Bolletik - Part 12

posted by Bela on 2006/09/19 11:26

[ Bolletik ]

Angeblich 120 Verletzte, darunter ein lebensgefährlich verletzter Polizist, ausgebrannte Autos, ein ausgeplündertes öffentlich-rechtliches Fernsehen (an dem sich bereits die Parteien vorher bereichert hatten), eine vollkommen überforderte Polizei – sind das Ergebnis der gestrigen Nacht, als ca. 2-300 aktive und einige Tausende passive Demonstranten (aus dem Umfeld der Fradi- und Ujpestfans) das ungarische Fernsehen MTV stürmten (der im übrigen sonst eigentlich gar nicht mehr als Sendeanstalt auffällt). Und natürlich politische Scherben...

Wer den Schwarzen Peter am Ende hat, wird sich noch herausstellen: Gyurcsány, der – wie es heisst - mit seiner Rede zutiefst gedemütigte Menschen zu solchen Handlungen provoziert hat oder Leute aus der Fidesz und deren Umkreis wie die Abgeordnete Mária Wittner, die von revolutionärer Situation sprach, Mária Schmidt, die bereits Tage vorher von einer illegitimen Regierung sprach oder Viktor Orbán, der ähnliches von sich gab.

19. September 2006, :, Neue Zürcher Zeitung
Skandal um Ungarns Regierungschef
Ministerpräsident Gyurcsany gibt Lug, Trug und Untätigkeit zu
U. Sd. Prag, 18. September

«Wir haben es versaut. Versaut, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern sehr. In ganz Europa hat kein Land eine derartige Scheisse gebaut wie wir . . . Es ist eindeutig, dass wir in den letzten anderthalb bis zwei Jahren durchwegs gelogen haben . . . Das Land hat während der sozialliberalen Regierung seine Möglichkeiten in einem Mass überschritten, das früher unvorstellbar gewesen wäre. In den letzten vier Jahren haben wir nichts getan, gar nichts. Ich könnte keine einzige Regierungsentscheidung oder eine Regierungsaktivität der letzten vier Jahre nennen, auf die wir stolz sein könnten. Das Einzige war vielleicht, dass wir unser Mandat quasi aus dem Nichts gerettet und die Wahlen gewonnen haben. Das ist alles. Was werden wir sagen, wenn das Land Rechenschaft darüber haben will, was wir in den vier Jahren getan haben?»

Eine korrekte Analyse

Eine schöne Analyse: zynisch zwar, in abstossend vulgärer Diktion
Gehalten (

der Herr NZZ-Korrespondent hat noch nie gehört, wie die Budapester Straße spricht, dagegen ist Gyurcsány ein Lercherl...

, aber schonungslos und vor allem korrekt. Das Erstaunliche daran ist, dass sie nicht von einem Mitglied der ungarischen Opposition kommt,
sondern vom Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány selber (

Der Herr kennt aber dann auch die Opposition nicht...

. Der Regierungschef sprach diese Worte am 26. Mai dieses Jahres an einer Klausursitzung der Parlamentsfraktion der Sozialistischen Partei, und am Wochenende hatten auch die ungarischen Radiohörer Gelegenheit, sie zu vernehmen. Ein Unbekannter hat dem öffentlichrechtlichen Rundfunk (Kossuth-Radio) eine Tonbandaufnahme der Sitzung zugespielt, und seither ist das Dokument im Originalton bereits mehrere Male zu hören gewesen. Zehntausende haben es zudem auf der Website des Radios (www.radio.hu) abgerufen. Die Authentizität der Aufnahme ist nicht zu bezweifeln; Gyurcsany hat zugegeben, dass die fragliche Passage von ihm stammt. Die Reaktionen auf die sensationelle Enthüllung kamen rasch und waren eindeutig. Der Fraktionsführer der oppositionellen Jungdemokraten (Fidesz) im Parlament, Tibor Navracsics, sprach am Montag von einer in der ungarischen Geschichte präzedenzlosen Krise und forderte Gyurcsany zum sofortigen Rücktritt auf. Der stellvertretende Parteichef Zoltan Pokorni sagte, Gyurcsany habe sich mit dieser Rede moralisch unhaltbar gemacht; Ungarn befinde sich in der Hand eines politischen Abenteurers.

