Viertel vor Halb

posted by NP on 2008/06/19 09:33

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Mein Horror Vacui vor der drohenden Spielfreiheit hat eine interessante Fehlleistung produziert: Ich habe der UEFA gewissermaßen in fatalistischer Antizipation eines GAU unterstellt, zwischen Vorrunde und Viertelfinals einen Tag Pause einzulegen, während die Dinge in Wirklichkeit nahtlos ineinander übergehen. Und da damit nach dem Endspuirt der Russen heute schon ein neuerliches deutsches Schicksalspiel auf dem Programm steht, hätte man sich möglicherweise beinahe eine Zäsur gewünscht.

Die gibt es aber nicht, und daher hier in der gebotenen Kurzatmigkeit der Versuch eines Resümees der Vorrunden: Auffallend ist zunächst einmal, daß es in jeder Gruppe einen Sieger mit weißer Weste, sprich drei konsekutiven Siegen gibt. Ohne dies nun nachzuprüfen, behaupte ich, daß dies ein für Welt- wie Europameisterschaften einmaliges Zwischenergebnis ist. Irgendein Unentschieden hat sich bisher einer der Gruppenersten noch immer erlaubt. Es scheint also, daß es eine Gruppe von vier souveränen Teams gibt, hinter denen sich -- allerdings ebenfalls durchweg mit klaren Siegen und nicht etwa mittels ermauerter Remis -- die jeweiligen Zweiten mit 6 Punkten durchgewurschtelt haben.

Ausnahme im Favoritenkreis ist Kroatien, die zwar dreimal gewonnen, aber nur ein halbes Mal überzeugend gespielt haben. Dennoch ist die Prognose hier, daß der kroatische Zeitlupenfußball auch die türkischen Adrenalinkonter trockenlegen wird. 

Ausnahme in der Riege der Vizes ist Italien, die nur vier Punkte erspielt haben, von denen ich aber dennoch die turniertypische Steigerung erwarte, obwohl Spanien natürlich sehr stark ist bei diesem Turnier. Aber das waren sie auch bei jedem anderen und haben dennoch seit Menschengedenken kein Halbfinale mehr erreicht.

Bleiben die beiden echten Favoriten, von denen Holland dieser Rolle gegen Rußland wohl gerecht werden wird -- obwohl die Russen gestern abend nicht nur aufgrund ihrer Trikot- und Nationalfarben wie eine kleine Elftal aussahen, sondern auch in Gestalt ihrer paßgenauen Tempokonter. Dennoch: Wer sieht, was da bei Oranje noch von der Bank kommt, der muß alle Hoffnungen fahren lassen.

Und Portugal? Portugal hat bisher so leichtfüßig gespielt, daß Deutschland es fast begrüßen sollte, seine altehrwürdigen Rumpelqualitäten wiederentdeckt zu haben. Denn auf der von Jogi Löw anvisierten Augenhöhe mit Kurzpaßkünstlern wäre für die Deutschen wohl wenig zu hoffen. Wenn aber Frings spielt, Ballack die Form aus dem Vorbereitungsspiel gegen Serbien abruft,  und Podolski trotz Schweinsteigers Einsatz eine hängende linke Spitze spielen darf, dann reicht es vielleicht zu einem Hitlsperger-Freistoß in Minute 92, zu dem wir dann allerdings auch und solidarisch den Fado anstimmen werden.

Und danach: Danach können sich die Italiener nochmal gegen Holland versuchen, und Deutschland wird sein erstes Fußballspiel gegen Kroation bei dieser EM spielen.


Antworten

01 by PP at 2008/06/19 12:56 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten

Klar d'accord, was die brillante Verfasstheit der (i.a.R.) Niederländer, Portugiesen, Russen und Spanier betrifft. Dummerweise sind drei dieser Mannschaften in der "unteren Hälfte", sodass nur eine davon letztlich im Finale zu Wien stehen wird können. Mit das Schöne am Fußball ist ja, dass es keine vollkommene Berechenbarkeit gibt. und insofern blamiert man sich regelmäßig mit seinen Tipps - aber hofft gleichzeitig, dass einem dieses Irren als Form der Begeisterung abgenommen wird. Auf dieser Basis die angewandte Prognostik wie folgt:

Portugal siegt heute (knapp, aber doch, in einem überdies eher hart geführten Spiel) über Deutschland, trifft in weiterer Folge auf die Kroaten (die Türken sind durch gelbe/rote Karten sowie Verletzungen einiger Stammspieler tendenziell geschwächt und hatten einen Tag weniger Regenerationszeit). Das dann endgültig zu eröffnende portugiesische Lazarett kommt ins Finale.

Die Niederlande zaubern gegen die ebenfalls bestechend aufspielenden Russen, schaffen es aber effizienter, die Offensiven der Außen zu unterbinden. Und jetzt wirds schwierig: Wie Kollege Pethes sehe ich die Italiener leicht im Vorteil. Aber zeichen und Wunder müssen passieren - deshalb sei hiermit dekretiert: Spanien schlägt Italien und scheidet erst in der Verlängerung des Halbfinales gegen die Niederländer aus.

Das Finale von Wien würde dann zwischen Portugal und den Niederlanden gespielt, wobei letztere knapp die Oberhand behalten.

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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