Von der Eigenmächtigkeit der Medien (I)

posted by PP on 2013/12/05 15:01 | Tags: KPQ Medienverbund Budapest Konferenz Kriegspressequartier

[ Medien | Media ]

Karl Kraus konstatierte 1918: »Die Unvorstellbarkeit der täglich erlebten Dinge, die Unvereinbarkeit der Macht und der Mittel, sie durchzusetzen, das ist der Zustand, und das technoromantische Abenteuer, in das wir uns eingelassen haben, wird, wie immer es ausgeht, dem Zustand ein Ende machen.« (Karl Kraus:  Das technoromantische Abenteuer. In: Die Fackel H. 474-483 v. Mai 1918, p.41-45, hier: p.45)

Eine der gerne gepflogenen Thesen im medienhistorischen Zusammenhang, wenn dieser denn theoretisch ein wenig verknüpft und also komplex sich zeigen soll, ist jene, wonach mediale Formate aufgrund ihrer stupenden Eigenmächtigkeit sich sozusagen aufs Naturmaß hin angelegt erweisen; so etwa die Verlaufskurve jener Literatur, die im 19. Jahrhundert den Film einbegleitet – oder jene von den klopfenden Geistern, die das Morsen uns richtiggehend aufzwingen. Nicht, dass dies alles nicht zeigbar und trefflich diskutierbar wäre (cf. Kittler et al.). Und selbstverständlich kann man auch alle Medien in einem großen Bedeutungsbogen auf den Begriff ihrer Prothesenhaftigkeit hin einpassen (cf. McLuhan) und würde damit nicht unbedingt falsch liegen. Doch gibt es einen Aspekt, der unseres Erachtens niemals außen vorbleiben darf: jener der Zusammenfügung und gezielten Entwicklung des medialen Treibguts durch das, was heutzutage als ›Nutzer‹ bezeichnet wird (dem man dann im Sinne seiner Kommerzialisierbarkeit noch eine ›Usability‹ anpasst). Oder ein wenig präziser gesprochen – und davon wird in der Folge kursorisch die Rede sein –:

 

Es gibt gewiss spezifische, nicht zu hintergehende Eigenschaften medialer Formate. Dies lässt sich nicht bestreiten. Medien führen jedoch kein Eigenleben in Sinne ihrer je eigenen Zwangsläufigkeit. In der tatsächlichen Anwendung – und bereits theoretischen Betrachtung – greift der Anwender ein.

 

Zwar braucht nun niemand Abstand zu nehmen von der Klarheit, dass Medien und insbesondere mediale Formate an sich Eigengesetzlichkeiten aufweisen, die es jeweils zu beachten gilt. (Der Umstand, dass Medienverbünde genauso funktionieren, nur umso schwieriger zu verstehen sind, je weiter sie sich von ihren Ausgangsmedien entfernt haben, hintergeht diese Annahme nicht, unterstützt sie vielmehr im Sinne der Beweisgrundlage.) Es gilt lediglich, so die Annahme, hinzuzufügen, dass eine wie auch immer geordnete Anwendung notwendig ist – und dabei ein Aspekt hinzukommt, der so wesentlich sein kann, dass hier eine Weiterentwicklung der medialen Verfasstheit gegenüber ihrem Zustand vor dem Eingriff festzustellen ist.

 

Die Anordnungen für die Einrichtung eines Kriegspressequartiers [in der Folge kurz KPQ] im Jahr 1909 wäre – bei Bedarf en passant auch im Sinne Kittlers, der Krieg als Trägerrakete für mediale Entwicklungen zu zünden beabsichtigte – ein Beispiel für die oben skizzierte Annahme. Medienhistorisch stehen die 1910er Jahre nicht im Zeichen eines medial realisierten Verbundsystems. Sie sind es jedoch personell, sie sind es im Sinne einer Absichtserklärung der Kaiser- und Königshäuser Europas sowie deren jeweiliger Armeeoberkommanden und Heeresführungen. Österreich-Ungarn war bald nicht mehr allein mit seiner Idee, alle Künste sowie den Journalismus und publizistisch verwertbare Äußerungsformen insgesamt zu einen, auch: unter Kuratel zu stellen. Es ging dabei nicht allein um Zensur (wenngleich das ein wesentlicher Antrieb gewesen ist), sondern um Ordnung an sich im stetig anwachsenden und kaum noch übersehbaren medialen Dschungel.

 

Nach der Kriegserklärung an Serbien wurde das KPQ am 28. Juli 1914 von Obst Maximilian von Hoen in Wien aufgestellt. Es sollte als Instrument der Politik für zweckdienliche, kontinuierliche Versorgung der Presse mit Meldungen sowie diskret zur Hintanhaltung nicht erwünschter Nachrichtenensembles herangezogen werden – die Wirkungsweise war dabei durchaus auf Grenzüberschreitung und somit bald gegen die Entente angelegt. Durch die Einbindung der Kriegsberichterstattung in die militärischen Strukturen sollte nicht nur eine Beeinflussung öffentlicher Meinung, sondern auch ein direkt bedienbares Kontrollinstrumentarium ermöglicht werden, das mit Tätigkeitsfeldern wie ›Embedded Journalism‹, ›Informational Warfare‹ und ›Military Entertainment Complex‹ (um heutige Schlagwörter anzuführen) bis hin zur Zensur beschäftigt war. Vom Feldkino bis hin zur Schützengrabenausstellung im Prater, vom Abfassen patriotischer Gesinnungsdramen bis zur Komposition schwungvoller Marschmelodien, von fotografischer Arbeit an der militärischen Front bis hin zu Diaabenden mit Volkstumscharakter an der Heimatfront, von Kriegskunstdokumentationen bis zu Liebesfilmen: In Summe galt es, ein Meinungsdispositiv herzustellen, aufrecht zu erhalten und bei entsprechender Lageerfordernis allenfalls gezielt neu auszurichten. Wir haben es hier nicht nur mit dem Beitrag zu einer noch zu schreibenden Kulturgeschichte der Verwaltung zu tun (die damit verbundene Organisation stellte abseits moralischer Zuschreibungen zweifelsfrei eine Kulturtechnik wie -leistung von Amts wegen dar), sondern in medienhistorischer wie -theoretischer Hinsicht wohl auch mit dem ersten bewusst systematisierten Medienverbund hinsichtlich Personal, Organisation, Aufgabengebiete und Verzahnung sämtlicher damals verfügbarer Medien (Verbindung von Technik, Krieg, Medien und Propagandaabsicht).

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01 by lolaa at 2015/11/10 10:50 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Hallo, Ihr Blog zu schön! Ich komme jeden Tag und Ich mag es sehr !!! Vielen Dank und viel Glück!

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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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