Sport | -s - Part 12

posted by PP on 2006/04/07 09:28

[ Sport | -s ]

Für Kurzentschlossene mit ein wenig Tagesfreizeit:

Heute findet um 11.00 Uhr c.t. im Hörsaal I des NIG in Wien (Universitätsstraße 7) im Rahmen der Ringvorlesung Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht (cf. auch hier) der Vortrag

Wir, die Tore. Vorüberlegungen zu einer Literaturgeschichte des Fußballs (mit medizinischen Fußnoten),

geboten von Wolfgang Pennwieser und dem Betreiber dieses Weblogs statt. Nachdem bereits an dieser Stelle auf zwei der wichtigsten literarischen Erscheinungen zum Thema verwiesen wurde, soll nunmehr...
 

 

... das ganze im Sinne eines mehrfachen Doppelpasses über ein akademisches Spielfeld (bei 90 Minuten Dauer) ausgebreitet werden. Der Vortrag basiert an sich auf dem gleichnamigen Aufsatz, den der Verf. gemeinsam mit Nicolas Pethes für den im Erscheinen befindlichen Band

Eva Kreisky/Georg Spitaler (Hg.): Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht. Frankfurt/M.: Campus 2006

verfertigte.

Da Nicolas Pethes verhindert ist, wird mit dem Betreuer der sog. "Notfallambulanz" des Ballesterer, Wolfgang Pennwieser, eine medizinische Fachkraft herangezogen, die u.a. die Frage von Kreuzbändern, Knochenbrüchen und Magengeschwüren im literarischen Kontext auf reale Fakten hin beleuchten soll.

Im kritischen Sinne des Vorlesungs-Leiththemas "Fußball und Männlichkeit" ließe sich etwa Béla Hamvas (A barátság. In: H. B.: A láthatatlan történet [1943]. Szentendre: Media Kiadó 2001 [Hamvas Béla Művei 18], p.189-202, itt: p.195f. // Die Freundschaft. In: Ders.: Die unsichtbare Geschichte [1943]. Szentendre Media Verlag 2001 [Werke 18], p.189-202, hier: p.195f.) voranstellen:

Elf Männer schließen einen Bund, der elf anderen gegenübersteht. Die Aufgabe besteht darin, dass der Ball in das Tor des Gegners geschossen wird. Das ist Fußball. Man hat alles beisammen, was ein Männerkollektiv ausmacht: die Regel, den Schwur, die Uniform, den Gegner. Und das Spiel ist so wichtig, dass 50.000 Menschen atemlos zusehen. Und wenn man weiß, was es bedeutet, in einem Krieg, in einem Lager zu sein, riskante Unternehmen zu wagen, auf Leben und Tod mit 48 Männern auf einem Kriegsschiff zu leben, wenn man erfährt, was Amundsen und Shackleton von ihren Kameraden berichten, von den Teilnehmern ihrer Antarktisexpedition, was sie von der Überlegenheit, der Ruhe, dem Verzicht, der Solidarität, dem Humor, dem Entgegenkommen und der Selbstaufopferung berichten, die diese Männer aufgebracht haben, dann fängt man an zu verstehen, was so ein Männerkollektiv ausmacht, begründet und erhält. Und man beginnt zu verstehen, dass Freundschaft nur zwischen Männern bestehen kann.

Was auf den ersten Blick zwar mehr mit Literatur und Männlichkeitsdiskurs denn mit Fußball zu tun haben mag, soll in der ballestrischen Folge ausgebaut werden.

 

Denn Fußball ist, so scheint es, eine Textmaschine. Nicht nur im Vorfeld von Weltmeisterschaften überschlagen sich ehemalige Weltstars, Fachjournalisten und berufene Feuilletonisten dahingehend, Kultur und Faszination des Fußballs zu erklären und somit in den Kreis derer, die beschwören dürfen, einzutreten. Der Schritt von den allgegenwärtigen literarischen Metaphern in solchen Texten - allen voran der zur Phrase verkommene Anspruch, ein Spiel "lesen" zu können - zu einer Fußballliteratur scheint klein, zumal kultursoziologische Analysen auf die Parallel-Evolution von Sport und Literatur hinweisen, die beide seit dem 19. Jahrhundert als Füllung von Mußestunden und Selbstfindung verstanden werden.

Auf diese Weise scheint Sport weniger dem Bedürfnis nach Kunst, als demjenigen nach unmittelbarem körperlichen Erleben Vorschub zu leisten. Dieses Bedürfnis ist - etwa der avantgardistischen - Literatur keineswegs fremd. Greift die Literatur aber explizit auf Sport zu und versucht, körperliche Intensität zu repräsentieren, kommt es unweigerlich zu einer Doppelung, die die Präsenz des Sports wieder aufhebt. Die Suche nach Parallelen zwischen Fußball und Literatur stößt somit auch auf entscheidende Differenzen, zumindest aber auf eine Reduktion des Fußballs zum bloßen Motiv. Fußball wird zum topischen Bezugspunkt für Biografiegeschichten und Männlichkeitsinitiationen - der programmatische Titel von Thomas Brussigs schwarzem Monolog Leben bis Männer (2001) etwa ist nur ein jüngeres Beispiel für diesen Zusammenhang. Als Topos oder Motiv zeigt der Fußball aber, wie wenig er ein auf das Papier oder den Bildschirm umsetzbares Prinzip des Schreibens ist. Als Massensport ist Fußball viel zu eng mit der Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts verbunden – von den ersten Live-Übertragungen aus der Frühzeit von Radio und TV bis hin zu heute üblichen online-Wetten oder live-Tickern auf dem Handy-Display. Fußball als Thema ist somit abseits literarischer Umsetzungen vor allem auch eine Medienmaschine.

