Literatur | -e - Part 23

posted by PP on 2006/06/19 23:14

[ Literatur | -e ]

Ror Wolf, dem gemeiniglich (und mit Recht) eine der wichtigsten Rollen bei der Gestaltung von Fußballiteratur zugeschrieben wird, erfährt in einem kurzen und doch lesenswerten Porträt von Alex Rühle in der Süddeutschen eine schon länger fällige Würdigung.
 

Man könnte sagen, Ror Wolfs große Leistung bestand darin, das "konzentrierte und sinnliche Abenteuer" der Sportübertragungen als erster gehört zu haben. Die Wahrheit liegt auch neben dem Platz, bei den Kiebitzen, die beim Training jeden Tag ihre Meinung dazugeben. So wird in den Collagen Fußball zur Metapher für das ganze Leben. Oder, wie es ein Rentner in Wolfs Mikrofon sagt: "Das, was im Leben passiert, ist so wie am Samstag beim Spiel." Liest oder hört man die Collagen, ohne dabei von einem bestimmten Spiel "abgelenkt" zu werden, funkelt einen die Sprache plötzlich an.

Und soviel Vorlass muss sein:

Als Ror Wolf in einem Interview im Frühjahr sagte, er werde sein Archiv jetzt dann mal wegschmeißen, löste das ein mittleres Erdbeben aus. Er sagte damals, es reiche ihm einfach mit dem Fußball. Auch die WM werde er nicht oder nur am Rande verfolgen. Archive, Museen und viele Privatleute riefen daraufhin bei ihm an, bittend, die Aufnahmen um Gottes Willen nicht wegzuschmeißen. Was Wolf bis dahin gar nicht wusste: All seine Aufnahmen sind Unikate; in den Sechzigern, Siebzigern wurde von den Sendern nichts archiviert. Jetzt wird die ganze Sammlung wohl der Hessische Rundfunk bekommen.

In der experimentellen Literatur Ror Wolfs, so ließe sich vielleicht sagen, wurde gerade der Topos von den spezifisch deutschen kämpferischen Tugenden als Modell für eine gegen die gängigen Codes der Hochkultur zielende körperliche Ästhetik aufgegriffen. Die Männerbilder, die in Ror Wolfs intermedialen Montagetexten geschaffen werden, zielen auf die Farblosigkeit, das Scheitern und die Unfälle, die den Fußballalltag ebenso prägen, wie sie in der Folge zum Kennzeichen ihrer männlichen Protagonisten werden:

Der Fuß zerfetzt hinab bis auf den Knochen,
schwer umgesägt, der Westen heulte auf,
gerammt und umgemäht im vollen Lauf,
mit aller Wucht das Wadenbein gebrochen

Auch William Shakespeare wusste schon vom Foul zu berichten:

Lear: Do you bandy looks with me, you rascal? (Striking him.)
Oswald: I’ll not be struck, my lord.
Kent: Nor tripped neither, you base football-player. (Tripping up his heels.)
[William Shakespeare: King Lear; I.4.]

Was sich in Erich Frieds Übersetzung wie folgt ausnimmt:

Lear: Du siehst mich auch noch frech an, du Strolch? (Schlägt ihn.)
Oswald: Ich lasse mich nicht schlagen, gnädiger Herr.
Kent: Auch dir kein Bein stellen, du elender Fußballspieler. (Zieht ihm ein Bein weg.)
[William Shakespeare: King Lear; I.4.; Übersetzung: Erich Fried]

Nur gut, dass Ror Wolf hier wieder den Einstieg fand.


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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