Portoiactophobie

posted by NP on 2008/06/09 10:13

[ Sport | -s ]

Über weinende Männer haben wir an dieser Stelle schon gehandelt, und die Tränen des Schweizer Kapitäns Alexander Frei nach seiner Verletzung in der Auftaktpartie gegen Tschechien geben weiteren Anschauungsunterricht in dieser Sache. Zu generalisieren ist sie aber dennoch nicht: Augenzeugen zufolge soll der ebenfalls außer Gefecht gesetzte italienische Spielführer Cannavaro bester Laune sein ...

Beim Spiel Deutschland-Polen gestern war dann allerdings eine neue Spielart des harten Mannes mit dem weichen Herz zu beobachten: Der erst kurz vor Turnierbeginn in die Startaufstellung gerutschte Außenstürmer Lukas Podolski ließ sich nach seinem 1:0 in Minute 20 gemächlich auslaufen, den reglosen Blick gesenkt, die Gratulationen der Mitspieler abwehrend und bei Rückkehr in die eigene Hälfte das Gesicht in die Hände vergrabend. Vegleicht man das mit den präpotenten Jubelorgien seiner Berufskollegen sonst, vor allem aber mit der Explosion, die dieses Land nach dem Turnierauftakttor der Rechtsverteidigers Philip Lahm bei der WM vor 2 Jahren erschütterte, dann ist Podolskis Haltung mehr als nur außergewöhnlich. Die Begründung ist nicht weiter schwer: Podolski ist in Polen geboren und scheint unter seinen am Ende zwei Toren gegen die alte Heimat selbst am meisten gelitten zu haben. Das rituelle Beklopfen des Teamwappens auf der Brust nach dem ersten Tor war weniger der topische Treueschwur, der im Vereinsfußball als sicheres Anzeichen eines bevorstehenden Wechsels bewertet werden darf, sondern eine Art Selbstdisziplinierung und Rückbesinnung auf die Wirklichkeit. Dennoch: Daß einer, der sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft um seinen Stammplatz kämpft, sich so wenig spreizt (Topos hier: die beiden auf den Namenszug am Trikotrücken weisenden Daumen) und den Torerfolg beinahe als Besinnungsritual zelebriert, ist gegenüber den offen zu Tage getragenen Tränen die intensivere Variante.

Podolskis Sturmpartner Miroslav Klose ist bekanntlich ebenfalls gebürtiger Pole, begnügte sich am gestrigen Abend aber mit einer selbstlosen und einer zufälligen Vorarbeit zu den beiden Poldi-Treffern. Ob Klose sich den obligatorischen Salto verkniffen hätte bei einem Tor, sei hier bezweifelt. Andererseits kann man seinen Auftritt auch als Präventivmaßnahme gegen Salto-Reflexe verstehen: Wer frei vor dem Tor immer querlegt, kommt nicht in die Verlegenheit, selbst zu treffen und zu überlegen, ob man sich den nun über das Tor freuen darf und welches Verbandswappen auf der Trikotbrust prangt. Zu fragen bleibt allerdings, wann Kloses vielgelobte Selbstlosigkeit in therapiebdürftige Portoiactophobie umschlägt.

Und Österreich? Ach Österreich. Möge Peter Plener Deiner gedenken.


Antworten

01 by NP at 2008/06/09 20:15 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten

Ich habe die Tips vergessen -- daß ich ROM-FRA 1:1 prognostiziert habe, glaub mir nun eh keiner mehr (kann man aber wie gesagt hier nachlesen), daher jetzt nur noch rasch: Niederlande-Italien 1:2!

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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