Bücher | Books - Part 130

posted by peter on 2007/10/12 12:25

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Im Rahmen der Reihe Budapester Studien zur Literaturwissenschaft (Verlag Peter Lang) erschien nun, basierend auf der gleichnamigen Konferenz (cf. hier wie da und auch dort) aus dem Vorjahr, Band 11:

Amália Kerekes, Magdolna Orosz, Gabriella Rácz, Katalin Teller (Hg.): Pop in Prosa. Erzählte Populärkultur in der deutsch- und ungarischsprachigen Moderne. Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang 2007 (Budapester Studien zur Literaturwissenschaft 11), 264 pp.
[ISBN 978-3-631-56597-1;
EUR 45,50,- (D) bzw. 46,80,- (AT)]

Einleitung (in Ausschnitten) und Inhaltsverzeichnis wie folgt:
 

Aus dem Beginn des Vorworts (mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberinnen):

Die dominant thematische und medienspezifische Ausrichtung im Umgang mit populärkulturellen Phänomenen hat nicht selten zur Folge, dass die Textualität der herangezogenen Quellen hintangestellt und somit die grundsätzliche Frage der Vermittlung zweitrangig wird. Die Konferenz Pop in Prosa. Erzählte Populärkultur in der deutsch- und ungarischsprachigen Moderne am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität Budapest (14.-16. September 2006) als Abschluss eines dreijährigen Forschungsprojekts setzte sich darum zum Ziel, entgegen der Nivellierung narrativer Spezifika die erzähltechnischen Aspekte unterschiedlicher Medien von und aus der Populärkultur in den Vordergrund zu rücken. Dieses Erkenntnisinteresse sollte dazu beitragen, dass der von starken Wertsetzungen geprägte Begriff der Populärkultur in Hinblick auf die Prozesse der Kanonisierung, Institutionalisierung und Medienkonkurrenz nicht mehr als abgrenzbare Einheit erfasst, sondern gerade mit der sprachlichen Reflexion und Vermittlung des Populären als Konstruktion erkannt wird, bei deren Gestaltung die Erzählformen sowohl hinsichtlich ihrer traditionellen, bewahrenden als auch ihrer innovativen Potenziale herausgefordert werden.
Die Konferenz umfasste den Zeitraum von 1870 bis 1930 und führte Beispiele zur Populärkultur Wiens und Budapests zusammen. Das Aufkommen und Etablierung neuer Medien und Medienverbünde in dieser Periode haben insgesamt mit Anhaltspunkten aufgewartet, die auf vergleichbare Prozesse der Urbanisierung und Mediatisierung hindeuten. Die Konzentrierung auf den multikulturellen und heterogenen "Raum" der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ermöglichte eine gezielte Untersuchung vielfältiger Veränderungsprozesse und -phänomene sowie Ausblicke auf vergleichbare Transfers im Umriss einer breiteren kulturellen Topografie.
Die Schwerpunkte der Konferenz bezogen sich auf die folgenden Grundfragen:
  • Welche Rolle spielt das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in den populärliterarischen Narrativen?
  • Welche narrativen Strategien zeichnen sich in (populär)literarischen Texten vor dem Hintergrund medientechnischer Veränderungen ab?
  • Wie werden Massenveranstaltungen und die grundlegende Intermedialität der Populärkultur in publizistischen und belletristischen Texten inszeniert?
  • Welche popularisierenden Tendenzen können in kanonisierten belletristischen Texten aufgespürt werden?
  • Was für eine städtische Topografie lässt sich in den Unterhaltungsmedien nachzeichnen?
  • Inwiefern wirken die Zeit- und Raumformen in (populär)kulturellen Texten aktualisierend und historisierend?
  • Wie finden Bilder der Landschaft und der Ethnien Eingang in (populär)literarische Texte?
Als Leitbegriffe der erzähltechnischen Untersuchungen ergaben sich im Laufe der Diskussionen und der Bearbeitung der Beiträge Dichotomisierung, Überdeterminierung, Selbstreferentialität und Reizbarkeit/Zitierfähigkeit, die den populärkultureller Produkte bestimmen sowie die Rezeptionshaltung lenken und das Verhältnis von Aktualisierung und Historisierung als sprunghaftes Ineinander programmieren.
Erzählstrategien, die sich vermehrt Dichotomisierungen, klischeehafter Zuordnungen bedienen, sind hauptsächlich in jenen populärkulturellen Fällen anzutreffen, die Monumentalität, die Evozierung von Statik, eine Art Standbild anstreben, womit sich eine Annäherung an die Staatskunst vollzieht. Durch die überleichte Identifikations- und Interpretationsmöglichkeit scheint es allerdings zielführend zu sein, Methoden des close reading zu verabschieden und die Rekonstruktion des zeitgenössischen Kontextes zum erstrangigen Ziel zu setzen, indem der interdiskursive Standort populärkultureller Zeugnisse als Interpretationsrahmen festgelegt werden soll. Das Erzählen selber kann somit zur Illustration werden, strukturelle und motivgeschichtliche Erwartungen den textuell erfassbaren Strukturen gegenüber bestätigen. Dies wirft aber ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis von Mündlichkeit, Visualität und Schriftlichkeit großer, intermedial angelegter Praktiken, die gerade im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert dramatisch mit der Dominanz der Printmedien konfrontiert werden, was sich jedoch infolge der Verbreitung der neuen Medien als kurzes Intermezzo erweisen muss.
Der Begriff der Überdeterminierung knüpft sich an den Status einzelner struktureller Charakteristika, die der Konkurrenz audiovisueller Medien entgegenzuarbeiten und an Bildlichkeit und Lautsignalen alles zu integrieren vermögen, aber sobald sie in ein interdiskursives Feld eingebunden werden, Binaritäten hervortreiben, die allein auf der Textebene Geltung haben und die insulare Position der Texte, d.h. ihre exklusive Eigenlogik sichern. Damit werden allerdings - mit der Technik der Dichotomisierung vergleichbar - populärkulturelles Nachleben und kulturpolitische Latenzen erkennbar. Die Einschaltung traditionsbelasteter Symbolik, die Einladung zur Nostalgie und zur Verwischung hoch- und populärkultureller Grenzen begünstigen in den behandelten kulturellen Segmenten einerseits die punktuelle Referenzialisierung raumzeitlicher Angaben, andererseits arbeiten sie der Selbstreferentialität zu, indem sie mit dem Anspruch auf den Plan treten, die Welt neu zu kartografieren.
Als dominantes Merkmal der Populärkultur des Zeitraums lässt sich die Selbstreferentialität insofern ins Treffen führen, als hybridisierende, intertextuelle und -mediale Prozesse als sozial wirksame Mechanismen durch die rasche Traditionsbildung, Selbsthistorisierung der Populärkultur zum Verschwinden gebracht werden und die Wahrnehmung sich auf das "Monolith des Medienverbunds" richtet. Dies erklärt paradoxerweise die oft problemlose Einbindung populärkultureller Phänomene in kanonisierte kulturelle Felder: Parallel zur Ausdifferenzierung der einzelnen Medien im behandelten Zeitraum setzen Segmente des Kulturbetriebs ebenfalls auf die medial gut einzirkelbaren Terrains und lassen der Eigendynamik des als "Medium" diagnostizierbaren populärkulturellen Phänomens Raum.
Verfügbarkeit der in Massenmedien zirkulierenden Produkte und das ebenso breite Assoziationsfeld, das von Hinweisen auf dieselben eröffnet wird, rühren von der dominant kumulativen Ordnung populärkultureller Werke, die sich in ihrer Funktion als Archive von kulturgeschichtlichen Diegesen, Dichotomien durch eine Reizbarkeit auszeichnen, die ihre Aufnahmefähigkeiten, ihre endlose Erweiterungsmöglichkeit und somit auch die Zitierfähigkeit in den unterschiedlichsten Diskursen prägen. Eine solche Zitierpraxis entspricht jedoch in vielen Belangen dem Umgang mit kanonisierten kulturellen Phänomenen, allein setzt diese auf die Demokratisierung kultureller Paradigmen, indem sie die Zugänglichkeit der Produkte zwar mit einer kultischen Position verbindet, dies aber mit der fadenscheinigen Trennung markttechnischer und machttechnischer Praktiken relativiert.

