1956 remembered - Part 5

posted by Bela Rasky on 2006/03/25 01:15

[ 1956 remembered ]

Beverly A. James, Imagining Postcommunism. Visual Narratives of Hungary's 1956 Revolution. Texas A&M University Press 2005.

Im Zuge meiner Recherchen für die Wiener Ausstellung "Ungarn 1956 – Flucht nach Wien" ist mir ein Buch untergekommen, das ich im folgenden zu rezensieren versuchen werde – vor allem aus dem Grund, da mir viele Fragestellungen und Antworten nicht ganz klar sind, und ich versuchen werde, mir selbst (be)schreibend Klarheit über einige selbstgestellte Fragen zu verschaffen. Das Ding soll also keine wissenschaftliche Rezension werden...

Zusammengefasst erscheint mir das Buch in vielen seinen Mikroaussagen – die bestimmte Ereignisse, Manifestationen und Denkmäler versuchen, diskursanalytisch zu fassen - total schlüssig zu sein, während ich das große Ganze, die Makroaussage, – horribile dictu – "die große Erzählung" nicht verstehe: Am Buchdeckel steht, die Autorin werde versuchen den Gründungsmythos des neuen, demokratischen Ungarn zu beschreiben, eine

visual recovery of the repressed past (6)

zu leisten. OK, das Wort "founding myth" kommt im ganzen Buch nicht mehr vor, aber irgendwie zieht sich dennoch diese Idee durch das Buch, wird aber nie ausgeführt.

 

 

Abgesehen davon, dass mich dieser Umschlagtext gegenüber dem ganzen Buchprojekt sofort skeptisch gestimmt hat, gelingt ihr das Aufspüren dieses Gründungsmythos oder der Absicht der Visualisierungen von 1956 – akzeptiere ich ein einmal den Ansatz auch innerhalb dieses Rahmens – meiner Ansicht nach nicht. Klar: weil so etwas wie ein Gründungsmythos sui generis, aber eben im besonderen eben auch im ungarischen Fall einfach nicht mehr funktioniert. James dreht aber den Spieß gewissermaßen gleich am Anfang des Buches mit einer spezifischen, ich sage einmal kolonialistischen Sichtweise um, wenn sie behauptet, Osteuropa hätte schon immer und traditionell Mythen als Erklärungsmuster für die eigene Geschichte gebraucht:

"As we will see, the reconstitution of memory about 1956 draws upon some of the archetypal myths of East Central Europe – those of territory as a sacred space, of suffering and redemption, of unjust treatment and of military valor." (18)

Ich meine eben, dass die Traditionalität inzwischen sogar im "ostischen" Ungarn zu einem Ende gekommen ist, es sie vielleicht auch eben nie gegeben hat: sozusagen nun "The invention of dissolving and breaking traditions" auf der Tagesordnung steht.

Die ungarische Revolution sei – das die Prämisse der Autorin – ein "politisches Legitimationsinstrument" im ungarischen Geschichts- und Erinnerungsdiskurs zwischen dem unmittelbaren Danach und heute. Stimmt vielleicht einmal gerade bis zum Instrument, allein, ob dieses Instrument dann auch praktisch funktioniert, wäre meines Erachtens die viel entscheidendere Frage.

Natürlich nicht, aber warum nicht? Warum ist alles, das was James anspricht im ungarischen Diskurs zwar präsent, aber irrelevant? Sie spricht das selbst in einer Fußnote an, als die Mutter einer ihrer Informantinnen an einem 23. Oktober auf dem Markt geht, sie erstaunt feststellt, dass niemand da sei, und ihr dann die Bäuerinnen erklären: "Heute ist der 23. Oktober, wissen Sie, man feiert das jetzt anstelle des 7. November." (Die Geschichte kann übrigens nicht stimmen, da der Markt an einem 23. Oktober als ganzer geschlossen ist, aber auch niemand den 23. Oktober mehr "vergisst", aber sei's drum.)

