Emergenzen 5 - Part 10

posted by Amalia Kerekes on 2007/09/20 15:06

[ Emergenzen 5 ]

Zum Workshop Emergenzen 5: Wissenschaftskommunikation und Fantastik (Budapest, 5.-6. Oktober) sind nun die Abstracts und die kurzen biografischen Angaben zu den Vortragenden vollzählig zu lesen.

Roland Innerhofer: Fantastik und Möglichkeitssinn. Zur literarischen Organisation des Wissens bei Kafka und Musil

Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts kann als eine Epoche der Verwissenschaftlichung und Experimentalisierung von politischen Regierungs- und sozialen Regulierungstechniken gesehen werden. Die Formen und Verfahren der Verwaltung, die Speicher- und Übertragungsmedien und ihre Datenströme scheinen in den Texten von Kafka und Musil mit den literarischen Techniken zu konvergieren. Doch in ihrem literarischen Re-Arrangement, in ihrer oft paradoxen Überblendung, in den "unglaublichsten Nachbarschaften zwischen Diskursen, Medien und Maschinen" (Benno Wagner) werden Wissensbestände und diskursive Ordnungen verfremdet, gewissermaßen ver-wendet oder absichtsvoll fehlerhaft reproduziert. Dadurch werden Machteffekte bei der Formierung und Konstitution von Wissen sinnfällig.

Dr. Roland Innerhofer, Dozent für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien. Buchpublikationen u.a.: Deutsche Science Fiction 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung (Wien 1996); Bauformen der Imagination. Ausschnitte einer Kulturgeschichte der architektonischen Phantasie (Herausgeber, Wien 2007). Zahlreiche Arbeiten zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, bes. zur Poetik der Science-Fiction und der Phantastik, Theorie und Praxis der Avantgarden, Wechselwirkung Literatur / Technik / Architektur / Film / neue Medien.

Kontakt: roland.innerhofer@univie.ac.at

Amália Kerekes / Katalin Teller: Die wilde Mitte. Realitätseffekte und Exotismus in den Wild West Shows von 1905 im Wiener Prater

Nach fünfzehn Jahren kehrt Buffalo Bill alias William Frederick Cody mit seiner ethnisch aufgebesserten Völkerschau auf Pferden in die Wiener Zirkusszene zurück. Die mit Kosaken und Japanern bereicherte Indianereskapade gibt Anlass, die sprichwörtlich gewordenen Fremdheitseffekte im Zusammenhang mit dem Ausstellungswesen aufgrund dieser mehr als chaotischen Unterhaltungstechnik zu überprüfen. Die Bandbreite der Pressenotizen lassen die Hypothese zu, dass populäre, massenmedial wirksam gewordene Formen fantastischer Inszenierungen vorzüglich in den Boulevardmedien als autochthone Systeme gehandhabt werden, einen Schritt weiter davon, Richtung Parteiblätter tut sich aber ein breites Assoziationsfeld auf, was das Aufbrechen der Selbstreferentialität der Fantastik zur Folge hat. Die Grundfrage unseres Vortrags richtet sich auf Säkularisierungsmechanismen, die mit der Genese der Fantastik in Verbindung stehen, dennoch den Anschein haben, der tagespolitischen rhetorischen Vereinnahmung nicht Stand halten zu können.

Amália Kerekes, wissenschaftliche Assistentin am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität Budapest. Mitarbeiterin des Forschungsprojekts Regionalität, kulturelle Techniken, Wissenschaftsbilder in der Kultur der Jahrhundertwende und der Zwischenkriegszeit. 2004 Promotion, Dissertation über das Spätwerk von Karl Kraus.

