Literatur | -e - Part 38

posted by PP on 2006/10/20 13:26

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Im Falle der Auseinandersetzung um die Franz Kafka-Ausgabe (FKA) liegt eine weitere Presseredaktion vor: Alexander Honold (Basel) schreibt heute in der FAZ (20.10.2006, Nr. 244 / p. 40) unter dem Titel "Die Handschrift hinterm Jägerzaun":

Das böse Erwachen ist eine schockhafte Grundsituation. Wie kein anderer Autor inszeniert Kafka die Hilflosigkeit des modernen Menschen gegenüber den Effekten sinnloser und anonymer Gewalt, oder den Sturz aus wohlgefügter bürgerlicher Ordnung in den freien Fall. Wenn nun eine mit Steuergeldern wirtschaftende Einrichtung wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Zusammenhang mit Franz Kafka in die Schlagzeilen gerät, dann liegen dramatische Identifikationsmuster auf der Hand.
Einem engagierten und unkonventionellen Team von Editionsphilologen werden die beantragten Mittel zur Fortsetzung der Historisch-Kritischen Kafka-Ausgabe verweigert. Im wissenschaftlichen Normalbetrieb ist wegen der immer schlechter werdenden Grundausstattung der Universitäten das Einreichen von derartigen Drittmittelanträgen zur alltäglichen Übung geworden. Gerade in den Geisteswissenschaften werden die Fördermittel immer knapper. Ebenso üblich ist daher auch die absehbar größer werdende Zahl von Ablehnungsbescheiden. Sie alle sind auf Basis erstellter Fachgutachten argumentativ begründet, so auch im vorliegenden Fall. Allerdings schlägt dieser Fall hohe Wellen: Mehr als zweihundert zum Teil sehr namhafte Wissenschaftler protestieren gegen die Entscheidung der DFG, die Kafka-Ausgabe von Roland Reuß und Peter Staengle nicht zu fördern. Zu den Unterzeichnern eines in diesen Tagen publizierten Offenen Briefes zählen unter anderen Peter von Matt, Hartmut Binder, James Wellberry sowie Wolf Kittler, einer der Mitherausgeber der konkurrierden Edition. Methodisch geht es um die Frage, wie zu edieren sei. Zur Debatte steht aber mehr: das Nachleben eines Klassikers der Moderne. Im Grunde bewirkt die jetzt in den Brennpunkt des Interesses rückende Ausgabe des Verlags Stroemfeld / Roter Stern zusammen mit den parallelen Editionsprojekten zu Hölderlin, Kleist, Gottfried Keller, Robert Walser und anderen, eine sanfte Revolution unserer sichergeglaubten kulturellen Besitzstände. Wie sehen wir Kafka, wie finden wir in den nächsten Jahrzehnten seine Texte vor? Jetzt wird physisch greifbar, wie spärlich dasjenige ist, was Autoren wie Hölderlin oder Kafka zu Lebzeiten überhaupt publizieren konnten. Frühere Editionen präsentierten geschlossene Werke, gedruckt, gebunden und mit einem zweifelsfreien Titel versehen. Die neue Editionswissenschaft aber versucht, die Phasen des literarischen Arbeitsprozesses zu rekonstruieren und abzubilden. Sie präsentiert nicht Fertiges, sondern inszeniert den Schreibvorgang selbst. Angeregt durch solche Editionsverfahren hat die Literaturwissenschaft soeben entdeckt, wie intensiv und häufig die Autoren selbst ,ihre' Schreibszene und Produktionsweise zum Thema machen. In Frankreich und Italien ist die "critique génétique" akademisch stärker verankert, als das an deutschen Universitäten der Fall ist. Das Fehlen einer institutionalisierten Disziplin "Textkritik" mag zur ablehnenden Haltung der Gutachter beigetragen haben. Man muß freilich einräumen, daß schon die in den neunziger Jahren fertiggestellte Kritische Kafka-Ausgabe den Kontinent der Vorstufen, Fassungen, Fragmente und abgerissenen Notate editorisch zu erschließen versuchte und dabei zu achtbaren Textausgaben und Apparatbänden gelangte. Diese (über lange Zeit von der DFG geförderte) Ausgabe hat zweifellos wissenschaftliche Legitimität und bleibenden kulturellen Nutzwert. Warum, so mag sich die DFG gefragt haben, dann nochmals edieren, und abermals teurer und aufwendiger?
Der entscheidende Schauplatz von Kafkas Werk ist die Handschrift. Die Antriebskraft seiner Literatur, aber auch ihr größtes Hemmnis, liegt in der riesigen Spanne zwischen Tintenstrom und Buchdruck. Wenn der Autor einzelne Buchstaben, Worte oder Satzteile streicht oder überschreibt, verzeichnet das in der alten Kafka-Edition der vom Text getrennte Apparat-Band. In der neuen Edition sind die Handschriften großformatig faksimiliert und stehen den Transkriptionen in diplomatischer Umschrift unmittelbar gegenüber. Wir sehen nicht nur sofort, daß gestrichen wurde, sondern auch wie. Da sind manchmal kecke Wellenlinien, andernorts zwanghafte Schraffuren, zuweilen verschwinden die getilgten Buchstaben hinter regelrechten Jägerzäunen.
Und dann erst die Taten der Tinte selbst. Den schwungvoll verlängerten Auf- und Abstrichen beim K, beim B, V oder R, den Verdickungen beim T-Strich muß man zuschauen können, um Kafkas Schreiben als graphisches Geschehnis zu erfahren. Im Oxforder Oktavheft Eins fällt ein Strichmännchen die Seite herab, auf einen Pferdewagen zu, der einen Sarg zu ziehen scheint. In einer konventionellen Ausgabe kann auf die Zeichnung nur verwiesen werden. In der Historisch-Kritischen Edition ist sie zu sehen.
Was die Feder des Autors anrichtet, ist ein hybrides Gebilde, Text an der Schwelle zum Bild. Die Unentschiedenheit des Ausdrucks, der gewählten Gattung, der narrativen Abfolge ist für Kafkas Poetik ein elementarer Befund. Diese Kenntnisse haben uns zwar schon die bisher (und übrigens ohne öffentliche Fördermittel) vorgelegten Bände der neuen Ausgabe beschert. Aber sollte man nicht zumindest für den philologisch interessierten Leser bei allen Werkteilen dieses Vivisekteurs der Moderne gewisse Zugangs- und Benimmregeln einführen, allen voran das Konsultieren der Handschrift? Niemals war es so einfach und lohnend wie heute, dem Überschwang und den Wirrungen von Kafkas Schreiben auf der Spur zu sein.

Alexander Honold lehrt am Deutschen Seminar der Universität Basel. Er gehört zu den Unterzeichnern des Offenen Briefs an die DFG.

(Auf "Kakanien revisited" gibt es von ihm den gemeinsam mit Klaus R. Scherpe veröffentlichten Theorie-Beitrag [.pdf] "Auf dem Papier sind Indianer weiß - im Ritual die Weißen farbig. Fremdheitsforschung in der Literaturwissenschaft" zu finden.)


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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