1956 remembered - Part 4

posted by Bela on 2006/03/12 14:52

[ 1956 remembered ]

Gestern lief im ungarischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen M2 – über Satellit europaweit und im Raum Budapest (und über den Sender Kabhegy) auch terrestrisch digital empfangbar – der 1965 gedrehte Film von Zoltán Fábri "Zwanzig Stunden" – natürlich im Rahmen des staatlichen Gedächtnisjahres 1956, dessen Logo (siehe unten) und Musik ("Eroica", was sonst?) übrigens ultra hässlich ist.

Zuerst gefiel er mehr, in seiner Trockenheit, in seiner mehrperspektivischen Darstellung – erst einige apologetisch-pathetische Szenen machten mich stutzig. Irgendwas blieb unstimmig, stimmte nicht: Dann habe ich ein wenig zur Geschichte und zur Vorlage des Films – zum Roman "Zwanzig Stunden" von Ferenc Sánta - nachrecherchiert...

Aber zuerst zum Inhalt:

 

Ein Journalist soll über die erfolgreiche Kollektivierung eines Dorfes in Ungarn schreiben, erhält jedoch widersprüchliche Informationen. Er verbringt zwanzig Stunden vor Ort in der Absicht, die Ereignisse der letzten zwanzig Jahre zu rekonstruieren. 1945 erwarten vier Knechte die Zuteilung von Land. Jóska wird Vorsitzender der lokalen Kooperative und Varga Mitglied der Geheimpolizei. 1952 erschießt er beinahe Anti Balogh, der die Partei aus Protest über doktrinäre Maßnahmen verlassen hat. 1956 führt Anti nach Vargas Flucht die Aufständischen gegen den unbeliebten Jóska. Nach dem gescheiterten Aufstand will der zurückgekehrte Varga "Ordnung" schaffen und erschießt Béni Kocsis. Varga hat mittlerweile das Dorf verlassen, doch die Wunden sind nicht verheilt ...

Das Filmarchiv Austria schreibt zu dem Film:

"Fábri erzählt seine Geschichte in einem raffinierten Geflecht von Rückblenden, wobei die Zeitebenen oft unvermittelt nebeneinander stehen und durch den Ton verbunden werden, der dann weit in die Szene überläuft: Der Film ist in nüchternem Schwarzweiß gehalten, hat keine Musik. Hinzu kommt, dass mehrfach die gleiche Szene aus verschiedenen Blickwinkeln und mit verschiedenen Interpretationen gezeigt wird.

Das Drama der Nachkriegszeit erwächst aus Fragmenten subjektiver Erinnerung, die nicht chronologisch geordnet sind. [...] Aus der Relativität der Sichtweisen entsteht allmählich eine Annäherung an die objektive Wahrheit, die Möglichkeiten der Interpretation offen lässt HÚSZ ÓRA wurde zum Meilenstein auf dem Weg zur objektiven filmischen Aufarbeitung der Nachkriegsjahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch kein Film die Fehler der stalinistischen Vergangenheit so ungeschminkt beim Namen genannt."

Der Film entstand wie gesagt auf der Grundlage des Romans von Ferenc Sánta, der Mitte der sechziger Jahre offensichtlich ein Bestseller war, da er – wie oben festgehalten wird – angeblich die Vergangenheit "ungeschminkt" dargestellt hat. In "Beszélő évek" (einem 2000 von der liberalen, ehemaligen Samisdat-Zeitschrift herausgebenen Art Kompendium zu den Jahren der stalinistisch-kádáristischen Diktatur in Ungarn) empfiehlt György C. Kálmán, das Buch in zwanzig Minuten zu überfliegen – gerade einmal soviel sei es wert.

"Die Sprecher von Húsz óra sprechen die Sprache des Ausweichens, des Verschweigens, der Anspielungen, des Um-den-Brei-Redens, der Feigheit und der Emotionen. Wenn sie etwas vor dem erzählenden, räsonierenden Reporter aussprechen oder fast aussprechen, entschuldigen sie sich sofort etwas frei von der Leber weg gesagt zu haben; untereinander wiederum verständigen sie sich (?) in einer Form, dass diese ein Außenstehender kaum verstehen kann. Ihre Dialoge werden so vollkommen absurd, man kann gewissermaßen nur fühlen, dass es hier um große Probleme geht, um schwere moralische Entscheidungen, um schreckliche Verbrechen. [...] Der Roman suggeriert damit, dass etwas Entsetzliches (Straftat, Tragödie, Umsturz) passiert ist; aber sprechen wir nicht darüber, oder wir können gar nicht darüber sprechen, wir wollen es nicht, man lässt uns nicht; wir müssen es bewältigen, aber wir können es nicht, wir wagen es nicht; ja so schrecklich kompliziert und böse ist das Leben, wir kennen uns nicht aus, "bürgerlich-liberal verdammt noch mal". Auch du hast recht, Genosse, auch du Jóska, Anti, auch du, Kiskovács. Verdammt harte Welt. Na, darauf trinken wir einen."

Einige Seiten weiter in demselben Buch sieht Erzsébet Bori den Film etwas positiver: Im Anschluss an eine vernichtende, nicht näher zitierte Kritik von Ervin Gyertyán, der den Film schlichtweg eine Apologie des Kádárismus (was meiner Erachtens auch stimmt) genannt haben soll, schreibt sie (und auch das ist meines Erachtens richtig):

"Vergeblich könnte ich hier nun Punkt für Punkt die in Film anklingenden Lügen, Verwischungen. Anspielungen und Botschaften, die Verlogenheit einzelner Worte und Gesten benennen, Húsz óra reißt mich in einer elementaren Weise mit der Kraft seines Dramas mit sich. Ich sehe nur mehr die sich aneinander reibenden Charaktere, den vulkanischen Ausbruch unterdrückter Emotionen, die sich erfüllenden Schicksale und Tragödien, die großen schauspielerischen Leistungen, die Bilder eines György Illés, die in "premier plan" aufgenommen Gesichter, das in der Totale aufgenommen Dorf."

Genauso ist es mir ergangen. Bleibt zur zu hoffen, dass die geplante Retrospektive des Filmarchivs Austria zu 1956 im Oktober 2006 zumindest die Filme mit einem kurzen Vortragstrailer beginnen wird, den diese Krücke scheint unbedingt vonnöten.
Und noch ein Népszabadság-link zu Film und 1956, also wie 1956 schon im Filmschaffen vor 1989 "aufgearbeitet" wurde.

 

http://kakanienneu.univie.ac.at/static/files/27282/emlekev.jpg

 


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Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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