Keine Rücktrittsabsichten

Die Fidesz-Fraktion und die Fraktion der Christlichdemokraten, die sich von den Jungdemokraten abgespalten hat, forderten die sozialistische Fraktion brieflich auf, den Regierungschef, der Schande über das Land gebracht habe, zu entlassen. Am Montag trafen sich Spitzenpolitiker des Fidesz mit Präsident Laszlo Solyom, worauf dieser verlautbaren liess, Gyurcsany habe mit seiner Erklärung bewusst in Kauf genommen, dass die Bürger ihren Glauben an die Demokratie verlören. Damit habe er eine moralische Krise provoziert, was durch nichts zu rechtfertigen sei. Gyurcsany solle dies eingestehen. Auf eine direkte Rücktrittsforderung verzichtete Solyom. Zoltan Hock, stellvertretender Vorsitzender der Oppositionspartei Demokratisches Forum, forderte hingehen den Abgang des Regierungschefs. In einem «normalen Land» könne sich ein Ministerpräsident nur dann in solcher Form äussern, wenn er unmittelbar vor dem Rücktritt stehe, sagte Hock, der damit westeuropäischem Empfinden Ausdruck gegeben haben dürfte. Wer gedacht hatte, Gyurcsany würde umgehend zurücktreten oder sich wenigstens entschuldigen, sah sich indessen getäuscht. Bereits am Sonntagabend sagte der Regierungschef am Fernsehen (

"am Fernsehen" ist schweizerisch, ich liebe diesen Ausdruck und sehe Gyurcsány auf meinem Fernseher stehen....

, er denke nicht an Rücktritt. Ganz im Gegenteil. Er habe eine Grundsatzdebatte angestossen, und das sei gut so. (

Finde ich übrigens auch. Jetzt sitzen nämlich die anderen ziemlich in der Bredouille, auch Gyurcsány natürlich, aber jetzt sind die Kommunalwahlen am 1. Oktober tatsächlich wie Orbán es wollte zur dritten Runde der Parlamentswahlen im April geworden: Verliert die MSZP-SZDSZ-Koalition massiv, wird Gyurcsány gehen, meine ich, dann ist Flöten mit den Reformen.

)

Seit 16 Jahren eine Lebenslüge

Am Montagmorgen sagte Gyurcsany am Radio (

ja, "am"

, Ungarn pflege seit 16 Jahren eine Lebenslüge und ihm sei es nur darum gegangen, dem Lügen ein Ende zu bereiten und für seine Reformpolitik zu werben. «Ich wollte einfach reinen Tisch machen, und wenn meine Popularitätswerte in zwei Monaten um 20 Prozent fallen, so interessiert mich das nicht im Geringsten.»

Gleichzeitig verwies Gyurcsany darauf, dass nichts der Partei so sehr geschadet habe wie die Ehrlichkeit seines Vorgängers Peter Medgyessy, der seine hochfliegenden Wahlversprechen im Jahr 2002 ohne Rücksicht auf Verluste eingehalten und damit die Defizitspirale in Gang gesetzt habe, unter der das Land heute ächzt. Selbstverständlich fehlte in der grotesken Rechtfertigung Gyurcsanys auch der Hinweis auf ähnliches Fehlverhalten des Fidesz nicht.

Macht- und autoritätslose Opposition

Es spricht wenig dafür, dass die neueste Affäre Gyurcsany zum Verhängnis werden könnte. Die sozialistische Parlamentsfraktion stärkte ihm schon am Montag ohne Wenn und Aber den Rücken, und die Freidemokraten, der Koalitionspartner der Sozialisten, entschieden sich für Zurückhaltung.

