Habsburgische Utopie

posted by PP on 2008/09/19 16:03

[ Fundstücke | Finds ]

Eine Bildungslücke gehört geschlossen, zumindest h.o.: In der Wiener Zeitung hat Rudolf Teltscher einen lesenswerten Beitrag über Josef von Neupauers 1893 erschienenes Werk "Oesterreich im Jahre 2020. Socialpolitischer Roman" gebracht. Der Beschreibung zufolge dürfte es sich um eine mehr als nur vergnüglich zu lesende Zusammenführung monarchischer, religiöser wie kommunistischer Umtriebe handeln - und der neue Mensch an sich spielt selbstverständlich auch eine wichtige Rolle.

Aus Teltschers Darstellung:

Der größte Teil dieses kuriosen communistisch-monarchistischen Romans spielt im Tullner Feld, mit Ausflügen nach Wien und zum Semmering; kürzere Reisen erfolgen zu Pferde oder in der Kutsche, längere mit der Bahn, zu der der Autor offensichtlich kein großes Vertrauen hat (jährlich hundert Unfälle).
Hauptperson und Berichterstatter in diesem epischen Werk ist Julian West, der in zwei Romanen (Edward Bellamy "Looking Backward: 2000-1887", 1888, und Richard Michaelis, "Ein Blick in die Zukunft, Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy", 1890) als Zeitreisender nach hypnotischem Schlaf schon Bekanntschaft mit dem Land gemacht hat; beim dritten Mal kann er von hier also aus der Zukunft berichten.
Für uns Nachgeborene ist es faszinierend zu sehen, welche Anziehungskraft "socialistische und communistische" Gesellschaftsentwürfe damals ausübten. Dabei wird aber nicht auf Karl Marx Bezug genommen, der sich von anderen utopischen Autoren des 19. Jahrhunderts dadurch unterscheidet, dass er seine Utopie nicht romanhaft gestaltet, sondern mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit ausgestattet und ihre baldige Realisierung erwartet, ja auch aktiv angestrebt hat.
Dieser "social-politische" Roman Neupauers unterscheidet sich vor allem in einem Punkt wesentlich von ähnlichen literarischen Produkten und vom Werk Marx’: er hat eine religiöse Basis. Das Christentum existiert zwar als institutionalisierte Religion nicht mehr (nach dem letzten Konklave wird verkündet: "papam non habemus "), in Wien existieren nur mehr drei Kirchen (Stephansdom, Votivkirche, Kapuzinerkirche – diese ausdrücklich wegen der Kaisergruft), dem Roman liegt aber eine ausdrückliche, mit Fußnoten des Autors und einem Nachwort bekräftigte, christliche Motivation zu Grunde. Sein Verständnis von Christentum ist jedoch höchst unkonventionell (das Matthäus-Evangelium wird als einziges in "gereinigter", gekürzter Fassung im Unterricht verwendet und als Legende vorgetragen), aber das von ihm beschriebene Habsburgerreich sieht er als das verwirklichte Reich Gottes an, da dort jeder Hungrige gespeist, jeder Durstige getränkt, jeder Nackte bekleidet, jeder Fremdling beherbergt und jeder Kranke besucht wird.

Wo die Güte und die Liebe wohnt... Das alles wirkt für mich jedoch im Gegensatz zu Teltscher (aber gut, der hat den Roman gelesen) nicht "unfreiwillig komisch", sondern im Gegenteil sehr spannend. Gerade in Österreich und seiner Monarchie ist das utopische Literaturgut ja nicht gerade sehr gepflegt worden (Herzls "Altneuland", Roseggers "Das ewige Licht", Neupauers "Oesterreich um 2020" sind eher Ausnahmen denn die Regel).

Die Österreichische Nationalbibliothek hält dem Katalog 1501-1929 zufolge das erwähnte und einige weitere Werke Neupauers bereit:

  • Wie könnte die europäische Cultur nach Bosnien verpflanzt werden? Wien: Fäitzinger 1884 (Signatur: 48465-B. Neu Mag)
  • Die Regierung der Oesterreichischen Monarchie nach dem Wahlspruche "Viribus unitis". Wien: Genoss.-Buchdr. 1889 (Signatur: 184355-B. Neu Mag)
  • Vorschlag zur Regulirung der österreichischen Valutafrage ohne Inanspruchnahme des Credites. Wien: Schwarzinger 1892 (Signatur: 196064-B. Neu Mag)
  • Oesterreich im Jahre 2020. Socialpolitischer Roman von Josef von Neupauer. Dresden: Pierson s.a. [1893] (Signatur: 411990-B. Neu Mag)
  • Der Kollektivismus und die soziale Monarchie. Dresden: Lincke 1909 (Signatur: 468373-B. Neu Mag)

 

Querverweis 1: In den Postings zu diesem Forumsbeitrag finden sich für Freundinnen und Freunde des österreichischen Sinns für Utopie bzw. Science Fiction in mehreren Fassungen zahlreiche weitere Fundstücke (sowohl Bücher als auch Filme) von einem "ufonaut"en namens Stefan gelistet. Manches an dieser Liste ließe sich ergänzen, aber als erster Einstieg (aus dem Jahre 2004) ist das nicht schlecht. Und man beachte unbedingt auch die Liste eines gewissen "Nessuno", die sich ergänzend zu den erwähnten hier findet.

Querverweis 2: U.a. hat auch Clemens Peck in einem ausgezeichneten Vortrag am IFK ("Jerusalem war ein gewaltiger Körper geworden".  Utopisches Wissen in Theodor Herzls "Altneuland") auf Neupauers "Oesterreich im Jahre 2020" verwiesen.


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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