Spielfrei

posted by NP on 2008/06/15 18:59

[ Sport | -s ]

Auf das Hoch, das die Russen uns gestern bescherten, indem sie die vor 4 Jahren wie heute unsäglichen Griechen aus dem Turnier gekippt haben, folgt heute einer erster Vorblick auf das Tief, das uns bald und immer öfter bevorsteht. Die Rede ist von der plötzlichen Leere, die sich heute um 18:00 Uhr auftat, und ein Schreckenswort macht die Runde:

"spielfrei". Es ist bei jedem Turnier das gleiche: Mit vollen Händen wird man 1-2 Wochen lang überschüttet mit Spielen, während der Gruppenphase gewinnt jeder Tag wie von selbst eine unvergleichlich stabile Struktur, und alle Fragen oder Zweifel, wie man den frühen Nachmittag oder Abend verbringen soll, verpuffen gegenstandslos. Ein Turnier gibt dem Alltag eine feste Richtung, der Tagesablauf ist klar auf den Anpfiff ausgerichtet, die vielbeschworene Komplexität und Kontingenz postmoderner Lebensläufe für wenige Wochen aufs erholsamste reduziert.

Was sich aber heute andeutet und am Mittwoch noch schmerzhafter wiederholen wird ist, daß alle Komplexitäts- und Kontingenzreduktion bloß temporär ist. Heute um 18:00 Uhr war das erste mal seit 8 Tagen kein Spiel mehr, Mittwoch wird das erste Mal seit 12 Tagen gar kein Fußballspiel zu sehen sein, und all das ist nur die brutale Ankündigung der nach dem Finale gähnenden gänzlichen Fußballfreiheit. Ein Turnier ist aus dieser Perspektive der grausame Vollzug der Selbstannihilierung, jedes Spiel, das wir sehen, reduziert die Zahl der noch zu sehenden, in jedem Ballkontakt klingt das Echo der tickenden Uhr nach, die dem Turnier die Stunden zählt uns bald wieder dem zum scheiternde verurteilten Experiment einer eigenverantwortlichen Tagesgestaltung ausliefern wird.

Schweiz-Portugal 0:2
Türkei-Tschechien 1:2

 


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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