1956 remembered - Part 3

posted by BR on 2006/03/08 01:20

[ 1956 remembered ]

7. Januar 2006, Neue Zürcher Zeitung

Das geläufige Vergessen

LÁSZLÓ F. FÖLDÉNYI

Von der Unmöglichkeit eines einzigen Gedächtnisses in der ungarischen
Geschichte

 

 

Miklós Barabás, einer der grössten und bekanntesten ungarischen Maler des
19. Jahrhunderts, schuf im Jahr 1852 ein Ganzporträt. Der Mann, den er
gemalt hat, ist wie ein «junger Gott» - um einen Ausdruck Kleists zu
gebrauchen; das schon durch seine Ausmasse überwältigende, 243×163
Zentimeter grosse Gemälde, das ungefähr so gemalt ist, wie Ingres Napoleon
gemalt hatte, zeigt einen Helden. Seine verklärten Züge weisen alle
Merkmale auf, die im christlichen Kulturraum mit einem Helden assoziiert
werden: Seine Züge zeugen nicht nur von körperlicher und physischer
Grösse, sondern auch von Mut, Grossherzigkeit, moralischer Festigkeit.
Mit anderen Worten, man erblickt auf der grossformatigen Leinwand eine
Idealgestalt. Barabás hatte auch früher schon Helden in idealisierter Pose
gemalt: etwa Kossuth, den 1849 zur Emigration gezwungenen Helden des
Unabhängigkeitskrieges gegen die Österreicher, Petöfi, den die von den
Österreichern herbeigerufenen Russen niedergemetzelt haben, Batthyányi,
den Ministerpräsidenten des unabhängigen Ungarn, der 1849 von den
Österreichern hingerichtet wurde, oder Széchenyi, der über den Fiaskos der
ungarischen Geschichte seinen Verstand verlor und in Döbling eigenhändig
seinem Leben ein Ende setzte.

 

 

 

 

 

 

 

FRANZ JOSEPH ALS JUNGER GOTT

Auf dem oben erwähnten Gemälde malte Miklós Barabás nicht etwa eine
Gestalt der ungarischen Geschichte, sondern Kaiser Franz Joseph I.
Denjenigen, der den ungarischen Aufstand und Freiheitskampf blutig
niederschlug und ein gewaltiges russisches Heer auf die Ungarn hetzte, der
für Petöfis und Batthyányis Tod verantwortlich war, der im Herbst 1849
dreizehn Generäle hinrichten liess, Ungarn mit Galgen übersäte und
Tausende - unter ihnen auch etliche Freunde von Barabás - in die Flucht
zwang. Und es gab auch solche, die er in den Wahnsinn trieb - so den
grossen, tragischen Dichter der Ungarn Mihály Vörösmarty, von dem Barabás
1857, zwei Jahre nach dessen Tod, ein übrigens auch idealisierendes
Porträt schuf.

Was mag in Barabás vorgegangen sein, während er Franz Joseph als jungen
Gott malte? Wir wollen nicht rätseln. Für einen Wiener Maler wäre ein
solches Vorgehen selbstverständlich gewesen. Miklós Barabás war jedoch
kein Österreicher, im Gegenteil, er war ausgesprochen stolz auf sein
Ungarntum. Und dennoch malte er dieses Bild. Nichts in diesem Porträt
Franz Josephs deutet auf das hin, was dieser Herrscher 1852 für die Ungarn
bedeutet hat - wie auch sein Porträt Vörösmartys nichts davon verrät, dass
dieser Dichter sprichwörtlich den Verstand darüber verlor, welches
Schicksal den Ungarn durch Franz Joseph beschieden wurde. Es genügt, dass
es drei Jahre nach dem Scheitern des Freiheitskampfes auch Menschen gab,
die sich so erinnerten.

Ich will nicht einseitig sein: Es ist allgemein bekannt, dass Barabás die
Opfer der ungarischen Geschichte bis zuletzt hoch in Ehren hielt. Aber
1852 war er sich bei einer Einschätzung der Machtverhältnisse auch über
die Realität im Klaren. Oder gibt es die «Realität» als solche vielleicht
gar nicht, entsteht sie nur durch solche Entscheidungen? Und wird durch
die eigentümlichen Krümmungen der Erinnerung zur sogenannten Wirklichkeit?
Jedenfalls nahm Barabás mit seiner Geste den österreichisch-ungarischen
Ausgleich von 1867 vorweg, als sich ein beträchtlicher Teil der
ungarischen Nation in ähnlicher Weise für die Amnesie entschied und, statt
sich zu erinnern, ins Vergessen flüchtete. Oder genauer, sich erinnerte,
indem sie sich gerade nicht erinnerte.

