Theorie | -s - Part 10

posted by PP on 2007/02/07 10:23

[ Theorie | -s ]

Auch dafür wird Bourdieus theoretisch-methodischer Werkzeugkasten noch dringend gebraucht (und umso besser, wenn damit umsichtig umgegangen wird):

Gilcher-Holtey, Ingrid (Hg.): Zwischen den Fronten. Positionskämpfe europäischer Intellektueller im 20. Jahrhundert. Berlin: Akademie Verlag 2006, 434 pp.
[ISBN 3-05-004254-0; EUR 49,80,-]

wurde von Gangolf Hübinger (Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder) rezensiert und ungeachtet der "etwas steifen Thesen" für nützlich wie lehrreich befunden.
 

Dieses Buch packt die widerborstigen Figuren, die man "Intellektuelle" nennt, bei ihrem Ureigensten: der Liebe zum Kampf in Wort und Schrift. Seit ihrer Studie über Karl Kautskys intellektuelles Mandat und den vergleichenden Forschungen zur 1968er-Bewegung in den westlichen Industriegesellschaften ist Ingrid Gilcher-Holtey eine Expertin auf dem Gebiet der Intellektuellengeschichte. Knapp und bündig stellt sie in der Einleitung die "vier konkurrierenden Definitionen des Intellektuellen" vor, in deren Rahmen der Sammelband exemplarisch die Arenen absteckt und die Kämpfer positioniert. Mit guten Gründen wird der allzu weite Begriff, der nicht zwischen Intelligenz und Intellektuellem trennt und alle künstlerisch, wissenschaftlich oder philosophisch Gebildeten zu "Intellektuellen" erklärt, als soziologisch amorph abgewiesen. Mindestkriterium ist der öffentliche Einsatz für das Gemeinwohl im Zeichen einer ideellen Ordnung, die der Vernunft, der Wahrheit und der Gerechtigkeit verpflichtet ist. Von Denis Diderot bis Jean-Paul Sartre, von John Toland bis Beatrice Webb, von Johann Gottlieb Fichte bis Bertolt Brecht konnte das auf höchst unterschiedliche Weise geschehen.
Zum Anspruch und zu den Strategien öffentlicher Einmischung unterscheidet Gilcher-Holtey vier Grundmuster. In der französischen Dreyfus-Affäre, die eine Staatskrise mit sich brachte, ist der Typus des "allgemeinen Intellektuellen" klassisch geworden, wie ihm Emile Zola im Namen der Opfer von Willkür und Unrecht den Maßstab verliehen hat. Davon zu unterscheiden ist mit Ralf Dahrendorf der "öffentliche Intellektuelle", der ein kritisch engagierter Beobachter bleibt, also die Rolle von Raymond Aron gegenüber Sartre bevorzugt. Ein Sonderfall, den die Wissenskulturen des 20. Jahrhunderts geschaffen haben, ist der "spezifische Intellektuelle". [Er hält] die allgemeine Sprecherrolle zur Verpflichtung auf verbindliche Kulturwerte für eine Anmaßung und setzt dagegen auf Herrschaftskritik durch die Macht des Wissens. In jüngster Zeit, und damit sympathisieren die Beiträge dieses Bandes, ist die Figur des "kollektiven Intellektuellen" hinzugetreten. Ihr Repräsentant ist Pierre Bourdieu, der weiß, dass Politik immer auch ein dauernder Kampf um Leitideen und Ordnungssymboliken ist.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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