Das Inhaltsverzeichnis stellt sich wie folgt dar:

  1. Pop-Kult
    Jörg Schönert: Glossen, Gespräche und Geschichten zum 'Dandy-Pop': Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten, mitgeteilt von Richard Schaukal (1907)
    Erzsébet Szabó: Die Kontrastfolie des Populären. Zu Theodor Fontanes Monarchie-Roman Graf Petöfy
    Edit Király: Genialische Geografien: Landschaftsinszenierung in Marie Eugenie delle Grazies Roman Donaukind
    Magdolna Orosz: Monarchie im Gespräch – Wien in Budapest. Zur Erinnerungs- und Raumstruktur in Gyula Krúdys Meinerzeit
  2. Hinter- und Vordergrundmusik
    Gabriella Rácz: "aus dem Massenbedürfnis geboren". Die Salonoperette der Jahrhundertwende
    Éva Tőkei: Tanz ohne Grenzen: Die Budapester Orkesztika-Schule von Valéria Dienes im Kontext von Klassik, Mystik, Technik und Moderne
    Siegfried Mattl: Dunkles Wien. Felix Dörmanns Jazz und die Wiener Unterhaltungskultur nach dem "Großen Krieg"
    Peter Plener: Arthur Schnitzlers Weg vom Theater in den Kino-T-Raum
  3. Pop-Out
    Nadežda Kinsky: Riesenrad und Stephansdom. Gegenpole einer Stadttopografie
    Elisabeth Büttner: Den Prater erzählen. Eine kinematografische Feldforschung
    Amália Kerekes / Katalin Teller: PraterStern. Das Budapester Stadtwäldchen 1919 - mit einem Post-Exkurs von Vera Adrienn Tóth
    Béla Rásky: Die Fest- und Feierkultur der österreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit
  4. Zukunftsmusik
    Roland Innerhofer: Die Stimme der Androide. Figurationen des Maschinenmenschen im 19. Jahrhundert
    Tünde Radek: Irrenanstalten an den Schnittpunkten der Wissenschaft und der Populärkultur. Ein ärztlicher Befund über die Jahrhundertwende
    Michael Rohrwasser: Kino, Psychoanalyse und organisiertes Verbrechen: Dr. Mabuse

 

Verwiesen sei überdies auf das Datenblatt [.pdf] des Verlages.

 

http://www.kakanien.ac.at/static/files/29625/popprosa.gif


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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