Medien | Media - Part 3

posted by PP on 2005/02/15 11:28

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Soviel zur Aktualitätsfrage: Gut Ding braucht Weile. Nach zwei Wochen des Testens und der stetig wachsenden Freude an der Anschaffung der Hinweis auf eine CD-Edition, wie sie (v.a. angesichts der diesbezüglichen Schwierigkeiten) sein soll (und bereits seit längerem existiert): Die Digitale Fassung des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm.
By the way: You can get a good overview for this project via an article by Ruth Christmann: Books into Bytes: Jacob and Wilhelm Grimm's Deutsches Wörterbuch on CD-ROM and on the Internet.
Auf Deutsch findet sich eine exzellente Einführung vermittels des Textes von Vera Hildenbrandt, Thomas Schares: Das Grimmsche Wörterbuch geht ins 21. Jahrhundert: Präsentation eines Prototyps des digitalen Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm.

Wie heißt es doch so schön im Vorwort zu Band 1?
Die sprache ist allen bekannt und ein geheimnis. wie sie den gelehrten mächtig anzieht, hat sie auch der menge natürliche lust und neigung eingepflanzt. 'wie heiszt doch das wort, dessen ich mich nicht mehr recht erinnern kann?' 'der mann führt ein seltsames wort im munde, was mag es eigentlich sagen wollen?' 'zu dem ausdruck musz noch es bessere beispiele geben, lasz uns nachschlagen.'
Diese neigung kommt dem verständnis auf halbem wege entgegen. das wörterbuch braucht gar nicht nach platter deutlichkeit zu ringen und kann sich ruhig alles üblichen geräths bedienen, dessen die wissenschaft so wenig als das handwerk entbehrt und der leser bringt das geschick dazu mit oder erwirbt sichs ohne mühe. fragst du den schuster, den becker um etwas, er antwortet dir auch mit seinen wörtern und es bedarf wenig oder keiner deutung.
Auch ist gar keine noth, dasz allen alles verständlich, dasz jedem jedes wort erklärt sei, er gehe an dem unverstandnen vorüber und wird es das nächstemal vielleicht fassen. nenne man ein gutes buch, dessen verständnis leicht wäre und nicht einen unergründlichen hintergrund hätte. das wörterbuch insgemein führt so schweren stof mit sich, dasz die gelehrtesten bei manchem verstummen oder noch nicht rechten bescheid wissen. auf zahllosen stufen dürfen auch die andern leser bei seite lassen, was ihres vermögens nicht ist, in ihren gesichtskreis nicht fällt oder was selbst sie abstöszt. leser jedes standes und alters sollen auf den unabsehbaren strecken der sprache nach bienenweise nur in die kräuter und blumen sich niederlassen, zu denen ihr hang sie führt und die ihnen behagen.

Hans Magnus Enzensberger hat das DWB (67.744 Spalten) angeblich als "unser größtes Wörterbuch" bezeichnet. Und nachdem wir ihm eher keinen Überschwang in Sachen Nationalismus zuweisen wollen, darf das ruhig mal so stehen bleiben. Insbesondere nachdem so ziemlich alle, die sich mit deutscher Sprache in all ihren Spielarten auseinandersetzen wollen/müssen, ohne dieses Werk nicht ihr Auslangen finden werden.

Auch auf der Wikipedia finden sich zahlreiche Hinweise - es fehlt auch nicht der wesentliche: "Das Ziel des DWB sollte es sein, dass sich der einfache Bürger der Gemeinsamkeit in der deutschen Sprache vergewissern konnte, wo es doch noch kein vereinigtes Deutschland, sondern nur viele Herzogtümer und Königshäuser gab" -, sodass an dieser Stelle nur die wichtigsten wiedergegeben werden:

Die Brüder hatten die gewaltige Aufgabe, die vor ihnen lag, unterschätzt; das Werk war ursprünglich auf sieben bis zehn Bände und wenige Jahre Arbeit veranschlagt. Sie nahmen die Arbeit 1838 in Angriff. Mehr als 80 Mitarbeiter beschafften über 600.000 Belege, der 1. Band erschien 1854, doch sie konnten zu ihren Lebzeiten nur einen kleinen Teil bearbeiten: Wilhelm Grimm, der den Buchstaben D verfasste, starb 1859; Jacob, der die Buchstaben A, B, C und E abschließen konnte, starb 1863 über der Bearbeitung des Stichworts Frucht.