KEIN EINMALIGES PHÄNOMEN

Das ist die eigentümlich ungarische Version der Erinnerungskultur. Kein
einmaliges und einzigartiges Phänomen unserer Geschichte. Es genügt, auf
die Revolution von 1956 zu verweisen. Wie schon 1848 spielten auch bei
deren Entfachung Schriftsteller und Künstler eine wichtige Rolle. Unter
ihnen auch der bedeutende ungarische Schriftsteller László Németh, einer
der klügsten Männer des Jahrhunderts. Nachdem die Russen den Aufstand
blutig niedergeschlagen hatten, war er ausser sich vor Verzweiflung und
hatte den Einfall, dass jeden Monat ein ungarischer Schriftsteller aus
Protest Selbstmord begehen sollte. Miklós Mészöly, dem er diesen Vorschlag
als Erstem vorbrachte und der mir den Vorfall erzählte, erwiderte: «Fang
du an!»

Németh schrak vor dem Selbstmord zurück. Statt sich umzubringen,
verwickelte er sich später in literaturpolitisches Taktieren und reiste im
Herbst 1959 mit einer offiziellen Schriftstellerdelegation in die
Sowjetunion. Anfangs wollte er zwar nicht gehen, aber später liess er sich
doch dazu überreden und brachte dort einen Trinkspruch zu Ehren der
Sowjetunion aus - was er hier zu Hause natürlich gar nicht genug
rechtfertigen konnte. Aber in seinen darauffolgenden Äusserungen war schon
keine Spur mehr von einer Aufforderung zum Selbstmord. Und während Tibor
Déry, István Eörsi und andere Schriftsteller im Gefängnis sassen oder der
schon erwähnte Miklós Mészöly in die innere Emigration ging, bekannte sich
Németh mehrmals zur Grösse der Sowjetunion. Lassen Sie mich hinzufügen:
Wie Miklós Barabás war auch László Németh ein bedeutender Künstler. Als
Verräter ist er keinesfalls zu bezeichnen, im Gegenteil, wie Barabás hatte
auch er stets ehrlich das Interesse des Ungarntums vor Auge!
n. Aber aus irgendeinem Grund wählte auch er den Weg des
Nicht-Erinnerns.

