2-3-5

posted by NP on 2008/06/14 18:00

[ Sport | -s ]

Zumindest zwei unserer bisherigen Beobachtungen hat der gestrige Spieltag bestätigt: Daß die derzeitige Spielergeneration gern nah am Wasser baut und daß eine Torchance bzw. ein Tor mittlerweile als Hauptursache für Gegentreffer gelten können.

Für die erste Beobachtung sprach die Reaktion des neuen Karpatenmaradona Adrian Mutu nach seinem verschossenen Elfmeter gegen Italien: Der Mann war nicht nur wütend oder traurig, sondern sogar unfähig weiterzuspielen und ließ nach seiner Auswechslung auch an der Außenlinie den heißen Tränen freien Lauf. Eine so intensives Gedenkritual an Uli Stielike 1982 habe ich selten gesehen und es scheint mir auch ein wenig zu weit zu gehen, daß ein sog. Profi sich nach Verfehlen eines Milestones für berufsunfähig erklärt. Nächstes Mal, wenn irgendein Journal irgendeinen Text von mir ablehnt, heul ich auch und schreib nie wieder was ... (möglicherweise liegt allerdings auch just hierin der Unterschied zwischen Spitzensport und Mittelklasseschreiben)

Der zweiten Beobachtung lieferten sowohl die Italiener als auch die Holländer neue Nahrung: Der italienische Ausgleich durch den alles andere als weinerlichen Adrenalinbolzen Panuzzi sowie das holländische 3:1 durch den, wie sagt man so schön: pfeilschnellen und wieselflinken, Arjen Robben fielen jeweils unmittelbar, d.h. innert 60 Sekunden nach einem jeweils vorausgehenden Tor von Rumänien respektive Frankreich. Das war gewissermaßen noch radikaler als die jüngst diagnostizierten Radikalkonter nach Großchancen, und Robbens Gewaltschuß aus spitzem Winkel (Hände hoch, Monsieur Coupet!), wenn man so will, noch einmal die Steigerung des Italientores. Als Robben dann allerdings statt zu Jubeln die Hände vors Gesicht schlug, hatte ich fast Sorge, gleich flössen wieder Tränen ...

Aber nein: es war einfach nur die Ehrfurcht vor dem eigenen totalen Fußball. Wobei das was van Basten in Halbzeit 2 veranstaltete noch weiter zurückreichte als in selige 1970er Jahre: Wer bei 1:0-Führung zwei Außenstürmer einwechselt und die beiden offensiven Mittelfeldleute van de Vaart und Sneijder auf dem Platz läßt, der reinszeniert nichts anderes als das gute alte WM-System mit zwei Verteidigern, drei Läufern und sage und schreibe fünf Angreifern.  2-3-5: lange nicht mehr gesehen

So, und jetzt schlägt Spanien Schweden 2:1, und Rußland, hoffentlich, Griechenland 2:0

 

 


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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