Eurokult 3

posted by NP on 2008/06/05 11:13

[ Sport | -s ]

Nachdem in Eurokult 2 die Frage diskutiert wurde, ob der Berg zum Propheten oder der Prophet zum Berge kommt und anhand des "Wunders von Wien" der ORF als Wunschmaschine Welterfindung entlarvt werden konnte, ergibt sich das Thema für heute von selbst: Prophezeiungen, Prognosen und, zwei Tage vor Anpfiff höchste Zeit, Tips.

 Wobei hier natürlich nicht einfach getipt werden soll. Das kann man zum Beispiel wunderbar hier tun www.kicktipp.de/vflive/ Oder man läßt es bleiben, denn das abgerundetste und kompetenteste EM-Orakel hat ohnehin Hans Meyer im Zeit-Magazin der letzten Woche abgeliefert.

Ist aber eigentlich jenseits alles Mystisch-Orakelhaften eine Kritik des Prognosevermögens möglich? Man kann sich ja an ganz verschiedenen Kriterien ausrichten, am einfachsten durch den Superstar-Check. Dann wird natürlich Italien Europameister, weil sie mit Toni, Pirlo, Gattuso und Buffon gleich über vier solche Stars verfügen, im Unterschied zu Frankreich, die mit 2-3 auskommen müssen, oder Deutschland und Portugal, die jeweils nur einen in ihren Reihen haben. Man kann's natürlich auch wie Spanien machen und den einzigen Superstar gleich zu Hause lassen, aber das macht nichts, denn Spanien gewinnt eh nichts.

Womit man schon beim zweiten Kriterium wäre, bei der Fußballgeschichte: Spanien scheitert früh, Deutschland kommt ins Finale, England verliert das Elfmeterschießen -- das sind sichere Tips, weil es schon immer so gewesen ist. Kein Fußballfachmann, der das leugnen würde, und doch gibt es ja wenige Gemeinplätze, die weniger plausibel wären: Hat John Terry vor zwei Wochen wirklich daneben geschossen, weil er Stuart Peirce (1990) oder Neville Southgate (1996) zu seinen Landsleuten zählt? Stellen die Spanier nach ihren oft spektakulären Vorrundenauftritten den Spielbetrieb aus Respekt gegenüber den Zubizarettas, Gordillos und Quinis von 1982 ein? Und haben sich Thomas Häßler oder Stefan Kuntz in den Schlußminuten der jeweiligen Halbfinalpartien 1992 bzw. 1996 in ihrem genetisch bedingten Beamtentum auf ihre Dienstverpflichtung gegenüber Müller/Völler besonnen und deshalb nochmal ins Tor getroffen?

Alles absurd. Ich kann mich, außer im Fall von Maradona '86, an keinen Spieler erinnern, der alleine ein Turnier gewonnen hätte, insofern verbietet sich diese Superstarzählerei von selbst. Man denke nur an Griechenland vor vier Jahren, die sich übrigens auch nicht darum geschert haben, daß sie aus fußballhistorischer Sicht keinerlei Anspruch darauf hatten, auch nur die Vorrunde zu überstehen. Und trotzdem würden wir alle, die wir noch nie einen Cent beim Fußballtoto gewinnen konnten (obwohl wir uns seit 3 Jahrzehnten mit nichts anderem beschäftigen als der haarkleinen Analyse und dem unfehlbaren Tip), aufschreien, wenn jetzt jemand käme und behauptete, er sei halt doch ein bisserl kontigent der Fußball.

Das Lösungswort heißt wahrscheinlich Struktur: Eine Fußballmannschaft ist eine Gebilde aus Einzelspielern, ein Fußballspiel eine Abfolge mehr oder weniger zusammenhängender Einzelaktionen und die Fußballgeschichte ein Verlauf, dessen Wiederholungen und Regelmäßigkeiten sich in Tabellen und Statistiken niederschlagen. Solche Strukturen stellt man natürlich immer nur im Nachhinein fest, jedes weitere Ereignis kann dann aber auf Paßgenauigkeit überprüft werden. Und wenn es nicht paßt, ändert sich dadurch auch die Struktur. So kann man wunderbar tippen, wie es immer schon gewesen ist, und im Fall, daß man danebenlag, sagen, siehst Du, diesmal mußte es so kommen.

Aber spätestens während man ein Spiel guckt, weiß man ja in den entscheidenden Phasen meistens tatsächlich, wie es laufen wird, ob der Ausgleich noch fallen wird oder nicht usw. Es gibt also schon eine Logik in diesem Spiel und seiner Geschichte: Die Relationen innerhalb von Strukturen lassen sich gewissermaßen zu Vektoren verlängern, also wenn man so will zu Energielinien, die die wahrscheinliche Gestalt kommender Strukturen anzeigt. In der Psychologie nennt man sowas glaube ich 'präkognitive Fähigkeiten': Das ganze Bild vor seinem Abschluß sehen können. Das ist aber keine Mystik, sondern Mathematik.

Wäre da noch der Heimvorteil. Aber sollen wir wirklich über den Heimvorteil reden? Jetzt, wo Österreich doch schon gewonnen hat?

 

 


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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