Kontakt: amalia.kerekes@kakanien.ac.at

Katalin Teller, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projektes Regionalität, kulturelle Techniken, Wissenschaftsbilder in der Kultur der Jahrhundertwende und der Zwischenkriegszeit am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität Budapest. Doktorarbeit über die literaturtheoretischen Implikationen von Sprachspielen in der österreichischen und russischen Kultur um 1900. Seit 2007 Mitarbeiterin der wissenschaftlichen Internet-Plattform Kakanien revisited für Mittel-Ost- und Südosteuropa-Studien.

Kontakt: katalin.teller@kakanien.ac.at

 

Edit Király: Des Kartentuches Goldband. Die Donau in Jókais Roman des künftigen Jahrhunderts

Technische Erfindungen und naturwissenschaftliche Kenntnisse sind ein wichtiger Bestandteil von Jókais Science-Fiction-Roman. In dem darin vorgestellten utopischen Staat am Donau-Delta bietet selbst der Gottesdienst naturwissenschaftliche Aufklärung. Doch das Aufgebot an technischen Mitteln und Erklärungen dient in Jókais Roman der Aufbereitung von mirabilia, von wunderbaren Orten, Materialien und Zusammenhängen.

Der Blick aus den neu erfundenen Luftfahrzeugen, den Aerodromen, bezweckt nicht die Kartografierung der Erdoberfläche, sondern das Eindringen in ihre Tiefen. Die Leichtigkeit des Luftverkehrs schafft keine homogenen globalen Räume, sondern vermittelt zwischen räumlich abgesonderten Lebenswelten und bietet statt einer Wissensordnung der Fläche eine Topografie der Verstecke. Selbst die künstlich heraufbeschworene Donauflut inszeniert mythische Motive.

Dr. Edit Király, Studium der Germanistik und Soziologie in Budapest; Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin, Kritikerin; seit 1999 Oberassistentin am Germanistischen Institut, ELTE Budapest; 1998 Promotion mit der Dissertation Drachen, Hexen und Dämonen in Wien. Zahlreiche Übersetzungen von Romanen und philosophischen Texten; Aufsätze zur deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, zur Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts.

Kontakt: kacori@axelero.hu

 

Magdolna Orosz: Identität, Identitätskonstruktionen und Fantastik bei Leo Perutz

Leo Perutz, dessen Erzählen in den letzten Jahren intensive Aufmerksamkeit erhielt, repräsentiert einen besonderen Typ fantastischen Erzählens, indem die fantastischen Elemente in einem mehrschichtigen, vielfach reflektierten Erzähldiskurs funktionalisiert werden, der die Möglichkeit einer fantastischen Interpretation zugleich in Frage stellt. Im Beitrag werden durch die Analyse der Erzählung Das Gasthaus zur Kartätsche u.a. die Fragen der Gestaltung des Erzähldiskurses in den zwei Fassungen, die Probleme der intertextuellen Elemente, ihrer Funktionalisierung sowie des unzuverlässigen Erzählens in Hinsicht auf eine fantastische Lektüre thematisiert.

Magdolna Orosz, Univ.-Prof. Dr.. Studium der Germanistik und Romanistik. Seit 1999 Leiterin des Lehrstuhls für deutschsprachige Literatur am Germanistischen Institut der ELTE Budapest. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Romantik (insbes. E.T.A. Hoffmann) und zur österreichischen und ungarischen Literatur der Jahrhundertwende (v.a. zu Beer-Hofmann, Hofmannsthal, Andrian, Schnitzler, Babits, Cholnoky, Lovik). Forschungsschwerpunkte: Narratologie, Intertextualität, Intermedialität, semiotische Literaturanalyse.

Kontakt: magdolna.orosz@gmail.com

 

Tünde Radek: Über "phantastische Welten" in Leo Perutz' Nachts unter der steinernen Brücke

"Die außerordentlichen Dinge", schrieb einmal der spanische Gesandte seinem König, "sind am Prager Hof die alltäglichen und gewöhnlichsten." (Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke).