Nachfolgende Generationen von Sprachwissenschaftlern setzten die Arbeit fort. Anfang des 20. Jahrhunderts übernahm die Preußische Akademie der Wissenschaften die Weiterentwicklung des Wörterbuches, in Göttingen wurde eine Zentralsammelstelle zum Systematisieren der Belegstellen eingerichtet; 1930 wurde eine feste Arbeitstelle bei der Berliner Akademie eingerichtet. 123 Jahre nach Beginn der Arbeit erschien am 4. Januar 1961 mit der 380. Lieferung der 32. und letzte Band diese Wörterbuches (Gesamtumfang: 67.744 Textspalten, 350.000 Stichwörter, Gesamtgewicht 84 kg). Die ursprüngliche Auflage beträgt nur wenige 100 Exemplare.

Bereits 1957 wurde eine Neubearbeitung des DWB beschlossen, um den ältesten Teil, die Buchstaben A - F, auf den neuesten Stand zu bringen. Nach der aktuellen Zeitplanung soll diese Arbeit in Göttingen und 2005 abgeschlossen werden. (Wenn man die akademische Landschaft Göttingens auch nur ein bisschen kennt, nimmt man das für bare Münze.)

An der Universität Trier, genauer: im Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier, wurden die 300 Millionen gedruckten Zeichen nach der Methode der doppelten Eingabe digitalisiert. In China (Indien ist inzwischen wahrscheinlich schon zu teuer) wurde der gesamte Textkörper manuell zweimal eingegeben, um durch die Redundanz Fehler zu vermeiden (ein verfahren, wie es etwa auch bei der Digitalisierung von noch auf Kärtchen vorhandenen Bibliothgekskatalogen angewandt wird); ein Scannen war aufgrund der Schriftgröße von nur 7 Punkt bzw. 6 Punkt für die Zitate nicht möglich.

Das Team unter der Leitung von Kurt Gärtner setzte im Rahmen eines DFG-Projekts all dies um, sodass nunmehr sowohl eine Internet-Fassung (Zugriff auch hier möglich) als auch eine CD-ROM-Edition vorhanden sind. Bestellen können Sie letztere hier (und es gibt erfreulicherweise - besser gesagt: wie es sich für ein Projekt dieser Größenordnung ziemt - nicht nur eine Windows-, sondern auch eine Macintosh- und eine Linux-kompatible Version!!), während nähere Informationen dazu auf der Projekt-Site abrufbar sind. Weiters wurde das Ganze auch schon auf der Documenta 11 vorgestellt. Nicht ohne Grund, wie auf der Projektseite festgehalten wird:

Das Fehlen einer für alle Bände grundlegenden Wörterbuchkonzeption und seine lange, von den Vorstellungen und Vorlieben der jeweiligen Bearbeiter und den jeweils aktuellen Erkenntnissen aus Sprachwissenschaft, Philologie und Geschichtswissenschaft geprägte Geschichte machen das DWB einerseits zu einem überaus heterogenen Werk. Andererseits aber sind mit ihm über einhundert Jahre Institutionengeschichte verbunden, die zugleich über einhundert Jahre politischer, sprachpolitischer und lexikographischer Geschichte widerspiegeln. Dadurch wird das DWB nicht nur zu einem worthistorischen Grundlagenwerk der deutschen Sprache, sondern auch zu einem unvergleichlichen Zeugnis wissenschaftlicher Theorien, Verfahren und Methoden des 19. und 20. Jahrhunderts.

Und der Verfasser des kleinen Weblogs greift fröhlich hinter sich ins Bücherregal, zieht wahllos einen der 33 Bände heraus und sucht sich nach dem Zufallsprinzip ein Lemma... Oder freut sich, wie im Header angedeutet, auch unterwegs jederzeit auf seine satt ein GB umfassende Datenbank der DWB zugreifen zu können.

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30605/grimm.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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