Gabor Kuncze, ihr Parteichef, sagte, er sehe die Koalition nicht in Gefahr. Die Affäre, so grotesk sie auch anmuten mag, dürfte sich also letztlich als Sturm im Wasserglas entpuppen. Gyurcsany, der seit Jahren periodisch durch eine an den früheren ukrainischen Staatschef Kutschma gemahnende Vulgarität auffällt, fehlt offenbar jegliches Sensorium für Verantwortung - dass er aus seiner üblen Entgleisung eine Tugend zu machen und sich zur moralischen Instanz aufzuschwingen versucht, passt da nur ins Bild.

Das stimmt, sage ich mal.

Präsident Solyom hat keine Möglichkeit, Gyurcsany zu entlassen. Im Parlament sprechen die Mehrheitsverhältnisse klar gegen einen erfolgreichen Misstrauensantrag, und der Fidesz hat sich durch seinen hemmungslosen Linkspopulismus jeglicher Autorität beraubt.

Tja, das auch....

. Gyurcsany wird Ungarn (

oder Ungarn Gyurcsány, wie er es sehen würde

also bis auf weiteres erhalten bleiben, selbst dann, wenn er sich - was wenig wahrscheinlich ist - am kommenden Parteitag am 21. Oktober dem Druck der Parteilinken, die seine Reformrhetorik hasst, beugen muss und als Parteichef abtritt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Antworten

01 by PP at 2006/09/19 11:52 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Angeblich 120 Verletzte, darunter ein lebensgefährlich verletzter Polizist, ausgebrannte Autos, ein ausgeplündertes öffentlich-rechtliches Fernsehen (an dem sich bereits die Parteien vorher bereichert hatten), eine vollkommen überforderte Polizei – sind das Ergebnis der gestrigen Nacht, als ca. 2-300 aktive und einige Tausende passive Demonstranten (aus dem Umfeld der Fradi- und Ujpestfans) das ungarische Fernsehen MTV stürmten (der im übrigen sonst eigentlich gar nicht mehr als Sendeanstalt auffällt). Und natürlich politische Scherben...

Wer den Schwarzen Peter am Ende hat, wird sich noch herausstellen: Gyurcsány, der – wie es heisst - mit seiner Rede zutiefst gedemütigte Menschen zu solchen Handlungen provoziert hat oder Leute aus der Fidesz und deren Umkreis wie die Abgeordnete Mária Wittner, die von revolutionärer Situation sprach, Mária Schmidt, die bereits Tage vorher von einer illegitimen Regierung sprach oder Viktor Orbán, der ähnliches von sich gab.
Allem zuzustimmen muss überdies festgehalten werden, dass der Terminus "verschissen" nicht ganz hinreicht, um eine halbwegs korrekte Übersetzung darstellen zu können. Tipp: Im deutschen wird primär anal, im Ungarischen primär phallisch-vaginal geflucht. Aber das ist vielleicht nicht so wichtig.

02 by anonymous at 2006/09/19 20:52 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Angeblich 120 Verletzte, darunter ein lebensgefährlich verletzter Polizist, ausgebrannte Autos, ein ausgeplündertes öffentlich-rechtliches Fernsehen (an dem sich bereits die Parteien vorher bereichert hatten), eine vollkommen überforderte Polizei – sind das Ergebnis der gestrigen Nacht, als ca. 2-300 aktive und einige Tausende passive Demonstranten (aus dem Umfeld der Fradi- und Ujpestfans) das ungarische Fernsehen MTV stürmten (der im übrigen sonst eigentlich gar nicht mehr als Sendeanstalt auffällt). Und natürlich politische Scherben...

Wer den Schwarzen Peter am Ende hat, wird sich noch herausstellen: Gyurcsány, der – wie es heisst - mit seiner Rede zutiefst gedemütigte Menschen zu solchen Handlungen provoziert hat oder Leute aus der Fidesz und deren Umkreis wie die Abgeordnete Mária Wittner, die von revolutionärer Situation sprach, Mária Schmidt, die bereits Tage vorher von einer illegitimen Regierung sprach oder Viktor Orbán, der ähnliches von sich gab.
How about: "We fucked it all up..."

Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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