Leben einhauchen

posted by PP on 2008/01/09 16:18

[ Medien | Media ]

Auf H-Soz-u-Kult findet sich nunmehr eine Rezension von Rudolf Stöber (Universität Bamberg), der sich der Aufsatzsammlung

Wenzel, Horst: Mediengeschichte vor und nach Gutenberg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, 312 pp.

angenommen hat. Diese befindet Stöber für im Wesentlichen anregend, wenngleich ihn die letzten beiden Kapitel "wegen etlicher kulturwissenschaftlicher Beliebigkeiten am wenigsten zu überzeugen" vermögen. Summa summarum urteilt er jedoch durchwegs freundlich. Eine tatsächlich "drastische" Fehlinterpretation meint er dennoch auszumachen, was wiederum seinerseits nicht sehr schlüssig argumentiert scheint:

Stöber meint nämlich:

Zumindest in einem Fall, gegen Ende des Buches, liefert Wenzel eine drastische Fehlinterpretation: Von der Zentralszene in Michelangelos berühmtem Fresco der Sixtinischen Kapelle, der Beseelung Adams durch göttlichen Fingerzeig, gibt es – neben anderen – eine Adaption von Hans Neleman, "Michelangelo Hand with Robot Hand". [FN 4; Anm.] Um seine klare Linearität der Verwendung der Hand ("Gotteshand", "Zählhand", "Schreibhand", "Intonierungshand", "Zeichenträgerhand" in der Zeit des Buchdrucks und der Netzwerkgesellschaft) zu stützen, schreibt Wenzel unter Verweis auf Nelemans Bild: "Die Cyberhand oder der Cyberarm wird zumindest in bildlichen Metaphern als eine Annäherung an die umfassende Macht der Gotteshand verstanden." (S. 282) Das Gegenteil ist richtig: Mensch und Schöpfer haben die Position getauscht, Adam haucht jetzt den Cyborgs Leben ein.

Die Fußnote 4 in der Rezension verweist auf diese Coverabbildung von Donna Haraways "Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen". Und hier lässt sich Stöber nicht folgen, denn unbeschadet der ho. (noch) nicht gegebenen Kenntnis von Wenzels Buch muss doch festgestellt werden, dass die Hand Gottes des Michelangelo-Freskos (en passant: man beachte auch den "interessierten" Blick der Frau in Gottes linkem Arm - Cyborg Eva bei der Spektralanalyse?) in der Sixtinischen Kapelle nun bei Neleman durch einen Cyborg-Arm ersetzt wurde; geht man mit einigem Recht davon aus, dass bei Michelangelo Gott Adam erschafft und ihm Leben einhaucht (zumindest: dass dies dargestellt werden soll), ergibt sich IMHO kein zwingender Grund, weshalb am Haraway-Cover davon gehandelt werden sollte, dass Adam dem Cyborg Leben einhaucht. Ganz im Gegenteil: Der Cyborg ist der Schöpfer, er haucht dem Menschen (btw: Adam ist letztlich auch nichts anderes als der vorgestellte Prototyp Mensch und insofern hat er durchaus Züge eines Cyborgs 1.0; vielleicht wären sogar die neuerdings für Feuilleton wie Außenpolitik so modisch gewordenen Kreationisten davon zu überzeugen, andernfalls müssten wir die sich daran anschließende Inzestfrage nochmals neu diskutieren) Leben ein - und Haraway benötigt für ihr Buch (in dem es auch um die Genderfrage aus Sicht der Cyborgs, mithin der entsprechend disponierten Frauen geht) eben genau diese ironische Einstellung.

 


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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