DER MAI 1945

Amnesie als Heilmittel des Überlebens. Das Nicht-Erinnern als
eigentümliche, ungarische Variante der Erinnerung. Ein Ausländer gewinnt
in Ungarn schnell den Eindruck, dass, obwohl sich einerseits alle mit der
Vergangenheit, den Wunden der Vergangenheit beschäftigen, sie andererseits
davor zurückzuscheuen scheinen, der Vergangenheit ins Auge zu blicken -
als bedrückte sie das, worin sie sich Tag für Tag verfingen. Wie eine
echte Last drückt in Ungarn die Vergangenheit die Menschen nieder. Aber
nicht weil sie so schrecklich und schwer ist, sondern weil sie so
undurchschaubar dicht und chaotisch ist. Also nicht eindeutig - was zum
Teil darauf zurückzuführen ist, dass Ungarn stets am Schnittpunkt der
Interessensphären diverser Grossmächte (der türkischen, österreichischen,
deutschen, russischen) lag. Und diese geopolitische Lage verhinderte im
Grossen und Ganzen die Entstehung einer einheitlichen Erinnerungskultur.
Neben 1848 und 1956 sollten wir auch noch eine andere wichtige Jahreszahl
nicht vergessen, die für uns Ungarn ebenso ein Jahr der Jahrestage ist wie
für alle anderen europäischen Nationen auch. Genauer gesagt eines
Jahrestages - des im Jahr 2005 sechzigsten Jahrestages der Beendigung des
Zweiten Weltkrieges. Von Moskau bis London, von Madrid bis Warschau fanden
Gedenkfeiern statt. Und selbstverständlich auch in Ungarn, wo jedoch - im
Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern - der Mai 1945 zum Gedenken
an gleich mehrere Ereignisse Anlass gibt. Das eine ist die Tatsache der
Beendigung des Krieges, die ein Teil der Ungarn als Befreiung, ein anderer
Teil als Niederlage, ein dritter, entscheidender Teil wiederum als
zugleich Befreiung und Beginn einer neuerlichen Besetzung erlebte.
Ein zweites ist das Ende jenes halbfeudalen, stark rechtsgerichteten,
nicht selten sogar offen faschistisch anmutenden Systems, das in Ungarn
ein Vierteljahrhundert an der Macht war, und zwar - und das ist sehr
wichtig - ohne deutsche Unterstützung, in seiner Radikalität zeitweise
sogar die Deutschen vorwegnehmend. Drittens markiert es den Beginn der
sowjetischen Besetzung, die das Schicksal des Landes für weitere vierzig
Jahre besiegelte. Und viertens den endgültigen Verlust der 1919 schon
einmal abgetrennten, dann allmählich wieder zurückerlangten -
zurückerhaltenen - ungarischen Gebiete, was heute, und wenn es noch so
viele als Trauma empfinden, eine unabänderliche Tatsache zu sein scheint.
Und zu alledem kommt noch eine letzte, keinesfalls zu vernachlässigende
Frage hinzu: Ist das Kriegsende für Ungarn, das bis zuletzt auf Hitlers
Seite ausgeharrt hat, als Sieg oder Niederlage zu werten?
Was geschah also 1945? Ein territorial grosser Staat wurde zu einem
kleinen Staat, was ein ebenso gerechtes wie ungerechtes Ereignis ist. Auf
einen Besatzer folgte ein anderer, was ein genauso befreiendes wie
bedrückendes Gefühl ist. Ein Teil der Unterdrückten wurde selbst zum
Unterdrücker, was verständlich, aber inakzeptabel ist. Die Mehrheit jener,
die ausserhalb der Grenzen stecken geblieben waren, fühlte sich als Opfer
und fand auch darin keinen Trost, dass sich auch ein beträchtlicher Teil
derer, die im neuen, verstümmelten Land geblieben waren, ebenfalls für
Geiseln hielt. Und obwohl sich die grosse Mehrheit mit Vorliebe als Opfer
fühlt, kommt es beim Gedenken äusserst selten dazu, dass zwischen passivem
und aktivem Opfertum (Reinhart Koselleck) unterschieden wird. Denn dazu
könnte es erst dann kommen, wenn die Ungarn - als unterlegene Kriegspartei
- auch akzeptierten, dass für die Katastrophe auch sie selbst
verantwortlich waren. Ein grosser Teil der ungarischen Natio!
n erlebte den Zweiten Weltkrieg als Opfer, und doch war das eine andere
Art Opfertum als das jener, die von den Ungarn und Deutschen gemeinsam
unterdrückt und in den Krieg oder ins Verderben getrieben wurden. Kann
jemand Täter und Opfer zugleich sein? Ich denke ja.

SCHWER VEREINBARE INTERESSEN

Was bedeutet also die Erinnerung an einen solchen Jahrestag? Die Reibung,
den Konflikt miteinander schwer zu vereinbarender Interessen. Streit und
Unfrieden. Statt einer geschichtlichen Klärung das Abstecken ideologischer
Schlachtfelder. Eine auf mentalem Gebiet bürgerkriegsähnliche Stimmung, in
der innerhalb weniger Sekunden nicht nur zwei, sondern gleich drei, vier
Frontlinien entstehen können. Gedenktage sind in der ungarischen
Geschichte Tage des Zorns und des Hasses. Naht irgendein denkwürdiger Tag,
setzt sich die Polizei in Budapest schon Tage zuvor in Bereitschaft, und
binnen kurzem entsteht in der Hauptstadt ein Ausnahmezustand.
Mit Miklós Barabás habe ich angefangen. Sein Fall ist bis zum heutigen Tag
aktuell, denn noch heute ist der 15. März kein Tag des Feierns, vielmehr
einer der Unmöglichkeit gemeinsamen Gedenkens. Zudem beschwört die Idee
der nationalen Unabhängigkeit im Zusammenhang mit 1848 gewöhnlich die
Erinnerung an Trianon, von wo ein direkter Weg zum Gedanken der
Verstümmelung beziehungsweise des Verrats der Nation führt, der uns
wiederum sofort in die Gegenwart führt. Und dasselbe geschieht auch
bezüglich des 23. Oktober 1956.

