Beim anderwärtigen Recherchieren aufgestöbert

posted by Béla Rásky on 2008/06/23 22:03

[ Urban Life ]

Da blättert man aus anderen Verpflichtungen die gute alte NZZ durch und findet dies.... am 6. April 1933 etwas und am 21. April auch....








Max Frisch
Ungarische Skizzen

Wir groß ist eine Großstadt? Man schlendert so durch Pest. Eine Krankenschwester reißt mich am Arm und schreit. Und ich bin wirr. Und dann haben wir ihn schon niedergelegt, haben ihn schon hingebettet auf meinen Mantel und begreifen: ein Blinder hat Ansichtskarten verkaufen wollen und ist zusammengebrochen. Die Schwester wischt ihm den Schaum vom Mund. Ein Glas Wasser wird gereicht. Und wir stellen ihn wieder an seine Straßenecke und gehen weiter. Oder genauer: rennen davon. In die Millionenstadt, wo man um Mitternacht ein Bier trinkt und angesprochen wird von einem geführten Ansichtskartenverkäufer und ihn wiedererkennt.
 
So groß ist eine Großstadt.

Wen die lieben Budapester von ihrem Gebirge sprechen, ohne Mundwinkelzucken, dann meinen sie jenes Felshügelchen am Ufer, wo vor tausend Jahren der heilige Gellert hinuntergestoßen wurde, so daß er tot war und dafür ein Denkmal bekam. O Übermut, wenn man dort oben liegt, ausgestreckt im jungen Gras und sich die Sonne um Hand und Gesicht schmeicheln läßt, während manchmal ein Wind ins Haar greift, schüchtern, wie fremde Finger: wozu braucht man Menschen, die mir Gutes tun? Und wenn man dann die Augen aufschlägt: wie weit und breit ist dieses Pest, wie wanzenklein ihr Leutchen dort unten auf den Brücken! Kann sich kaum denken, daß es solche Wanzen selber gewesen, welche diese Schwebebrücken über die ganze Donaubreite und wie in den ganzen Himmel geschwungen haben. Und wie hold liegt die Margartheninsel in der Donau, mitten in der Stadt als unberührtes Idyll! Und dann die schlanken Kuppeln, die Türmchen darum und die Bögen, welche stumm und vernommen anfragen am Fluß: als stolzes Paralement eines gedemütigten Reiches, als Denkmal alles Verflossenen, was die Ungarn nicht vergessen können! "Denn damals war alles gut, wissen Sie, aber heute? Wenn man uns rinsgsum bestohlen hat, einfach bestohlen hat, sodaß wir werden zugrundegehen?" Rührend dieser Unterricht, den mir neulich das Zimmermädel gab, indem es die Kissen schüttelte; und indem es die Arbeit niederlegte: "Es wird nichts Gutes werden, Schauen Sie, wenn die Welt ungerecht ist, da wird nicht Gutes werden, nicht?"
 
"Gewiß nicht."

"Als noch das alte Ungarn war."

Da rief die olle Köchin, außer sich, weil sich das Mädel so wieder so lange aufhielt, welches nun einen Knicks machte und sich bei mir entschuldigte, daß die Ungarn ihr Vaterland so über alles lieben.

Margaratheninsel! So habe ich mir schon immer das Paradies vorgestellt: mit weichem Hellgrün und roten Tennissplätzen darin, mit unwuchtigem Gebäum und einem Bänklein darunter, weiß gestrichen und dann etwas Armverschlungenes darauf und statt der Schlange ein angebundenes Hündchen. Dreißig Filler kostet der Eintritt, wenn man den anderen in die Seligkeit schauen will. Während man so lustwandelt, eine Stunde und einen ganzen Morgen, und sonst bloß den Gärtnern begegnet, welche mir hundert Weglein walzen. Oder einer segenreichen Heilquelle, die heiß über den Stein rieselt und im Becken eine unwahrscheinliche Farbe bekommt, grünlich mit bläulich und wie irgendein Juwel, die hastige Dampffetzen verliert und nur die reichen Leute heilt; denn der segensreichen Quelle Überfluß, der nicht in Geld verwandelt werden kann, weil viele Reiche leider schon gesund und viele Kranke noch nicht reich sind, sprudelt munter in die Donau. So habe ich mir schon immer das Paradies vorgestellt.