Anhand von sechs Ereignissen dokumentiert James im folgenden den Einsatz dieses Instruments, versucht diese diskursanalytisch und visuell einzufangen. Unklar bleibt warum sie

den Statuenpark 1992
das Stalindenkmal 1956
das KP-"Denkmal für die Märtyrer der Konterrevolution am Köztársaságtér" 1957
die Enthüllung eines Denkmals für Ilona Tóth 1993
das 56-er Museum Kiskunmajsa
das Imre-Nagy-Denkmal zwischen Kossuth- und Szabadság-tér 1996

in das Zentrum ihrer Auseinandersetzung stellt und warum andere Ereignisse, Visualisierungen aus der Analyse herausfallen (z. B. die Wiederbestattung von Imre Nagy, das Denkmal von György Jovanovics in der Parzelle 301 usw.). Unklar bleibt aber auch die chronologische Reihenfolge, die Gewichtung, der Kontext der einzelnen hier besprochenen visuellen Erinnerungen, Zeremonien:

Stimmt natürlich: Die Auseinandersetzungen um die Organisation der Wiederbestattungszeremonie von Imre Nagy am 16. Juni 1989, die allzu kursorisch beschrieben wird, sind bis heute nicht publik, die Materialien zur Vorbereitung des Begräbnisses nicht öffentlich zugänglich. Vieles bleibt daher auf der dokumentarischen Ebene zu unklar, um irgendwelche Schlussfolgerungen treffen zu können: aber die äußerliche Inszenierung des Aktes selbst wurde bereits von Éva Kovács in der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaftenanalysiert.

Natürlich stimmt James' Ansatz auf den ersten Blick: Ungarn ist traditionell gesehen ein Paradebeispiel dafür, wie es Eliten immer wieder verstanden haben, sich ihre politische Legitimation aus der Geschichte zu holen, gewissermaßen jeden ihrer Schritte historisch zu untermauern und damit zu legitimieren. Das ist inzwischen so sehr ein Gemeinplatz, dass er endlich einmal dekonstruiert gehört. Aber James reißt sogar diese Phrase bestenfalls nur an, ohne auf die Literatur, oder auf die jüngsten historiographischen Auseinandersetzungen um die Erinnerung an 1956 einzugehen – erwähnt diese nur en passant oder im bibliographische Anhang. Aber diese inzwischen – auch von mir so oft – kolportierte Ansicht kann wie gesagt nicht ewig perpetuiert werden - weshalb mir die beiden Grundannahmen von James problematisch erscheinen: 1956 ist eben nicht der Gründungsmythos der 3. Republik und die visuelle Repräsentation historischer Ereignisse spielt vielleicht in Ungarn – mit seiner starken protestantischen Kultur - keine so große Rolle: Die ungarische Geschichtskultur ist nun mal eher textorientiert.

Die im europäischen Kontext durchaus eigentümliche ungarische Geschichtskultur, die Obsession des (durchaus oberflächlichen) öffentlichen Diskurs mit der "nationalen" Geschichte ist bereits wiederholt zu Themen größerer wissenschaftlicher Arbeiten geworden. Erst jüngst hat Árpád von Klimó in seiner Habilitation an der FU Berlin die ungarische Geschichtskultur im Detail von ihren Ursprüngen bis 1948 dargestellt. Klimós theoretische Ansätze könnten in ihren Hauptlinien auch durchaus nach 1948 weitergeführt werden, würden – trotz eines anderen Umfeldes - auch in der Analyse der Revolution 1956 durchaus fruchtbar sein: Eben als Aufgabe des Historikers und der Historikerin, inwieweit Klimós Raster nach 1948 falsifiziert oder rektifiziert werden kann, also um Brüche und/oder Kontinuitäten sichtbar zu machen.

Bis hin zur Formulierung der Hypothese, dass der Umgang mit 1956, der Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis bezüglich dieses Ereignisses, eben eine Bruchstelle in der traditionellen ungarischen Geschichtskultur, eine Art "Modernisierung" bedeuten könnte. Dass also eben der Versuch den James startet, suggeriert, dass es eine weitere Kontiniutät gibt, während ich glaube, dass alle Beispiele die James aufbringt, nur belegen, dass 1956 einen Bruch in der ungarischen Geschichtskultur bedeutet. (OK, das ist nicht ihre Fragestellung.)

So einen Bruch zeigt aber James auch anhand eines Aufsatzes von Kristel Lane (ich habe jetzt den Titel nicht exzerpiert blöderweise, ich glaube: Legitimacy and Power in the Soviet Union through Socialist Ritual
Christel Lane British Journal of Political Science, Vol. 14, No. 2 (Apr., 1984) , pp. 207-217)
: Die Rituale der jungen Sowjetunion hätten danach einen Bruch mit der russisch-orthodoxen Tradition bedeutet, während die stalinistischen Rituale mit ihren Bilderikonen wieder in die Tradition zurückkehren. Kann es sein, dass es hier den Bruch gibt? Dass die politischen Eliten, die James darstellt, eben 1956 in die tausendjährige Tradition hineinholen möchten, während die gesellschaftliche Erinnerung sich dieser Absicht verweigert und dabei modernere Erinnerungsformen "ritualisiert"?