Seit Jahren werden wir Zeugen absurder Situationen, wie etwa wenn
ehemalige Handlanger der kommunistischen Machthaber jene bewerfen, ja
sogar bespucken, die nach 1956 von den Kommunisten zu Tode verurteilt
worden waren - mit der Begründung, dass gerade sie, die dem Totenhaus nur
mit knapper Not entkommen waren, die wirklichen Speichellecker und
Günstlinge der Kommunisten gewesen seien. 2006 jährt sich der 23. Oktober
zum fünfzigsten Mal - aber die bürgerkriegsähnliche Stimmung ist schon
jetzt abzusehen. Der Bürgerkrieg der Erinnerungen. Der sich von
gewöhnlicher Hysterie kaum unterscheidet. Schliesslich gehört die
Erinnerung auch in den Bereich der Psychologie.

Der Wahrheit halber sei hinzugefügt, dass das nicht erst seit dem
Systemwechsel im Jahr 1989 der Fall ist. Schon seit dem Beginn der
siebziger Jahre wurden am 15. März inoffizielle Kundgebungen und
Gedenkfeiern organisiert, die stets von der Polizei beendet wurden, die
die Menge regelrecht blutig zerstreute. Aber auch schon vor dem Zweiten
Weltkrieg artete dieser Tag oft in blutige Schlägereien aus. Ja sogar
schon vor dem Ersten Weltkrieg. Um davon gar nicht zu reden, dass dieser
Tag vor dem österreichisch-ungarischen Ausgleich der Tag des nationalen
Tabus gewesen war: Natürlich erlaubten die Österreicher das Gedenken
nicht, und die Ungarn gedachten, indem sie stumm blieben - sie gedachten,
ohne zu gedenken. Und was den 23. Oktober 1956 betrifft: Bis 1989 war
jedes offizielle Gedenken verboten, was viele jedoch nicht daran hinderte,
eine brennende Kerze ins Fenster zu stellen oder den Friedhof aufzusuchen,
in dem die Märtyrer der Revolution namenlos in Massengräbern beerdigt!
worden waren - die meisten mit dem Gesicht nach unten, die Hände mit
Draht gefesselt. Im selben Friedhof, in dem heutzutage am 23. Oktober die
Gedenkenden diverser Parteizugehörigkeiten und Überzeugungen - Jahr für
Jahr - mit einer zu einem Friedhof gar nicht passenden Aggressivität
einander angreifen.

EUPHORIE - UND ZORN

Was folgt aus alledem? Mit einiger Resignation könnte ich sogar sagen,
dass in Ungarn genau in diesen Handgreiflichkeiten, in dieser fast schon
bürgerkriegsähnlichen Aggressivität das passende und authentische Gedenken
zum Ausdruck kommt. Dazu gehört allerdings auch, dass die Euphorie bis zum
nächsten Tag stets zerronnen ist, die Begeisterung verflogen. Und was
bleibt zurück? Der latente Zorn auf die anderen, die verdrängte
Aggression. Und die zum Verdrängen gehörende Dumpfheit, Gleichgültigkeit.
Diese Dumpfheit und Gleichgültigkeit lässt sich von der Begeisterung des
15. März beziehungsweise des 23. Oktober, jenes sich in der heldenhaften
Pose des «Jetzt oder nie» gefallenden Tatendurstes nicht trennen. Die
Begeisterung der Ungarn erinnert stets an ein Strohfeuer - das ist in den
Augen der Ausländer ihre vielleicht charakteristischste Eigenschaft. Und
dass sie weinend feiern. Und das Schicksal verfluchen, über den Tisch
gebeugt. Am Ende des 19. Jahrhunderts malten mehrere M!
aler Genrebilder, auf denen Menschen, über den Wirtshaustisch gebeugt,
schluchzen und das Leben verfluchen. Diese Gemälde sind auch heute noch
charakteristisch und treffend.

Doch statt sich auf die trüben Gewässer des Nationalcharakters und der
Volksseele zu begeben, wollen wir uns lieber die eigentümlich ungarische
Struktur des gemeinschaftlichen, nationalen Gedenkens vor Augen halten -
jenes Erinnern, ohne sich zu erinnern, die Tatsache, dass in der
ungarischen Geschichte die Erinnerung seltsamerweise so funktioniert, dass
gerade das ausgeklammert wird, woran man sich erinnern sollte. Ich
erwähnte bereits Miklós Barabás' Gemälde von Kaiser Franz Joseph.
Handwerklich vermag Barabás zweifellos ein gutes Porträt zu malen, aber er
verrät sich dort am augenfälligsten, wo er sich am meisten tarnen
möchte.

