Urban Life - Part 39

posted by Bela on 2007/10/14 00:53

[ Urban Life ]

Linie 24
Eine Tramwayfahrt an der städtischen Peripherie

Die Straßenbahnlinie 24 der BKV, der Budapester Verkehrsbetriebe, ist eigentlich ein Paradoxon: Sie beginnt am Keleti, am Ostbahnhof, und endet beim öffentlichen Schlachthof, am Közvágóhíd, an der Donau. Sie verbindet das Stadtzentrum mit der Peripherie, ist aber dennoch keine Radiallinie, sondern eine Art Viertelringlinie im Südosten von Pest. Tangential durchquert sie jene Quartiere der Stadt, wo der feste urbane Bestand der Josef- und Franzenstadt in die brown fields der alten, aufgelassenen Schwerindustriestandorte ausfranst, berührt dabei jene Teile der Stadt, die unstimmig, widersprüchlich sind, oder sein sollen.

Linie 24 durchmisst das Budapest mit seinen vielen Ecken und Kanten, die die Stadt eben so spannend machen, weil alles unverträglich miteinander ist, oder so ungleichzeitig, so widersprüchlich erscheint. Mögen die meisten Budapester diese am liebsten abschleifen (lassen) oder zum Teufel schicken (lassen), und dabei von Einheit, Harmonie und ein bisschen Langeweile – kurz: Europa – träumen: Es sind eben diese Verformungen und Ungleichzeitigkeiten, die Budapest aus der Flut der Dutzendstädte Europas herausheben, die einzige ungarische Metropole so interessant, so einzigartig machen.

In einer Nebengasse des Baross tér, in der Festetics Gyula utca (verdammt, wer war dieser Gyula Festetics?), stehen die Garnituren der Linie – bestes ungarisches Design aus den 70er Jahren, als die ungarische Waggonbaukunst noch in hohen Ehren stand und die Firma GANZ-Mávag ihre Gelenktriebfahrzeuge produzieren konnte, die in einer markanten Zweiertraktion bis vor kurzem, bis der hässliche Combino von Siemens ankam, noch am Großen Ring ihre (Halb)Runden zogen.

Gleich hier, hinterm Ostbahnhof, wird Budapest ethnisch und jung zugleich, wie man es sonst nie wirklich sieht: Roma warten hier und auffallend viele Menschen chinesischer Herkunft – und alle müssen sie gerade etwas über ihr Handy besprechen.

Die Garnitur - übrigens absolut im Schuss und ohne suburbanen, abgefuckten Flair, wie man meinen sollte, würde man dem ungarischen Geseier über das Abdriften der Peripherie Glauben schenken – rattert nach dem üblichen, Magengeschwüre auslösenden Ton, langsam los. "Pfeifen wir etwa auf Regeln? FAIR PLAY!" heißt uns ein Riesenplakat im Auftrag der Regierung der Republik Ungarn an der Fiumei út, früher Mező Imre út (verdammt, wer war Imre Mező?OK, das weiß ich), mit dem Motto Új Magyarország - Ein neues Ungarn gleich am Anfang entgegen – und zähneknirschend entwerte ich reflexartig meinen Fahrschein – im übrigen auch nicht mehr mittels des alten mechanischen Entwerters, sondern des neuen elektrischen (sicher nicht elektronischen).

Rechts gleich der gewaltige Bau der Budapester Traumatologie, ein markanter und wunderschöner Bau der ungarischen Moderne der 30er Jahre, danach der Riesenbau der "Staatlichen Sozialversicherung", leider schon ohne Turm, der wegen des Asbestbetons und drohendem Einsturz in den 70er Jahren entfernt und auch nach der Renovierung in den 90ern, aus Geldmangel natürlich, nicht mehr wiederhergestellt wurde. Links die Mauer des Friedhofs an der Kerepesi út, der auf wenigen Hektaren die ganze konfliktträchtige ungarische Geschichte so schön befriedet, immer einen Spaziergang wert ist: Die Gräber von Kossuth, Batthyány, Déak, Kádár, Antall, der KämpferInnen der Revolutionen 1848, 1918/19 und 1956 liegen hier ganz knapp beieinander ebenso wie jene fast aller großen KünstlerInnen des Landes. Nur Rajk wurde entfernt, weil sein Sohn nicht wollte, dass sein Vater hier ruht.