In meinem Referat wird der Versuch unternommen, im Sinne des hervorgehobenen Zitats "fantastische Welten" in Leo Perutz' Nachts unter der steinernen Brücke zu erschließen, die Vielschichtigkeit des "Übernatürlichen" in seinem Facettenreichtum aufzuweisen und zur Bestimmung von Konstituenten des Fantastischen beizutragen.

Tünde Radek, wissenschaftliche Oberassistentin am Germanistischen Institut der ELTE. Forschungsbereiche: Mediävistik, Imagologie, Mentalitätsgeschichte. 2005 Promotion über das Ungarnbild in der deutschsprachigen Historiografie des Mittelalters. Aufsätze zur Rezeption der mittelalterlichen Kultur und zum Thema der Regionalität.

Kontakt: tradek13@gmail.com

Béla Rásky: Leo Perutz Mainacht in Wien: Ein (allzu) frühes Werk der österreichischen Vergangenheitsbewältigung

Der einseitige österreichische Opfermythos bezüglich der Rolle des Landes und seiner Bevölkerung während der NS-Besatzungszeit läuft manchmal Gefahr von einem einseitigen Täter- oder Kollaborateursmythos abgelöst zu werden. Dabei hat die jüngste Uminterpretierung der Geschichte des Landes ihre Wurzeln eben in jener Zeit, die im einseitigen Tätermythos, als eine Zeit der Finsternis mit dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit stilisiert wird. Dabei ist es gerade diesen - vergessenen, wieder entdeckten und wieder vergessenen Werken die Situation Österreichs 1938 bis 1945 häufiger viel differenzierter und feiner darzustellen als jenen spärlichen Umsetzungen, die nach der "Katharsis" des Landes 1985-89 erschienen sind. Besonders hervorzuheben sind die Werke von Gerhard Fritsch, Hans Lebert oder Fritz Habeck, die frühen Filme der Wien-Film. Leo Perutz' Romanfragment Mainacht in Wien, auf der Reise ins palästinensische Exil verfasst, gehört auch in diese Reihe. Bereits früh abgebrochen deutet es aber auch die Zweifel des Autors an der Möglichkeit der Darstellung und Aufarbeitung dieser Epoche an.

Béla Rásky, Historiker, Mitarbeiter zahlreicher Projekte und Ausstellungen im
Bereich der Geschichte der österreichischen Republiken sowie Ungarns, Verfasser mehrerer Studien zur Geschichte und Aktualität europäischer Kulturpolitik(en).

Kontakt: bela.rasky@univie.ac.at

 

Usha Reber: Groteske Materialität. Zur Karriere der (Info)Matrix

Der Beitrag geht von der derzeitigen Selbstverständlichkeit von materieller Einschreibung und Verortung von Information aus. Zu Grunde liegen dabei SF- und Fantastik-Romane von Alastair Reynolds (Pushing Ice, Revelation Space), William Gibson (Pattern Recognition), Margaret Atwood (Oryx and Crake) und Alban Nikolai Herbst (Buenos Aires. Anderswelt, Argo. Anderswelt). Die Verflechtung von Zeit/Raum, Information und Materialität wird dabei vor allem in ihrer grotesken Ausformung als absurde Körperlichkeit/Verkörperung chronologisch zurückverfolgt bis zu Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Leo Perutz. Zur Frage steht dabei jedesmal die Verbindung zwischen Materie und Information, der Gebrauchswert der jeweiligen Information sowie die literarischen Techniken der Evozierung genuin sprachfremder Medien und Informationen im literarischen Text. Methodisch bewegt sich der Beitrag zwischen Posthumanismus, Cyberpunkforschung, und allgemeiner Medientheorie.