DEFORMIERTE ERINNERUNG

Das betrifft jedoch nicht nur die Malerei und die Kunst, sondern ist ein
Ausdruck der eigenartigen Deformation der ungarischen Geschichte. 1867,
nur achtzehn Jahre nach der Niederschlagung der Revolution, wird der
österreichisch-ungarische Ausgleich von einem grossen Teil ihrer einstigen
Führer begeistert begrüsst - und diejenigen, die an den Ideen von 1848
festhalten wollen, werden von der öffentlichen Meinung als Unruhestifter
diffamiert, ja selbst der Geisteszustand mancher von ihnen wird öffentlich
angezweifelt.

Zur Zeit der Jahrhundertwende wird der inzwischen alt gewordene Franz
Joseph, der für die Mehrheit der Ungarn einst mit dem Teufel identisch
war, in Ungarn einstimmig als weiser Herrscher, als Gönner und Vater der
Ungarn erachtet. Miklós Barabás' Gemälde von 1852 hat die spätere
allgemeine Meinung gleichsam vorweggenommen; was 1852 eine historische
Lüge war, konnte bis 1900 zur geschichtsformenden Kraft werden und
schwebte der Mehrheit des Landes als Wahrheit vor. Sich zu erinnern,
hiess, die Erinnerung zu verdrängen. Mit anderen Worten: Die Erinnerung
erschien umso wahrhaftiger, je deformierter sie wurde.

Dieser Prozess lässt sich in der ungarischen Geschichte seit zwei
Jahrhunderten verfolgen. Auch Miklós Horthy begann seine Herrschaft 1919
mit blutigem Terror - doch schon zwei Jahrzehnte später hielt ihn das
ganze Land genauso für einen weisen Führer und Vater der Nation wie einst
den österreichischen Kaiser. Und dasselbe gilt auch für das Nachleben der
Revolution von 1956. János Kádár trat die Macht mit einer blutigen
Abrechnung an, liess nicht nur auf sowjetischen Druck hin, sondern auch
aus eigener Überzeugung Hunderte hinrichten - doch schon zwei Jahrzehnte
später war auch er zum Liebling des ganzen Landes avanciert; man sprach
von ihm wie vom Vater der Nation.

SEHNSUCHT NACH EINEM VATER

Ja, der Vater der Nation. Bei allen drei Herrschern kommt die
gesamtnationale Sehnsucht nach einem Vater zum Vorschein. Diese Sehnsucht
wird jedoch weniger durch das Fehlen eines Vaters als vielmehr durch das
Fehlen des Erwachsenseins, durch Unselbständigkeit genährt und verstärkt.
Oder genauer durch die Ablehnung des Erwachsenwerdens, durch die Angst
davor und die Flucht davor. Infolgedessen hört die Erinnerung an die
ursprüngliche Situation zwar nicht auf, aber sie wird verzerrt und gerät
auf einen Irrweg. In seinem Buch «Das Unbehagen in der Kultur» macht
Sigmund Freud darauf aufmerksam, dass das «geläufige Vergessen» nicht
«eine Zerstörung der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung» bedeute - das
heisst, dadurch, dass man etwas zu vergessen scheint, verschwindet es
nicht spurlos. Im Gegenteil, fährt er fort: «Wir neigen . . . zu der
entgegengesetzten Annahme, dass im Seelenleben nichts, was einmal gebildet
wurde, untergehen kann, dass alles irgendwie erhalten bleibt und u!
nter geeigneten Umständen, etwa durch eine so weit reichende Regression,
wieder zum Vorschein gebracht werden kann.»

Diese Regression lässt sich auch in der Erinnerungskultur Ungarns
beobachten. Ein Problem, das natürlich keinesfalls nur in der Psychologie
seinen Ursprung hat. Nicht weniger wichtig, wenn nicht sogar von grösserer
Tragweite ist die Rückständigkeit, ja das Fehlen einer bürgerlichen
Entwicklung, weshalb Ungarn seit Jahrhunderten an den Rand Europas
gedrängt wurde und auch heute dort stecken geblieben ist. Eines der
augenfälligsten Symptome dieser Rückständigkeit ist die fehlende
Bereitschaft zum Dialog, zur Diskussion, zu einem Vergleich der
Standpunkte. Und weshalb ist diese Bereitschaft wichtig? Sehr vereinfacht
ausgedrückt: weil es nicht freundlich ist, nach Ausschliesslichkeit zu
trachten, danach zu streben, den eigenen Standpunkt total durchzusetzen.
Das gebiert Zorn, Frustration und eine bürgerkriegsähnliche Mentalität.

Aus dem Ungarischen von Akos Doma

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Antworten

Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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