Gerade das Beispiel Österreich zeigt ja, dass es hier ebenfalls eine politische Elite war, die nach der Katastrophe versucht hatte, einen Gründungsmythos historisch abzusichern, mit dem Ostarrîchi-Dokument sich eine tausendjährige Kontinuität zu verschaffen. Erst nachdem alle diese – krampfhaften, von Schweißgeruch beladenen – Versuche gescheitert waren, gab man auf. Die ersten Erfolgserlebnisse des österreichischen Gemeinwesens – 1955, Hilfe für die Ungarnflüchtlinge 1956, beginnender Wohlstand – sind - wenn wir wollen – von der Gesellschaft kreiert, sicherlich auch aus dem Schuldgefühl heraus, kollaboriert zu haben. Und erst diese Leistung, zusammen mit vielen anderen Faktoren schufen eine Legitimation und eine Art republikanische Loyalität, auf die sich wieder die Elitenerinnerung gewissermaßen draufsetzt. Was weiß ich...

Geschichtstheoretischere Fragestellungen solcher Art werden aber in der vorliegenden Arbeit bestenfalls über die einzelnen (oft auch nur summarischen) Darstellungen der einzelnen Positionen angeschnitten (und müssen größtenteils auch vom Leser, von der Leserin selbst gestellt werden). Die Darstellung der einzelnen Interpretationsebenen bleiben irgendwie in den diskursanalytischen Fragestellungen hängen, vielleicht weil James trotz allen unbestritten und erstaunlichen Detailwissens letztlich der historische Zugang fehlt: 1956 kann nicht zum Gründungsmythos werden, gerade weil der Mythos der Einheit dieser Tage eben nur ein Mythos bleibt, der – siehe Ende – aber auch gebraucht wird. Allein von wem? Ja, die Machtfrage muss her...

In diesem Sinn ist die Darstellung des Statuenparks bei James am schlüssigsten, ist aber paradoxerweise auch jenes Kapitel, das die bereits bestehende wissenschaftliche Literatur nur zusammenfasst, nichts Neues bringt: Dass das Fehlen der Beschriftung der Denkmäler eben der Diskurs selbst sei, dass der Statuenpark postmodern, in dem Sinn sei, dass er gewissermaßen mehrere Lesemöglichkeiten offen ließe, ja sogar eine Ironisierung zuließe, ist inzwischen unzählige Male beschrieben worden – und stellt gerade die Antithese zur Hypothese James dar:

"The relocation of the communist monuments radically destabilized whatever meanings they had, come to embody the various publics that encountered them in their original settings. The museum is postmodern too in that it juxtaposes pieces that embody seemingly incongruous versions of communism.(25)"

Die Diskussion um gesellschaftliche Erinnerung und Amnesie der Ereignisse, und die zu einer ganz gewissen Zeit, in einem ganz bestimmten setting dieses Museum überhaupt erst ermöglichten (das heute wohl in dieser Form unmöglich wäre und auch verunmöglicht, marginalisiert, als Scherz dargestellt wird, sich vielleicht sogar auch noch so versteht), und die in Ungarn ja seit Jahren geführt werden, interessieren sie bestenfalls am Rande.

Mit 1956 scheint es eben anders zu sein, die Erinnerung kann spalten, aber auch viele einfach nur kalt lassen, ein neues Phänomen im Verhältnis der Ungarn zu einer oder ihrer Geschichte, in der die "Asche noch heiß ist". Aber noch ist hier vieles unklar – vielleicht eben auch, weil sich Ungarn in dieser Frage gerade an der zeitlichen Schnittstelle zwischen kommunikativen und kulturellen Erinnern befindet.

Dennoch bleibt die Frage virulent (und müsste um einer Fragestellung einen theoretischen Hintergrund zu liefern explizit formuliert werden), ob 1956 nicht einen Wendepunkt in den nationalen Geschichtsmythen, eine "Laizisierung" des ungarischen Geschichtsbewusstseins bedeuten könnte – eben weil dem Ereignis auf gesellschaftlicher Ebene kein großer Stellenwert mehr beigemessen wird, zumindest nicht sichtbar. Und die Versuche auf dem "Ereignis" eine politische Legitimation aufzubauen, so offensichtlich sind, dass die Öffentlichkeit beginnt, das Ereignis selbst zu missachten (oder um es ungarisch geschichtsobsessiv zu formulieren: "das Kind mit dem Bade auszuschütten"): Marginalisierte – Eliten, "Überlebende", also die größten Feinde der HistorikerInnen - scheinen sich um ein Erbe zu streiten, im gesellschaftlichen Bewusstsein ist nur wenig verankert, ist das Ganze fast bedeutungslos.

