Wieder: Vereinigung

posted by PP on 2009/03/10 09:23

[ 1989/90 ]

(Noch vor dem Lektürehinweis zum Tag eine rasche Überlegung zu 1989-1848, denn heuer müssen wir uns natürlich auch um das Annus mirabilis 1989 kümmern. Zumindest ab und an.)

Waren eigentlich die "1989er" vergleichbar mit den "1848er"n? Diese Engführung ist wahrscheinlich zu undifferenziert, wiewohl der mit dem Ruf nach "Freiheit" benannte, Grenzen überspringende Funke in den jeweiligen Jahren, der sich an den Durchsetzungsbemühungen von Hegemonialmächten supranationalen Zuschnitts entzündete, das nahelegt. Auch die Beobachtung, dass dieser Funke in beiden Fällen einer war, der auf einen Flächenbrand abzielte, der zur Selbstbestimmung führen sollte (zumeist national und nur sehr bedingt klassenspezifisch kodiert), legt diese Annahme nahe - und greift damit doch zu kurz.

Und schließlich ließe sich auch noch vergleichend auf entsprechend unabdingbare Vorlaufzeiten hinweisen: 1848 Romantik/Biedermeier und Einsetzen der industriellen Revolution, 1989 Erhebungen wie 1956 (Ungarn)/1968 (Tschechoslowakei)/1980 (Polen)/KSZE-Prozess. Dennoch bleiben zu gravierende Unterschiede, sowohl was die Zeitläufe als auch die spezifischen nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen betrifft. Vor allem aber: 1848/49 wurde rasch und blutig in die Schranken der Geschichte gewiesen, den "Sturmvögeln der Revolution" wurden die Schwingen gestutzt und es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis sich Bürgerrechte durchsetzten und ein bedingungsloser Nationalismus um sich greifen konnte. Auch die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter bedurften noch eines jahrzehntelangen Kampfes.

1989/90 und seine Systemwechsel gingen dagegen mehr oder weniger glatt über die Bühne, teilweise für viele sogar so schnell, dass dafür das Wort Havels am Wenzelsplatz stehen kann: "Die Geschichte, die künstlich gestoppt worden ist, hat sich plötzlich mit Schwindel erregendem Tempo beschleunigt und überrascht uns stets aufs Neue."

Und nun genug damit. Zu verweisen ist vielmehr aktuell (bzw. im Nachtrag) auf einen Beitrag von Ingo Schulze (cf. in derartigem Zusammenhang auch seine letzte Publikation "Adam und Evelyn") im letztwochenendlichen Feuilleton der Süddeutschen: Mein Westen. In der Unterzeile dazu heißt es: "'Due deutsche Einheit vollenden' - was um Himmels willen soll das heißen? Eine Erinnerung an den Beitritt der DDR zur BRD." Zitat:

 

Wenn man sich heute bei manchen Entscheidungen die Augen reibt oder seinen Ohren nicht traut, dann liegt das daran, dass wir Möglichkeiten, die das Grundgesetz ausdrücklich vorsieht, nicht mal mehr zu denken wagten. Folgen hat das Staunen bisher keine gehabt. Alle Maßnahmen, die jetzt eingeleitet werden und vielleicht auch eingeleitet werden müssen, erfolgen unter vielfältigen Beteuerungen und Entschuldigungen, dass sie begrenzt seien, temporär, dass keine andere Wahl bliebe, aber alles rückgängig gemacht werde, sobald die Aussichten wieder besser sind, Profit zu machen.

Viel schlimmer ist, dass gar nicht mehr gesagt wird, warum das Gemeinwesen der schlechtere Inhaber sein soll als die privaten Aktienbesitzer oder Hedge Fonds. Nach welchen Kriterien wird geurteilt? Geht es um Maximalprofit oder darum, dass das Gemeinwesen gut versorgt wird und dass soziale, ökologische Aspekte ebenso wie Menschenrechtsfragen eine ebenso wichtige Rolle spielen. Die Diskussion, die 1990 nicht geführt wurde, könnte jetzt stattfinden.

Wann ist es sinnvoll, dass das Gemeinwesen etwas in eigene Regie nimmt, weil es besser für die Bürgerinnen und Bürger ist, was sollte nach bestimmten Spielregeln der Privatwirtschaft überlassen werden. Man könnte über die Stromindustrie sprechen, über das Bankwesen, über das Gesundheitswesen, die Versicherungen, die Bahn, die Bildung, die Post. Und warum nicht auch über die Rüstungsindustrie oder die Pharmaindustrie? Warum soll ein rentables Unternehmen, das nicht dazu verdammt ist, immer höheren und höheren Gewinn zu machen, schlecht für das Gemeinwesen sein, schlecht für die Beschäftigten?

Wachstum und Gewinnmaximierung haben als Wünschelrute, die uns in die Zukunft führen sollte, ausgedient. Die Klimaberichte geben uns noch zwischen fünf und zehn Jahren, um die Notbremse zu ziehen. Während wir versuchen, den Konsum anzufachen, hat eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen, kein sauberes Wasser. Welche Partei zieht mit der Forderung in den Wahlkampf, als zukünftige Regierung entschieden dagegen vorzugehen?

Über zwanzig Jahre friedliche Revolution zu sprechen und zu streiten, heißt auch, über unsere heutige Welt nachzudenken. Vielleicht erweist sich ja meine Sichtweise als falsch. Das wäre zu ertragen. Was ich nicht ertrage, ist die Selbstgewissheit "der Sieger der Geschichte", ihre Arroganz, mit der sie meinen, jenseits der Argumente, jenseits der Diskussion zu stehen, jenseits der Forderung zu handeln. Der Hochmut gegenüber dem Leben in der DDR ließe sich verschmerzen, wäre nicht sein heutiges Spiegelbild so kriminell. Die Selbstgewissheit, die darin liegt, dass es nur eines besseren Managements bedarf, wird uns nicht retten.


Antworten

01 by Katalin Teller at 2009/03/11 11:12 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten

Verantwortung - historisch/politisch/privat/kulturell, ihre Gestaltwandlungen und Vereinnahmungstendenzen sind übrigens auch ein spannender Teil des früheren Romans Neue Leben von Ingo Schulze - und dazu eine (Eigen)Werbung in Form eines Interviews.

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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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