Evidente Ironie

posted by ush on 2008/10/19 10:40

Der Schwerpunkt des IFK lautet derzeit Kulturen der Evidenz. Auch die Tagung Was zeigt sich? Evidenz in den Kulturwissenschaften verfolgt die Sichtbarkeit der Dinge, Symbole und Bedeutungen. Dies jedoch nicht nur um einer Kultur der Sichtbarkeit willen, sondern unter der Prämisse, dass die Kultur/wissenschaften sich am Ende der Ironie befänden.

Unter diesem Aspekt, so die Tagungsankündigung, leite Helmut Lethen die Konferenz ein:

Helmut Lethen leitet die Tagung ein und spricht über das "Ende der Ironie" in der Wissenschaft als möglichen Anfang für den Aufstieg der Evidenz. Erfahrung lässt sich nicht übertragen, meint die Philosophin Sybille Krämer, die über Evidenzerzeugung am Beispiel von "Zeugenschaft" und von sinnlicher Anschauung sprechen wird. Philipp Sarasin nimmt die Probleme, die das "Reale" in Foucaults Diskursanalyse aufwirft, in den Blick. Bilder als Evidenzbeschaffer beschäftigen die KunsthistorikerInnen Claudia Blümle, Claus Zittel und Birgit Schneider: Blümle interessiert die juristische Wahrheitsfindung in einem Gemälde der Frühen Neuzeit, Zittel spricht über Bildevidenz als Anfangs- und Schlusspunkt von Argumentationen in der frühneuzeitlichen Wissenschaft, und Schneider begibt sich auf das Feld der Klimavisualisierungen und zeigt, wie mit Diagrammen und Statistiken Evidenz erzeugt wird. Um "Zeichen und Situationen" aus vorwiegend philosophischer Sicht geht es in einem weiteren Panel: Richard Heinrich legt dar, wie sich der Evidenzbegriff bei Ludwig Wittgenstein im Laufe der Zeit gewandelt hat. Wie uns Texte und Bilder adressieren, erläutert Horst Wenzel, und Peter Kampits wird über Jean Paul Sartre referieren.
Im letzten Panel stehen Fragen der Gegenwart zur Diskussion: Emotionen scheinen immer echt und natürlich zu sein, meint Sighard Neckel, der über die Paradoxien unseres Ideals des emotionalen Selbstmanagements spricht. Michi Knecht interessiert sich für die Frage nach der Evidenz ethnografischen Wissens in der Kultur- und Sozialanthropologie, und Jakob Tanner schließlich führt die visuelle Karriere von Adam Smiths berühmt gewordener Metapher der "unsichtbaren Hand" bis ins 21. Jahrhundert vor.

Nichtsdestotrotz möchte ich behaupten, dass in diesem Ankündigungstext keineswegs ein Ende der Ironie als dem Spielfeld des Unsagbaren, der Suche nach dem obskuren Rest und der Kombination des Widersprüchlichen, so dass sie sich im besten Falle gegenseitig erhellen, abzusehen ist. Im Gegenteil lese ich hier eine ganz evidente Ironie heraus: Die Evidenzen der Bilder als Visualisierungen von Unkörperlichem appellieren über das Auge an den Verstand zurück. So mag wohl die Rhetorik der Wissenschaft sich um eine Sprache bemühen, die Ironie zu Gunsten von Evidenz und Beweis außen vor lässt, doch die Verfahren - bspw. über "emotionales Selbstmanagement" Authentizität in Frage zu stellen - arbeiten nach wie vor ironisch: mit vielfachen Brechungen und Umwegen, Spiegelungen und Verschiebungen, die Evidenz herbeischaffen und entstehen lassen.
 


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