Und was die schöne, graue Donau anbelangt, so bliebe zu melden, daß sie nachts am schönsten ist, wenn die Lichter erwachen und ihre langen Spiegelstreifen ins schwarze Wasser tauchen; wenn man den großartige Uferkranz schaut mit lauter solchen Lichtschlängelchen, welche in den Strom tändeln und die Nacht erleuchten als umgekehrte Kerzen. Dann ist es heiter und festlich, sodaß man irgendwo auf einen Pfosten sitzt, wo die Schleppkähne angeseilt sind, und den Wellen zuhorcht, die mit silbrigen Zungen an der Hafenmauer lecken, und glücklich ist. Über diesem Tanz der Lichter in der Nacht. Manchmal erschrickt uns ein Kahn, der plötzlich stöhnt und an den Seilen würgt; das ist ein Heulen, als wäre irgendwo ein Kind eingeklemmt, und es friert uns durchs Mark: Und wie wenig dann fehlt, daß man Don Quichotte wird, der nun mutig auf den Kahn spränge, um das seufzende Kind zu erlösen, und dabei vom Schiffshund gebissen würde!

Was ich übrigens nie recht weiß: Wäre es eigentlich Landesverrat, wenn man diesen Ausländern, welche dem Schweizer erzählen von dem märchenhaften Reichtum des Schweizers, flüsternd verriete, daß es beispielsweise auch Schweizer gibt, die nun schon den zweiten Nachmittag in die Vorstadt hinauspilgern, um ihren Wintermantel zu verkaufen?

"Ich garantiere Ihnen: ein tadelloser Wintermantel!"

"Und ich, Herr, ich Ihnen garantiere, Herr: jetzt kommt der Frühling!"

Und ich Trottel freue mich, daß der Frühling kommt! Stehe mit dem Wintermantel und schaue hinauf, wo der Himmel wie frisch gewaschen ist, blank und blau; und nur das erste Grün trägt noch die Nässe, welche sie beim Himmelwaschen verschüttet haben. Und Sonne strahlt grelle Fetzen in diese Höfe, in diese Häuser­zeilen, die aus der dichten Großstadt hinauslaufen und dann lückenhaft werden und hier stehen wie faule Gebisse. Zwischen endlosen Straßen und Wiesen. wo Fuhrwerke im Dreck stehen und die Jungens einen wichtigen Fußballmatch austragen. Mit einem Vater, der nichts zu arbeiten hat, als Schiedsrichter. Und weiterhin werden dann die Wiesen freier und sauberer. Abgesehen von den zufälligen Häuserklotzen darin, die ungeordnet und unsinnig in der Landschaft umherliegen, als wären sie dem Herrgott, als er die Stadt aufstellte, aus der Würfelkiste gerollt. Und der Rest sind Kamine, die hineinstehen in das zarte Frühlingslicht der Ferne und Morgen und Mittag und Abend versudeln.
 
Wie groß ist eine Großstadt? Da erinnert man sich des Blinden, der schon einmal auf diesem Mantel lag und geht zurück in die City. Glücklich. Denn ein Blinder muß es sein, wenn man einen Wintermantel verschenkt, weil man ihn nicht hat verkaufen können. Man wird nicht gerne durchschaut. Und nachdem man die vierte Ringstraße abgesucht hat in ihrer ganzen Länge und mir die Knochen in den Leib hineinschmerzen, als wären sie eine Nummer zu groß: man findet ihn nicht mehr. So groß ist eine Großstadt.
 
 



 

In: Neue Zürcher Zeitung 21. April 1933 (Abendausgabe)

 

 

 


Antworten

01 by PP at 2008/06/24 00:43 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten

 Dürfte von Frischs erster größerer, auch - im einschlägigen Beitrag - auf Wikipedia umrissener Auslandsreisetätigkeit stammen: "So habe ich mir schon immer das Paradies vorgestellt." Und wie war das damals, 1933, als es ums alte Ungarn ging?

Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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