Urban Life - Part 2

posted by viktor on 2005/06/27 10:49

[ Urban Life ]

NEUE ALGORITHMEN IM SOMMER 2005
Der Frühsommer 2005 klang nicht sehr viel versprechend für den 7. Bezirk von Budapest. Besser gesagt betrafen die entmutigenden Nachrichten bezüglich der Eröffnung der Sommergärten vor allem diejenigen nicht ermunternd, die aus zwingenden Gründen oder aus eigenartiger Perversion den summer in the eigenen city verbringen. Und dann, auf einmal...

Das Szimpla Imperium, Szóda, Kuplung, Gozsdu (weilt nicht mehr unter uns) prägten seit Jahren eine neue Art von Innenstadt: die Sommergärten eröffneten alle eins bis zwei Jahre in einem neuen abbruchreifen Haus, und gestalteten jedes Jahr den mentalen Stadtplan des 7. Bezirks um. Wo einst der erste Szimpla-Garten eröffnet wurde, steht heute ein Neubau. Der Garten ist jetzt anderswo stationär, und mittlerweile das ganze Jahr durchgehend geöffnet. Gozsdu hat letztes Jahr ganz zugemacht. Szoda ist jedes mal wo anders, und Kupplung seit letztem Jahr da.

Aber zurück zum Frühsommer: die Sommergärten sollen im 7. Bezirk keine Erlaubnisse mehr bekommen, es werden keine Gebäude mehr freigegeben, hieß es. Die offizielle Begründung hieß, dass die die Locations wegen den Beschwerden der Anrainer nicht freigegeben werden. Es lässt sich natürlich vermuten, dass nicht die Anrainer den wirklich überzeugenden Druck ausüben, aber ich möchte über die Immobilienpolitik des Bezirks lieber nichts wissen. (Das Verein Óvás tut doch etwas über die Immobilienpolitik des Bezirks wissen wollen; mehr dazu hier und hier.)

Die Trends der vergangenen Jahre habe ich mit dem Muster von Berlin Mitte verglichen, wo im heruntergekommenen 'Scheunenviertel' hinter dem Alexanderplatz von ähnlichen Anfangsbedingungen wie im 7. Bezirk Budapests innerhalb von ungefähr 6 Jahren sich eine absolute schicki-micki Gegend entwickelt hat. Zuerst sind in die verlassenen Häuser des ehemaligen Judenviertels Hausbesetzer eingezogen, dann haben ein Paar billige Kneipen eröffnet, dessen Einrichtung aus aufgelösten Privatwohnzimmern zusammengetragen wurde, dann kamen noch ein Paar junge Künstler dazu, die da unter günstigen Umständen zu Werkstätten kamen, dann noch eine kleine Stadtteilrehabilitation, und da kamen auch schon die ersten Touristen.
Die Hackesschen Höfe (so wie Gozsdu, nur dreimal so groß) sind halt schon zu teuer für Studenten, und der Tacheles hat auch keine lebensgefährlichen Räumlichkeiten mehr. Die Gegend ist voll mit Designergeschäften, Restaurants, und natürlich kleinere und größere Galerien. Der Radius um den Kern dieser Entwicklung (sagen wir mal Oranienburger und Auguststraße) wird immer größer, die billigen Kneipen sind schon am Rand von Penzlauer Berg, aber doch eher nur noch in Friedrichshain. In Budapest habe ich etwas ähnliches vermutet. Und dann kamen die Nachrichten im Frühsommer: die Selbstverwaltung macht dem ganzem abrupt ein Ende - sogar Szimplakert wurde kurz mal schikaniert, dass der Gartenteil zugesperrt werden soll.

Und dann auf einmal... Szóda-Garten eröffnet auf dem József nádor tér, dem Platz gleich neben Vörösmarthy tér, dem elegantesten Teil des 5. Bezirks. Eine kleine Galerie hat am Freitag für zwei Wochen in der Nádor utca eröffnet (in den Geschäftsräumen zieht später ein Restaurant ein). Und ein monumentales Projekt: am Donnerstag eröffnete Tüzraktár: ein verlassenes Industriegebäudekomplex in der Tüzoltó utca im 9. Bezirk.
Somit ist die Theorie vom 7. Bezirk als dem Kernpunkt der erfreulichen summer in the city Aktivitäten gestürzt (schon die Ráday utca hat diese Theorie ein wenig geschwächt), ab jetzt werden wohl die Stätten der kulturell und gastronomisch motivierten legalen Hausbesetzungsaktionen einen erfreulich unübersichtlichen Algorithmus folgen.

 


Antworten

Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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