Rechts der Teleki tér (verdammt, wer war Teleki oder besser: nach welchem Teleki ist der Platz eigentlich benannt?), Zentrum des Josefstädter Roma-Viertels, ein kleiner Park, nicht sauber, nicht gepflegt, aber beileibe nicht verwahrlost. Wie auch die Menschen in der Tramway sichtlich ärmer sind, sichtlich müder als "in der Stadt", aber es ist nicht dramatisch.

Orczy tér (verdammt, wer war Orczy?): Ein hässlicher Platz, zugleich ein wunderbares Beispiel über die Unfertigkeit, über die Brüche der Stadt selbst, eine Illustration der ungarischen Geschichte in Reinkultur. Hier steht der kleine Josefstädter Bahnhof, natürlich längst außer Betrieb, also außer Betrieb für den Personenverkehr, aber noch immer der Postbahnhof der ungarischen Hauptstadt. Wäre Budapest weiter gewachsen, sagen wir nach 1918, der Orczy wäre wahrscheinlich eine wichtige Verkehrsdrehscheibe des intermodalen Stadtverkehrs geworden, ein – euphemistisch betrachtet - "Gare St. Lazare" von Budapest, wo U- und S-Bahn, Straßenbahn und Busse aufeinanderstoßen. Aber die Geschichte hat diesen Platz den Rest gegeben. Gegenüber vom Bahnhof das Rehabilitationsprojekt Orczy Centre (oder Center, weil man ja hierzulande alles amerikanisiert) einer Schweizer Baufirma: Langsam ist es Stück um Stück gewachsen, gestaltete mit seinem Rundbau langsam den öden Platz in etwas Urbaneres um, und einmal abgeschlossen wird Orczy Center vielleicht auch das Ganze tatsächlich zu einem "tér", einen Platz, machen. Dahinter links, hinter den vergammelten Industriebauten, der Chinesenmarkt der Stadt.

Niemand weiß, wie viele Chinesen hier und in der Umgebung wohnen, immer wieder gibt es Gerüchte, bei der Volkszählung gab es sogar ein eigenes Formular auf Mandarin, und danach auf dem Papier nur ca. 6.000 Chinesen in Ungarn. Sicher ist sicher, wussten auch die Chinesen bei dieser Zählung, denn augenscheinlich sind es mehr, allein nichts Genaues weiß man nicht, aber man weiß zumindest, dass sie nicht hier sterben und offensichtlich auch nicht beten: es gibt ja keinen chinesischen Friedhof und keine Tempel oder Pagoden. Dafür Märkte, Zeitungen und Schulen – und auf "Tilos" eine eigene Rundfunksendung. Das chinesische Budapest bleibt ein Mysterium.

Wir zuckeln weiter Richtung Orczy kert, Orczy Garten, der Unterbau ist hier tatsächlich etwas marod, auffallend, weil bis jetzt ging es glatt. Die Kinder genießen das Ruckeln und Zuckeln, und langsam fahren wir, den Park, in dem Familien flanieren, Burschen Fußball spielen und der sicher einmal bessere Tage gesehen hat und auch noch bessere verdient, rechts vorbeilassen, in die Haltestelle Nagyvárad tér ein. Gleich fällt mir der ungarische Revisionismus ein, Nagyvárad ist ja Oradea im rumänischen Partium. Seit wann der Platz, oder dieser Ort, wohl so heißt? Aber dann fallen mir die vielen Südtiroler Plätze in Österreich ein, und ich breche den Gedanken ab.

