Ein ungarischer Europäer ist von uns gegangen...

posted by Béla Rásky on 2008/06/04 12:17

[ History - and what goes with it ]

Am 2. Juni 2008 starb Francois Fejtö im 99. Lebensjahr in einem Pariser Krankenhaus.

Francois Fejtö wurde 1909 in der westungarischen Stadt Nagykanizsa als Sohn einer Buchhändlerfamilie geboren. Während seines Studiums der Geschichte in Pécs organisierte er marxistische Seminare und wurde dafür 1932 vom Horthy-Regime zu einer Haftstrafe verurteilt. Später schloss er sich der ungarischen Sozialdemokratie an, wurde Redakteur der Parteizeitung "Népszava" und des antifaschistischen Blattes "Szép Szó".

1938 verließ er - von einer neuerlichen Haftstrafe bedroht - Ungarn in Richtung Frankreich, wo er sich nach der NS-Okkupation der Résistance anschloß. 1945 wurde er Leiter des ungarischen Pressebüros in Paris, legte aber diesen Posten nach dem Schauprozeß gegen László Rajk 1949 aus Protest zurück - um danach bis zur Wende bzw. der Wiederbestattung von Imre Nagy am 16. Juni 1989 Ungarn nie mehr zu betreten.

Im Westen hat sich Fejtö vor allem aus Autor der "Geschichte der Volksdemokratien" und von "Requiem für eine Monarchie. Die Zerschlagung Österreich-Ungarns" einen Namen gemacht. Ersteres zweibändige Buch galt lange Zeit als Standardwerk zur Stalinisierung Ostmitteleuropas, zweiteres war eine eher umstrittene (amateurhistorische) Darstellung der Auflösung der Donaumonarchie als eine willentlich und bewusst durchgezogene Zerschlagung des Vielvölkerstaates aus unterschiedlichsten Interessen heraus.

Nach 1989 war Fejtö ein scharfer Beobachter der Innen- und Außenpolitik der jungen dritten ungarischen Republik, erhob des öfteren seine warnende Stimme: Allein in der in einer séanceartigen  Nabelschau vertieften politischen Kultur des Landes verhallte diese - wie die der anderen um das Land besorgten Emigranten - ungehört.

Anfang der 90er Jahre versuchte Fejtö noch - für viele überraschend - einen Verkauf der damals noch als demokratisches Flaggschiff geltenden Tageszeitung "Magyar Nemzet" an die konservative französische Pressegruppe von Robert Hersant anzubahnen, scheiterte aber am Widerstand der MDF-Regierung um József Antall, die einen Verkauf einer nationalen Zeitung an einen ausländischen - dazu noch französischen - Pressekonferenz zu verhindern wusste. Und die weitere Entwicklung des Leibblattes jener ungarischen Gruppe, die sich selbst mit Vorliebe als Mittelstand oder Bürgertum bezeichnet, ist ja inzwischen sattsam bekannt...

Mit Fancois Fejtö ist auch ein Stück europäischer ungarischer Geschichte gegangen.

 

 


Antworten

Budapest

A picture from the heydays of liberal Budapest - when a whole (though short) underground line could be built within two years. And M1, the famous "Földalatti", Budapest's yellow line, still works. I have never seen this image of the construction on Andrássy before, so be full of admiration - and I am not telling your where it is from...

The M1-line so is a memento to both: a liberal mayor (for what Budapest was capable of) and the Siemens company, who more than a hundred years ago was capable of producing faultless underground trams (not like today's Combino crap...)

Budapest has – together with St. Petersburg and Vienna – one of the largest tramway networks of the world. The tramway type "UV" – standing for "Új villamos - New tramway" and pictured above – was designed in the early forties and is still a symbol for Hungary's once high-tech railway-carriage industry. With the arrival of the new low-floor-trams in spring 2006 – built by Siemens in Vienna and not too beautiful – this landmark of Budapest will vanish from the cityscape.
György Petri: Imre Nagy

Du warst unpersönlich wie die anderen bebrillten Führer
im Sakko, deine Stimme war nicht metallen,
denn du wußtest nicht, was du eigentlich sagen solltest,
so unvermittelt den vielen Versammelten. Gerade das Plötzliche
war ungewohnt für dich. Du alter Mann mit dem Zwicker,
ich hörte dich, ich war enttäuscht.
Ich wußte noch nichts

vom Betonhof, wo der Staatsanwalt
das Urteil gewiß heruntergeleiert hat,
ich wußte noch nichts von der groben Reibung des Stricks, von der letzten Schmach.

Wer will sagen, was sagbar gewesen wäre
von jenem Balkon aus, Möglichkeiten, unter Maschinengewehren
verfeuert, kehren nicht zurück. Gefängnis und Tod
wetzen die Schärfe des Augenblicks nicht aus,

wenn der eine Scharte bekommen hat. Aber wir dürfen uns erinnern
an den zögernden, verletzten, unentschlossenen Mann,
der gerade seinen Platz zu finden schien,

als wir davon aufwachten,
daß man unsere Stadt zerschoß.

Übersetzt von Hans-Henning Paetzke

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