Fundstücke | Finds - Part 18

posted by PP on 2005/09/22 19:37

[ Fundstücke | Finds ]

Jürgen Langenbach hat in der Presse berichtet, dass der kroatische Wissenschafts- und Bildungsminister Dragan Primorac der scheints immer unverrückbareren Ansicht ist, dass die Kroaten aus genetischer Sicht irgendwie ganz anders (höherwertig?) seien als bislang angenommen: sie wären keine Slawen. Erfreulicherweise soll diese bahnbrechende Erkenntnis bald in Schulbücher Einzug halten.
Während in Ungarn im 19. Jahrhundert noch heftig gestritten wurde, ob denn die Vambery-These, wonach die Ungarn mit ihrer Sprache von den edlen Osmanen abstammten bzw. mit diesen verwandt wären, ganz sicher aber nicht nach "Fischtran stinkende Vettern" aus dem hohen Norden haben wollten, während das also noch eine Sprachenfrage war (die letztlich wie bekannt als finno-ugrisch entschieden wurde), gehts jetzt im 21. Jahrhundert und in Kroatien so richtig ans Eingemachte - und wie zufällig spielen die Ungarn schon wieder eine Rolle:
...werden die Schulkinder in seinem Land bald lernen, dass sie in den Genen und in ihrer Herkunft etwas Besonderes sind: keine Slawen, eher so etwas wie Finnen oder Lappen. Diese Legende köchelt Primorac seit zwei Jahren in Interviews immer höher, letzte Woche hat sie einer seiner Berater - Vladimir Paar, zuständig für die Lehrpläne - in der Zeitung Jutarnij List so formuliert: "Sehr bald wird sich bestätigen, dass die Kroaten zu den ältesten Bevölkerungen Europas gehören und dass die Ungarn mehr slawische Marker tragen als die Kroaten." Das hat nicht nur die internationale Zunft der Genetiker aufgeschreckt, sondern auch die Wissenschaftszeitschrift Nature, die Paar nach den konkreten Plänen gefragt hat und dahin beruhigt wurde, dass Beispiele wie das der Ungarn nicht in die Bücher kämen.
[...] Das zeigte sich an besagten Markern, Genom-Stellen, an denen sich Ethnien unterscheiden. Allerdings sind die Unterschiede - im Vergleich mit der Genvielfalt innerhalb von Ethnien - so gering, dass die meisten Genetiker das Konzept von "Rassen" strikt ablehnen. In der Publikation war davon auch nicht die Rede, geschweige denn von Besonderheiten der Kroaten, genetisch liegen sie in einem Cluster mit Ukrainern, Ungarn und Mazedoniern (Serben waren nicht vertreten, Finnen auch nicht).
Trotzdem liest Primorac aus den Daten nicht nur die genetische Auszeichnung heraus, sondern gleich noch ein Privileg: Die Kroaten seien die Erben der Ureinwohner, die anderen Balkanbewohner seien später gekommen. Die Leiterin der Studie, die Italienerin Ornella Semino, widerspricht heftig: "Kroaten haben Gen-Marker, die denen des restlichen Balkan gleichen", nur bei einem von zwölf Markern weichen sie ab.
Aus Kroatien sollen bislang keine ernsthafteren Widersprüche zu hören sein, vermutet wird, dass keine/r der ForscherInnen sich mit dem Genetiker und Bildungsminister anlegen möchte. Vielleicht könnte man zur Klärung beim Vatikan nachfragen, der angeblich Gotovina sich bezahlen lässt, wie das ICTY nun beklagte. Was wiederum pflichtschuldigst Otto Habsburg, Katholik und von Sohn in Rente, zu heftigster Kritik anstachelte. Das allein würde schon reichen, doch es gibt viel mehr Probleme auf dieser Welt, wie die APA bereits gestern berichtete:
Im Rahmen einer Briefmarkenpräsentation [!] der "Paneuropa Bewegung Österreich" äußerte sich Habsburg auch zu dem - seiner Meinung nach - größten Problem Europas. "Europa ist ein sterbender Kontinent", beklagte der Chef des Hauses Habsburg und langjährige CSU-Europaabgeordnete.
Habsburgs Lösungsvorschlag: Die Eltern sollten stellvertretend das Stimmrecht ihrer Kinder bis zu deren Volljährigkeit ausüben. Dadurch würden die Politiker den Familien und deren Mehrfach-Stimmen "nachrennen" und durch Vergünstigungen eine Familiengründung für die jüngere Generation wieder attraktiv machen.
Wenn man das nun etwa in Kroatien umsetzte, würden die Finnen und Lappen somit bald die Chinesen einholen. Zittre, Reich der Mitte, zittre!

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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