Auch dieser Platz ein Symbol der ungarischen Geschichte, für seine vielen Durchstarter und Neubeginne und die vielen folgenden Bruchlandungen. Was wäre wohl dieser Platz ohne 1918, ohne 1948? An einer Ecke ein mondäner Bau aus – sagen wir – 1910: Späthistoristisch, jugendtstilisch, jugendstilisierend, beide Wörter gibt es nicht – ein schöner, gewaltiger Bau, dahinter – wie ich sehe - die Studios von "Duna-TV", dem ungarischen Satellitenkanal konservativer Provenienz, der sich nie entscheiden kann, ob er nun ein weltoffener Kulturkanal oder ein ungarisches Lokalfernsehen für ein in den rechtskonservativen Kreisen imaginiertes "Oberland" und "Siebenbürgen" ist. Aber der Bau selbst ein makelloses Symbol für die zweite Stadterweiterung Budapests um 1910. Aber um ihn die Bruchlandungen der ungarischen Geschichte – verlotterte Gebäude, ehemalige Reitställe, die nun Verkaufshallen sind, Spitalspavillons, das Hochhaus der Semmelweis Universität aus den 70er Jahren, übelste realsozialistische, teilweise behübschte Fadesse, nichts urbanes: Einöde, aber trotzdem Verkehrsknotenpunkt.

Auf besserem Oberbau rauscht die Garnitur am Rand der Franzenstadt weiter. Rehabiliert, in Ordnung, nichts Peripheres, Vorstadt halt. Es wird wieder besser, geordneter. Die Haller utca (verdammt, war Haller eigentlich irgendjemand? Und hieß die Straße früher, also in der finsteren Zeit, anders?) wird bei der Kreuzung Mester utca sogar richtig weltstädtisch, ja die Mester hätte sogar etwas von einem großstädtischen Boulevard gehabt, hätte die Geschichte nicht dazwischen gefunkt – so ist sie ein etwas überzogenes Vorstadtmeilchen geblieben.

Und dann das Ende der Haller, an der Soroksári út, der KP-Vorstellung einer Stadtautobahn am Donauufer. Aber auch hier Versuche, das Stadtbild kommerziell zu sanieren, vielleicht Teufel mit Belzebub auszutreiben, wer weiß. Links vor der scharfen Kurve die "Haller Gardens", ein Wohnhausprojekt im neuen Millenium Stadtviertel von "TriGránit", vis-a-vis die Zentrale von "Vodafone", nicht übel, nichts besonderes, aber auch keine architektonische Vergewaltigung, vielleicht entsteht hier wirklich einmal eine neue urbane Donaupromenade, abwarten.

Nächste Station: Das neue Kulturviertel mit Nationaltheater und "Palast der Künste" mitten in der Pampa. Da steht es das grässliche Nationaltheater, Ausdruck der ganzen Kleinbürgerlichkeit der ungarischen Bourgeoisie. Was war um diesen Bau für ein Zirkus – und wie alles in Ungarn, so verklang auch dieser Zirkus im Nichts. Aber irgendwie versöhnt man sich letztlich mit dem Bau, er ist eben einfach uninteressant, eine vertane Chance, ein vertaner Traum, ebenso wie die sozialistische Antwort der anderen Seite, der Palast der Künste. Aber die kommende Verdichtung dieser Stellen, Konferenzsaal, Hotel, wird auch diesem Ort den Schrecken nehmen, vielleicht sogar in Befriedung und Wohlgefallen auflösen – vielleicht können die Inhalte in beiden Fällen die Form vergessen machen lassen. Es wird ja daran heftig gearbeitet. Tamás Jordán tut es im Nationaltheater, die Konzerthalle gegenüber. Und vielleicht verschwindet einmal auch die HÉV, die Csepeler Schnellbahn, im Rahmen des Projektes einer U-Bahnlinie 5 unter der Erde und gibt damit freie Sicht auf die Donau und das Panorama.

Linie 24 unterquert die Auffahrt zur letzten städtischen Brücke über die Donau: Ebenfalls ein verschenkter Elfer, aber was soll's, als die "Lágmányoser" gebaut wurde, war Wendezeit, Zeit für große politische Entwürfe (ist ehrlich gemeint), keine Zeit für Architektur. Die neue Brücke im Norden wird spannender, nicht nur weil sie eine Spannseilbrücke ist...

Endstation. Vis-a-vis der Baumarkt "Obi", Zeit mein Badezimmer einzurichten.
 

 

 

Leider nur ein Bild vom 23er...

http://kakanienneu.univie.ac.at/static/files/26974/1321v23k.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Antworten

Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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