Ursula Reber, Studium der Klassischen Philologie, Germanistik, Philosophie, Religionswissenschaft und Indologie an der Philipps-Universität-Marburg. Dissertation Bildverschleifungen. Zu einer Theorie der Metamorphose, eingereicht im Dezember 2005 an der Univ. Wien. Seit 2000 Mitarbeiterin der wissenschaftlichen Internet-Plattform Kakanien revisited für Mittel-Ost- und Südosteuropa-Studien; seit 2003 Fellow am Wirth Inst. an der University of Alberta, Edmonton; seit 2004 Mitarbeiterin des Forschungsprojekts Zentren und Peripherien in Österreich-Ungarn, 1867-1918. Forschungsinteressen: Literaturtheorie, Romantik, Postcolonial Studies, Cultural Studies, Bildwissenschaften, Intertextualität, Phantastik, Raumphilosophie.

Kontakt: usha.reber@kakanien.ac.at

 

Sabine Zelger: Wissen durch Störung. Das frühe Telefon in Bericht und Literatur

Als Abfallsprodukt naturwissenschaftlicher Forschung verschiedener Länder ist das Telefon von Anfang an ausgesprochen offen für eine Bandbreite an Adaptionen in verschiedenen Ländern: Es fungierte als Jahrmarktsensation in Deutschland, als Nachrichtengerät in Ungarn, als Opernradio auf diversen Weltausstellungen, als Klingel für das Hauspersonal, als Medium für Befehle. Auch der wechselseitige kommunikative Gebrauch, der schließlich einsetzte, ist gekennzeichnet durch große kulturelle und nationale Unterschiede - in Dauer, Häufigkeit, Motive des Telefonierens - was nur unwesentlich von den technischen Möglichkeiten bedingt war. Das heißt, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Ländern quasi gleichzeitig eminent voneinander abweichende Telefonkulturen hervorbrachten, obwohl die technischen Möglichkeiten ähnlich waren.

Leider hat die frühe Entwicklungs- und Aneignungsgeschichte des Telefons die zeitgenössische Forschung und Publizistik wenig interessiert. Als funktionstüchtiges Medium traten das Gerät und seine Nutzung aus dem Blickfeld, jenseits technischer Daten der Verbreitung oder Vermittlung blieb es uninteressant.

Als umso spannender erweisen sich Berichte für Behörden und literarische Texte, in denen über Störungen, Behinderungen, Verzögerungen das (spärliche) Wissen um das Gerät und seine Nutzungsvielfalt zugänglich wird. Oft löst erst das mangelnde Funktionieren Reflexionen aus, wirft Fragen zu technischen Details oder Gebrauchsformen auf. Über die Beschreibung, Behebung, Rechenschaft kristallisiert sich in beiden Textsorten eine Vielzahl an Projektionen heraus, kulturelle, nationale und gesellschaftliche Differenzen werden konstruiert, selektive und distinktive Mechanismen zeichnen sich ab. Sie gilt es in meinem Beitrag in ihren jeweiligen Textspezifika sichtbar zu machen.

Anhand exemplarischer Berichte, etwa zu Münzfernsprecher oder Telefonnetzen, sowie ausgewählter literarischer Textstellen aus der Frühzeit des Telefons soll gezeigt werden, wie das Wissen um das Telefon in seiner Medialität, in seiner Beschränktheit oder Offenheit und in seinem sich wandelnden Gebrauch organisiert ist oder erweitert wird und worauf die Schreibweisen fokussieren: auf die Herstellung oder Demontage länder- und klassenspezifischer Hierarchien, auf subversive oder kommerzielle Aspekte, die die Hierarchien unterwandern oder auf den Rückzug in ein magisches Zeitalter, in dem das angeeignete Wissen als Relikt fungiert und fantastische Szenarien produziert.

Sabine Zelger, Diplomstudium der Germanistik und Theaterwissenschaften an der Universität Wien. Abschluss 1990, Doktoratsstudium ebenda 1997 abgeschlossen. Seit 1998 wissenschaftliche Studien zum Bürokratischen Alltag in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Kontakt: sabine.zelger@quattro.co.at


Antworten

Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

> RSS Feed RSS 2.0 feed for Kakanien Revisited Blog Budapest

Calendar

Links