Kelenföld 3

posted by Béla Rásky on 2008/12/30 16:18

Auf den „RailJet“ wartend stehe ich am Bahnhof Kelenföld. Unfreundlich, bitterkalt, Nebel, aber zumindest hell – der Neubau, oder besser: die Umgestaltung des Perrons macht’s möglich: die Fugen der Bodenziersteine passen zwar in der Mitte nicht zusammen, lassen einen kleinen Schlitz, das Dach ist schon jetzt undicht, die Anzeige funktionsuntüchtig und alt, aber was soll’s. Kelenföld muss Kelenföld bleiben.


Drei Männer warten mit mir, ein Gespräch beginnt, ich bleibe Zuhörer. „Aha, der Herr lebt also in Frankreich?“ „Nein, nein, Ungarn, ich wollte zwar immer abhauen, aber gelungen ist es nie....“ Österreich sei sein Traumland, für seinen Sohn Norwegen. „Komisch, ich arbeite jetzt in Norwegen als Arzt, bin gerade am Weg nach Trondheim.“ Man unterhält sich weiter, ich lausche – fast unvermeidlich kommt man auf die Verhältnisse in Ungarn zu sprechen. Das übliche Geschimpfe und Gesudere, es gibt ein sanftmütiges, nachsichtiges, von Herzen gutes Volk und eine bitterböse, abscheuliche, korrupte politische Klasse, die alles und alle beherrscht, und die Herren aus Ungarn wissen natürlich alles, was und wie es so läuft in anderen Ländern, Widerrede wird nicht geduldet.

Und dann – endlich, als hätte man es schon geahnt, es würde kommen – die Exposition der ungarischen, antisemitischen Sonatenhauptsatzform: „Ohne dass ich jetzt hier judenfeindlich sein wollte, denn viele meiner Freunde sind ja Juden, ABER....“ Ja aber was: Richtig, wir kommen zur Durchführung der Hauptsatzform: Die Juden würden alles in Ungarn bestimmen, und in zehn (in Zahlen: 10) Jahren werde Ungarn vollkommen jüdisch sein, bekanntermaßen gebe es einen großen Plan, Israels Bevölkerung hierher nach Ungarn umzusiedeln, die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Ich schweige, würde ja sonst die Koda stören,  kann aber ein Lachen nicht unterdrücken, gehe weg, um mein Missfallen auch in der Distanz auszudrücken – sage aber kein Wort. Es wird um einige Grade kälter am Perron, die Garde ist verboten, doch was soll’s. Sie sind ja noch immer da.
 

Der „Railjet“ fährt ein, und bringt mich – zwischen Tatabánya und Györ erreicht er sogar kurzfristig gerade einmal die Hälfte der Höchstgeschwindigkeit des TGV von 310 km/h – nach Wien. Am nächsten Tag gerät mir in einem Wartesaal der Gebietskrankenkasse ein altes „News“ in die Hände – mit einem ausufernden Artikel bezüglich der antisemitischen Verschwörungstheorien zu Haiders Tod. Der „Railjet“ vollführt ein Wunder: Hochgeschwindigkeit und doch kein Ortswechsel....


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Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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