er Jahren drangen Berichte über einen mysteriösen Fall, bei dem Leichen in einem Dorf am Rande des Habsburgerreiches exhumiert, als Vampire eingestuft und erneut rituell  hingerichtet worden waren, nach Preußen. Eine wissenschaftliche Debatte dieser Vorgänge machte den Vampir in der preußischen Öffentlichkeit bekannt und konstruierte ihn zugleich als Beispielfigur bäuerlichen Aberglaubens. Auf dieses Wissen konnten die Artikel über den erneuten Vampirfall im Österreichischen Hermersdorf, die 1755 identisch in den beiden offiziellen Berliner Zeitungen erschienen, zurückgreifen.

Vor dem Hintergrund der angespannten Beziehungen zwischen Preußen und Österreich wirkte die Darstellung der »Rückständigkeit« des Habsburgerreiches anhand der dem Zielpublikum bekannten und verständlichen Symbolfigur »Vampir« als enorme Provokation, ohne dass sich die Preußische Regierung exponieren musste. Damit stellen die Berichte ein Beispiel aufgeklärter Pressepolitik dar. Die traditionelle restriktive Zensurpolitik wurde zu einem subtileren Instrumentarium ausgebaut. Die Presse wurde aktiv beeinflusst, vom Hof diktierte Nachrichten wurden als redaktionell ausgegeben und  Berichte nach Gutdünken umgeschrieben. Bei  Beschwerden ausländischer Höfe wurde auf die – offiziell geltende, tatsächlich aber nur sehr eingeschränkt gewährte – Pressefreiheit verwiesen. Für diese Form der Pressepolitik bot der Vampirglauben passende Ereignisse und Symbole, die einerseits eindeutig genug besetzt waren, um verstanden zu werden, andererseits  aber  ausreichend Interpretationsspielräume boten,  um keine diplomatischen Krisen auszulösen.


Bernhard Unterholzner (Munich): Vampires in the Habsburg Monarchy – Headlines in Prussia. Enlightement and Superstition in 18th-century Public Debates

When in April 1755 Berlin papers reported on a vampire incident at the periphery of the Habsburg monarchy this topic was already well-known to the enlighted public.

Already during the 1730s reports on a myterious case of the exhumation of corpses were known in Prussia. In this village at Habsburg's periphery these corpses werde defined vampires and ritually executed. The scientific debate disseminated knowledge about the vampire as the exemplary figure of rural superstition. The articles of the above-mentioned Berlin papers could rely on this knowledge for their articles about the new vampire incident in Austrian Hermersdorf in 1755.

The vampire became the provocative symbol for Austrias backwardness within the horizon of the strained relationship between Austria and Prussia. The well-known vampire symbol was advantageous for the Prussian government that could avoid to be explicit. In this way, those reports are examplary for enlightened politics of the press. The traditionally restrictive censorship was re-modelled towards the suble instrument of implication. The press was lead to accept censored news and reports. If foreign courts protested they could easily refer to the official, though constricted, freedom of the press. The belief in vampirs offered events and symbols which were both at the same time unambigous and unmistakeable, as well as open for interpretation. So, the diplomatic crises could be avoided.



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