Sicherlich, diese Frage ist in Ungarn selbst noch nicht geklärt, allein die kurz aufflackernde Debatte um "Vergessen" und "Erinnern" (eben auf der noch-kommunikativen Ebene) von 1956 und dem "Wie" vergessen, "Wie" erinnern, wäre hier unbedingt zu erwähnen: Das Buch des Medienwissenschafters Péter György ebenso wie die Repliken der Historiker Gábor Gyáni, János M. Rainer und György Litván. James lässt es offen, wie man sich erinnert. Der Satz "in exchange for economic prosperity, a dociel, obedient, public withdrew into private life – memory was never obliterated" – erscheint hier zu wenig: denn die Frage wäre wohl wie man diese Geschichte letztlich doch nicht "obliterated" hat. Was macht also den Unterschied aus?

Außer der terroristischen – unmittelbar nach 1956 bis etwa 1963 – hat aber keine Phase des Kádárismus seine Legitimation unmittelbar aus der Niederschlagung der Revolution bezogen. Charakteristisch ist vielmehr ein ganz anderes Verhältnis: die vollkommene Tabuisierung von 1956, das Totschweigen und damit einhergehend die totale Enthistorisierung des ungarischen öffentlichen Diskurses (soweit man unter kádáristischen Bedingungen von einer solchen sprechen kann). Nie war die ungarische "Öffentlichkeit" so ahistorisch wie in der Blütezeit des Kádárismus. James nennt das am Beispiel des 1957, nach der Niederschlagung der Revolution, anhand des Denkmals für die Opfer des Massakers beim KP-Parteihaus am 1. November 1956 eine "state-directed forgetting" (dem sich – um mit Gyáni zu sprechen – aber eben ein gesellschaftliches Erinnern entgegensetzte). Der Kádárismus hat es nie gewagt, sich offensiv an 1956 zu erinnern, aber ebensowenig die ungarische Gesellschaft.

Tatsächlich war diese Epoche trotzdem – so paradox dies auch klingen mag – eine Blütezeit der ungarischen Historiographie: Nicht etwa, weil den HistorikerInnen – wie oft behauptet wird - die Aufgabe zugefallen sei, diese "permanente Gratwanderung" wissenschaftlich zu fundieren, sondern vielmehr wegen ihrer relativen Freiheit: Geschichte als Legitimation war für den Kádárismus in seiner Blütezeit eben wegen 1956 ein ungangbarer Weg: "Anstelle der als höchsten nationalen Wert gefeierten Unabhängigkeit kamen nun die Wert der materiellen Verbürgerlichung," schreibt der in diesem Kontext unbedingt zu berücksichtende ungarischer Historiker Miklós Szabó. Und damit waren die Historiker und Historikerinnen "vogelfrei", denn sie waren für politische Legitimationskonstrukte nicht zu gebrauchen, weil das System vor seiner eigenen Geschichte flüchten musste. Alles was die ungarische Geschichte bot, konnte – gewollt oder ungewollt – unmittelbar immer wieder an die Entstehungsbedingungen des Regimes erinnern: Osmanenkriege, Bauernkriege, 1848. Und damit musste die Geschichte aus dem öffentlichen Raum soweit wie möglich verbannt werden. Eben diese Vogelfreiheit der Zunft ermöglichte es ihr, mit vielen großen Mythen der ungarischen Geschichte zu brechen, große Märchen zu relativieren: Weil es die Macht nicht interessierte.

Erst in der Verfallsphase des Kádárismus (ab ca. 1980) trat die Historisierung gesellschaftlicher Phänomene wieder in den Vordergrund, wurde Geschichte wieder gebraucht. Aber auch hier spielte 1956 nur eine übertragene Rolle: Zum Beispiel für die Nostalgie der Habsburgermonarchie im Spätkádárismus. Und die so oft bemühten Parallelen zwischen dem Ausgleich 1867 als vermeintlichem Konfliktlösungsmodell der Revolution 1848 und dem kádáristischen Ausgleich, der die Konflikte und Fragen der Revolution 1956 gelöst haben soll, waren eine allzu offensichtlich kodierte Botschaft an die Gesellschaft.

