Veranstaltungen | Events - Part 114

posted by PP on 2006/09/20 01:44

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Insbesondere in Zeiten der Unruhe sind Gerüchte eine der spannendsten Quellen. Ob nun für Verschwörungstheoretiker, Informationsgierige, Medien- und KommunikationswissenschafterInnen oder schlichtweg an der Weitergabe spezifischer Gehalte Interessierte. Natürlich gibt es auch darüber hinaus zu berücksichtigende Personengruppen, entsprechend zu exemplifizierende historische Situationen - und nun auch eine Veranstaltung, die sich dieser komplexen Fragestellungen annimmt:
Fama: Die Kommunikation der Gerüchte (04.-06.10.2006; Universitätsclub der Universität Bonn)
Zu Grunde gelegt wird die Annahme, dass Gerüchte Nachrichten und Geschichten vom Hörensagen sind. Was Gerüchte als solche kennzeichnet, ist somit nicht in erster Linie ihr Inhalt, sondern die Form ihrer Weitergabe. Schon die wohl älteste Figur des Gerüchts, seine mythologische Verkörperung als Fama, bezieht sich weniger auf die Botschaften selbst als auf die Mittel und Wege, derer sich Fama bedient, um etwas zu verbreiten. Und die Beliebtheit von Wortspielen mit Gerüchte und Gerüche hat schon ihre Gründe.
Zum Thema:

Der Resonanzraum der Fama beschränkt sich nicht auf mündliche Kommunikation. Gerade die Tendenz moderner Gesellschaften, alles zu archivieren und als technisch vermittelte Information bereitzuhalten, kommt der Wirkungsmacht der Fama entgegen. Sie sorgt einerseits für die schnelle Verfertigung von Mitteilungen, versieht diese aber gleichzeitig mit dem Vorbehalt des Vorläufigen, Provisorischen, Ungesicherten. Die Besonderheit der Gerüchtekommunikation, Beschleunigung mit Vorläufigkeit zu verbinden, wird in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen genutzt – auch in solchen, die besonders auf die Zuverlässigkeit ihrer Informationen angewiesen sind (in der Wirtschaft: die Börse; in der Politik: die 'gut unterrichteten Kreise'; im Nachrichtenwesen: die Agenturen).

Die Tagung nimmt die Figur der Famazum Ausgangspunkt, um Wissenschaftler/-innen verschiedener Disziplinen über die "Kommunikation" der Gerüchte ins Gespräch zu bringen: über die Geschichte und Geschichten der Fama, über ihre Medien und Rhetoriken, über die Logik der Ausbreitung von Gerüchten und die Versuche, diese Logik zu modellieren. Gefragt wird in Sektion I nach den kulturellen Kategorien, die auf Formbildungen des Gerüchts Einfluss haben, nach den Agenten der Gerüchtekommunikation sowie nach Handlungs- und Erzähltypen. Lässt sich etwa eine Poetik der Schnelligkeit rekonstruieren, die über eine Beschreibung von Fama in der ikonographischen Tradition hinaus geht?

Sektion II widmet sich dem Verhältnis von Nachricht und Gerücht, der Konkurrenz zwischen den 'offiziellen' Versionen einer Geschichte und den 'inoffiziellen' Gerüchten. Wie wird diese Unterscheidung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern prozessiert und produktiv gemacht? Welche medienspezifischen Verfahren lassen im Vergleich von Internet, Fernsehen und Film beobachten?

Fama operiert mit einem Modell von Ausbreitung, das als Chiffre für die Distribution von Mitteilungen gerade in der globalen 'Informationsgesellschaft' gelten kann: alinear, metamorphotisch, infizierend. Sektion III untersucht die Analogie von Gerüchtekommunikation und epidemischer Ausbreitung, die nicht nur in der Alltagssprache zu beobachten ist. Sie ist auch in wissenschaftlichen Modellen und literarischen Schreibweisen am Werk, die der nur schwer einzudämmenden 'Übertragung' unbestätigter Nachrichten eine Logik der 'Ansteckung' unterstellen.







Kontakt:

Dr. Brigitte Weingart
Universität Bonn
Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft
Am Hof 1d, D-53113 Bonn
Telefon: 0049-(0)228-737478
E-Mail

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30375/fama.gif


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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