Für die Literatur könnte daraus die Anforderung erwachsen, Schreibweisen zu entwickeln, die sich nicht nur im Rahmen inhaltlicher Biografie- und Männlichkeitsklischees bewegen, sondern Satzmuster bereitstellen, die Parallelitäten, Überschneidungen und Vernetzungen eines Spielverlaufs umzusetzen imstande sind, kurz: die eine komplexe Dynamik auch der Unübersichtlichkeit wiedergeben können. Ein derart allein auf Text basiertes narratives System wird sich jedoch kaum finden, erfährt es keine Ergänzung durch Bilder.

Aus dieser Perspektive wäre zwischen einer Motivgeschichte zum Fußball in der Literatur und der Frage nach den literarischen Qualitäten des Spiels selbst zu unterscheiden. Beide stehen einander diametral entgegen: Die Ereignisform des Fußballs einerseits und die netzwerkförmige mediale und wahrnehmungsbezogene (visuelle, akustische, haptische) Mehrdimensionalität dieses Ereignisses andererseits machen ihn unerzählbar. Vor allem auch: Fußball ist - im Gegensatz etwa zu Schach oder Literatur - unwiederholbar, konkret: er kann nicht nachgespielt werden. Dies trägt entscheidend zu seinem Faszinosum bei, denn auch die Wiederholung im Fernsehen, die Zeitlupe, ist eben nur das: eine Wiederholung, keine Reinszenierung.

Der Versuch, ihn literarisch doch greifbar zu machen, bedeutet somit meist, auf den persönlichen 'Grund' zu greifen: die Markierung von Höhepunkten, die Kontrastierung von Jubel und Ersatzleiden - und es sind, wie wir im Folgenden anhand dreier verschiedener Aspekte zeigen wollen, zumeist Männer, die sich daran abarbeiten. Die vorliegende Fußballliteratur bewegt sich in den meisten Fällen zwischen Biografik und Hagiografie; Fragen der Erfahrung und des Erkennens, die im Fußball-konsumierenden Expertenkreis als selbstverständliche Werte der Identität vorausgesetzt werden, spielen dabei eine zentrale Rolle.

 


 

Und so weiter und so fort ...

... aufgeteilt in die Bereiche Fußball in/und/als Literatur >> Fußball vs. Literatur? >> Rituale der Männlichkeit und Exklusion >> Kollektiver, körperloser und kämpfender Körper: Männerbilder der Fußballerliteratur >> Fanbiographien als Medium männlicher Identitätssuche.

Schließlich findet sich schon im King Lear (I; 4):

Lear: Do you bandy looks with me, you rascal? (Striking him.)
Oswald: I’ll not be struck, my lord.
Kent: Nor tripped neither, you base football-player. (Tripping up his heels.)

 

Und Soma Morgenstern hielt mit kluger Zurückhaltung fest:

In seiner verblasenen Unwissenheit sieht der Intellektuelle den Fußballspieler an und sagt: Ja Training! Ja Schmecks! sag ich ihm in solchen Fällen. Trainieren Sie erst mal oder lassen Sie Ihr auch im Sport diätetisch wohlaufgezogenes Söhnchen trainieren und bald werden Sie eingesehen haben, daß auch hier die Voraussetzung eben die Begabung sei, die Ausnahme, das Talent. Und das allein macht es noch lange nicht. Wie überall, ist auch hier die ungewöhnliche Leistung eine Folge von Talent, Wille, Arbeit, Disziplin, Mut, Wachsamkeit, Selbsteinschränkung, Erfahrung und allen anderen moralischen Qualitäten. Auch die Spielregeln haben ihre Moral, und nicht bloß Beinbrüche bedrohen den Weg, auf dem man sich in die erste Reihe spielt. Aber dieser Weg! Der Weg darf im Grund gleichgültig sein. Daß einer bis zu seinen Grenzen geht, das macht den Kerl.
Unser Fußballspieler treibt sein Spiel als ein Professional. Dennoch hat er seinen Beruf. Er ist Bäcker. In den Nächten bäckt er Brot an den Nachmittagen spiel er uns vor. Er liefert uns panem et circenses. Die römischen Caesaren konnten panem sowohl wie auch circenses doch nur liefern lassen. [...]
(Soma Morgenstern: Kleinaufnahmen - Der Fußballspieler.
In: FZ Nr. 653 v. 2.9.1931 [Abendblatt], p.1)

 

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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