Nur die in den siebziger Jahren entstandene demokratische Opposition nahm – unter den Bedingungen eines Polizeistaates - den Faden des Erinnerns an die Opfer von 1956 auf. Tatsache ist, dass sich die demokratische Opposition bezüglich der Revolution 1956 verstärkt einen eigenen Mythos aufbauen, wenn wir wollen sich eigene historische Kontinuitäten in Abgrenzung zum Regime schaffen wollte. Sie begann verstärkt in historischen Kategorien zu denken (im Gegensatz zur Gesellschaft), sich Kontinuität und Tradition zu verschaffen, aber eben auch die nationale Geschichte zu mythisieren: Wahrscheinlich liegt hier auch die Ursache des Wiedererwachens dieser obsessiven ungarischen Geschichtskultur (bei den Eliten) nach 1989/90, die James vollkommen übersieht. Aber letztlich konnte sich die ungarische Opposition keine historische Tradition verschaffen, vielmehr wurden die alten Stereotypen rehabilitiert und ins öffentliche Bewusstsein der jungen dritten Republik hineinprojiziert: Opposition wie Regime hatten ihren Anteil daran, sei auch hier hypothetisch festgestellt.

Hier liegt der entscheidende Punkt und die Frage, die sich James nie stellt – nämlich warum gerade die Rechte, ja die nationalistische Rechte, sich heute 1956 zum zentralen Erinnerungsort schmiedet, schmieden kann: Wie es der Rechten gelungen ist, eine genuin proletarische Revolution (ja, Hannah Arendt) umzupolen, sich für sich zu beanspruchen, den intellektuellen und mnemetischen Diskurs für sich zu okkupieren, letztlich aber damit die gesellschaftliche Präsenz der Revolution und ihres Legitimationswertes für die junge Republik zu unterwandern.

Dies wird zwar in dem Kapitel über die Enthüllung des Denkmals von Ilona Tóth angedeutet, aber nie ausgeführt: Visuell gesehen geschieht die Erstaufstellung des Denkmals in einem kleinen Garten abseits der Stadt, visuell markiert durch ein "Székely kapu", ein in Siebenbürgen gebräuchliches Holztor, was die Besetzung von 1956 durch den Großungarn-Mythos beschreibt.

Genau so gut hätte James aber die Parzelle 301 heranziehen können – wo eine (liberale) politische Elite (mit demselben Pathosanspruch), einen nüchternen, einfachen, und damit sehr pathetischen Hain im Gedenken an die gehenkten Opfer der Revolution gestalten ließ (György Jovanovics's Stein ist wohl das beste Beispiel dafür), das aber langsam von den Angehörigen der Opfer, mit ihrem Recht auf individuelles Gedenken, zu einem geschmacklosen Trianon-Memento mit allen dessen Versatzstücken umfunktioniert wurde – und heute eher einer Geisterbahn oder einem Disneyland gleicht.

James würde dem wohl in Anlehnung an ihre Darstellung des 56-er Museums in Kiskunmajsa relativierend diskursanalytisch erwidern:

And therein lies he unintended emotional power of this display and of the 1956 museum as an institution: It speaks to the human drive to honor and preserve the past regardless of the limitations of the composer."(157)

Aber die ungarische Mehrheitsgesellschaft erinnert sich offensichtlich eben anders an die Revolution und kann mit dem eingeforderten Pathos – von beiden Seiten - nicht viel anfangen bzw. relativiert – nicht zu Unrecht – vieles von den heroischen Gehalt, wenn dies auch sicherlich nicht zuletzt wegen der jahrzehntelangen Verzerrung und Denunziation der Ereignisse durch das Kádárregime geschieht.

Es gelingt eben nicht mehr, einen Helden zu konstruieren - und trotzdem wird diese Vergangenheit geschätzt: Am besten illustriert das James wiederum – unbeabsichtigt – selbst, wenn sie die Kontroversen um das Denkmal von Imre Nagy beschreibt, vor allem aber dessen Kritik. Dieser Mythos, der dort eingefordert wird, funktioniert nicht mehr, das ist die Botschaft.

Warum er dann noch eingefordert wird? Weiß der Kuckuck. Oder:

"The ceremonies and other symbolizing activities surrounding the 1956 Hungarian revolution are highly unifying for groups that are predisposed to cohesion as a result of their ideological, generational and experiential similarities. But for the nation as a whole, they are evidence of deeply rooted cultural tensions. Indeed […] the frenzied myth making that takes place in times of great social upheaval is an attempt to impose unity, to transcend the gags among diverse groups and create at least the illusions of an ordered society."(110)

 

http://kakanienneu.univie.ac.at/static/files/27248/98-51.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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