Call for Papers | Applications - Part 103

posted by PP on 2007/05/07 13:47

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Der Elitestudiengang "Osteuropastudien" der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) wird die Tagung Konkurrierende Ordnungsbestrebungen: Religion, Staat und Nation in Ostmitteleuropa von der Frühen Neuzeit bis zum 20. Jahrhundert (30.11./01.12.2007) veranstalten und dafür folgenden Call for Papers ausgesandt:
Die von der traditionellen Kirchengeschichte losgelöste Religionsgeschichte wurde vor etwa dreißig Jahren grundsätzlich erneuert. Seitdem wurden eine Vielzahl von neuen Ansätzen und Fragestellungen entwickelt, wobei jedoch erstaunt, dass es in diesem Prozess der Ausdifferenzierung des Faches kaum Berührungspunkte zwischen den Forschungskonzepten und Fragestellungen von Neuzeit- und Frühneuzeithistorikern gibt.

Die frühneuzeitliche Religionsgeschichte wurde in Deutschland zunächst vor allem von zwei grundsätzlich verschiedenen Ansätzen geprägt. Während um Kaspar von Greyerz und Richard van Dülmen die Erforschung der Volksreligiosität als Volkskultur lanciert und dabei nicht selten ein Widerstandspotenzial des Volkes gegen die Eliten in der Religion ausgemacht wurde, entwickelten Heinz Schilling und Wolfgang Reinhard das auf modernisierungstheoretischen Grundannahmen basierende Paradigma der Konfessionalisierung und verknüpften es mit dem Sozialdisziplinierungsparadigma Gerhard Oestreichs. Die so konturierte Konfessionalisierungsforschung möchte einen fundamentalen frühneuzeitlichen sozialhistorischen Wandlungsprozess, nämlich die Entstehung und Verdichtu ng des frühmodernen Staates, erklären.
Kritiker modifizierten diesen Ansatz dahingehend, die Grenzen der Wirksamkeit dieses Prozesses (konfessionelle Freistätten, religiösen Eigensinn, Synkretismen, kommunale und gemeindliche Sozialdisziplinierung) aufzuzeigen sowie die Bedeutung von nicht- staatlichen Akteuren (vor allem ständischen und regionalen) bei der Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung hervorzuheben. Ein alternativer Ansatz wurde von Thomas Kaufmann entwick elt, der anhand des Begriffes der "Konfessionskultur" versucht, ihre je eigene Vorstellungswelt zu rekonstruieren sowie ihre Auswirkungen auf die Politik zu analysieren. In der englisch- und französischsprachigen Historiographie wurden vor allem kulturgeschichtlich orientierte Untersuchungen zur sakralen Dimension der Monarchie durchgeführt. Mit dieser Umorientierung einher geht eine veränderte Konzeption von Staat bzw. Herrschaft, die diese als kommunikativen, offenen und dynamischen Prozess fasst.

Das Interesse der Neuzeithistoriker für Religion drehte sich demgegenüber zum großen Teil um die Frage nach der Säkularisierung.
Wolfgang Schieder untersuchte die soziale Mobilisierungskraft der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert, welche als modernisierungshemmend verstanden wurde. Später zogen die Veränderungen der Religiosität des Bürgertums unter den Bedingungen der Säkularisierung die Aufmerksamkeit auf sich. Markante Debatten drehten sich zudem um die Untersuchung von Versuchen, für (neue) Gemeinschaften einen Sinnhorizont im Angesicht schwindender religiöser Verbindlichkeit zu stiften. Durch Begriffe wie 'Säkularreligion', 'Zivilreligion' und 'politische Religion' wurden Kulturprotestantismus, Nationalismus und Nationalsozialismus als der Religion strukturell und funktional äquivalent beschrieben. Diese Tendenz, neue Sinnstiftungen als Ersatz für die traditionellen gesellschaftlichen Bindekräfte der Konfessionen anzusehen, wurde unlängst von Olaf Blaschke dezidiert angegriffen. Er konstatierte keineswegs einen Rückzug des Konfessionellen und beschrieb das 19. Jahrhundert als "Zweites konfessionelles Zeitalter". Ohne so weit wie Blaschke zu gehen, hat sich die jüngere Forschung weitgehend von Säkularisie rungsparadigmen, die ein einfaches Verschwinden des Religiösen annehmen, verabschiedet und betont stattdessen die "wechselseitige Prägung von verschiedenen Deutungssystemen" (Martin Schulze Wessel). Im Rahmen (quasi-)sakraler staatlicher Kommunikationsformen wäre zudem nach der Möglichkeit einer Unterscheidung zwischen formaler und tatsächlicher Sakralisierung religiöser Inhalte zu fragen. Umgekehrt lässt sich aber ebenso untersuchen, inwiefern und ab welchem Zeitpunkt die Religionen in der Neuzeit ihren transzendentalen Anspruch auf umfassende Welterklärung nicht mehr einlösen konnten. Gerade die Rede von der "Sakralisierung" der Nation verweist auf eine Konkurrenz im Zugriff auf metaphysische Deutungen. Die Frage nach den Ursachen dieser Differenzierung führt u.U. wiederum über die Untersuchung der Konfessionalisierung hinaus.

Die geplante Tagung möchte daher den noch ausstehenden Dialog zwischen Neuzeit- und Frühneuzeithistorikern anhand der Region Ostmitteleuropa anstoßen. Grundlegend für die leitende Fragestellung ist die Beobachtung, dass allen genannten Ansätzen offensichtlich die Frage nach Ordnungsvorstellungen gemeinsam ist. Während die Frühneuzeithistoriker sich um die Frage nach dem Vorrang und Zusammenhang von staatlichen, ständischen, kommunalen oder konfessionellen Ordnungsbestrebungen streiten, drehen sich die Debatten der Neuzeithistoriker vor allem um den Gegensatz zwischen konfessionellen und nichtkonfessionellen Sinnstiftungen. Auf der Konferenz interessieren daher vor allem folgende Fragen:

  • Welche Formen und Mittel staatlicher Unifizierungsbestrebungen hinsichtlich der Religion und welche Sakralisierungsentwürfe von Herrschaft und politischer Ordnung sind in Ostmitteleuropa zu verzeichnen?
  • Inwiefern und inwieweit waren sie erfolgreich?
  • Kann man einen Zusammenhang oder eine Kontinuität von frühneuzeitlichen und neuzeitlichen Ordnungsbestrebungen erkennen?

Denkbar und begrüßenswert wären Beiträge z.B. zu:

  • der Konkurrenz zwischen monarchischer und ständischer Religionspolitik und Vorstellungen von religiös-politischer Ordnung in der Frühen Neuzeit
  • den Mitteln, mit denen versucht wurde konfessionell homogene Untertanenverbände herzustellen, wie z.B.
    (erzwungene) konfessionelle Migrationen
  • dem Zusammenhang zwischen Nation und Religion bzw. Konfession im 19. und 20. Jahrhundert
  • der Religionsproblematik im Sozialismus

Vorträge, die die Perspektive eines interepochalen Vergleichs einnehmen, sind besonders willkommen. Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant.

Der Vorschlag für einen Beitrag möge mit einem knappen Exposé versehen bis zum 15. Juli 2007 gesandt werden an:

  • Inga Paslaviciute, M.A.
    Ludwig-Maximilians-Universität München
    Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas
    Geschwister-Scholl- Platz 1
    D-80539 München
  • Damien Tricoire
    Artilleriestr. 25
    D-80636 München


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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