Bücher | Books - Part 131

posted by peter on 2007/10/17 16:21

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Vielleicht ist in der DDR die Kritische Theorie nicht ganz so intensiv rezipiert worden wie westliche Rock- und Popmusik. Konsumiert wurde jedenfalls - Achtung: These! - vorzugsweise letztere. Zu Adornos Bezugnahme auf den Zusammenhang von Warenform und Populärmusik (als Bereitstellung einer Möglichkeitsstruktur, Entsetzliches konsumierbar zu machen) hat die Kulturwissenschaftliche Technikforschung zwei kurze Videos in einen Blog eingebaut, zur Kommerzialisierung des DDR-Rundfunks hat Edward Larkey ein neues Buch verfasst:

Larkey, Edward: Rotes Rockradio. Populäre Musik und die Kommerzialisierung des DDR-Rundfunks. Münster: LIT Verlag 2007 (Medien und Kultur 2), 372 pp.
[ISBN 978-3-8258-0163-2; EUR 29,90,-]

Rebecca Menzel hat den Band für H/Soz/u/Kult rezensiert:

Die eingangs vorgenommene Feststellung Menzels

Noch immer werden die Einflüsse der popkulturell geprägten Jugend- und Massenkultur auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse hierzulande eher stiefmütterlich behandelt. In Deutschland, so Larkey, sei lange die Theorie von Horkheimer/Adorno wirksam gewesen, aus der "deutliches Mißtrauen gegen Amüsement" (S. 54) und die Funktionsweisen der Kulturindustrie spricht. Der theoretische Hintergrund der aktuellen Diskussionen kommt daher aus Großbritannien und Frankreich.

ist zwar ein klein wenig verkürzt hinsichtlich einer ausreichend reflektierten Darstellung etwa der Adornoschen Position, aber das ist zugegebenermaßen auch nicht ihr Thema. Dieses, die Besprechung von Larkeys Buch, sieht da schon viel genauer aus:

Durch seine strukturelle Monopolstellung versuchte die politische Führung, den Schein diskursiver Kontrolle und Souveränität zu wahren. Doch das Verlangen Jugendlicher, sich zu Hause und unter Freunden über westliche Bands und Musiker zu informieren, war stark. Die damit einhergehende Abgrenzung und westliche Prägung unterlief den Anspruch der SED auf eine lenkbare Staatsjugend. Der eingeschränkte Zugang zu Informationen hinterließ bei den Medienkonsumenten ein stetiges Gefühl des Mangels, das schnell in Frustration umschlug und dem man von offizieller Seite durch eine Mischung aus Beschwichtigungen, Belehrungen, Ignoranz und Drohungen zu begegnen suchte. Dem Publikum sollte durch "Integrationssendungen" eine Haltung anerzogen werden, die "sämtlichen Formen der internationalen Musik (Volks-, klassische, Jazz-, Schlager-, Chanson- und politische Folkloremusik) gleichermaßen Wertschätzung entgegenbrachte und damit der westlichen Popmusik tendenziell keine Vorherrschaft einräumte" (S. 104). In den Jugendprogrammen herrschte ein erzieherischer Tonfall vor, der sich an eine vermeintlich existierende "nationale Popgemeinschaft" (S. 148) richtete. Suggerierte Teilhabe und Mitbestimmung am Programm mittels Hörerwünschen entlarvte sich durch die offenkundige Zensur selbst. "In Wirklichkeit", so Larkey, "führten diese im Grund konzeptionslosen und von politischen Manipulations- und Instrumentalisierungsinteressen diktierten Zugeständnisse zu einer weiteren Aushöhlung ihres herrschaftsdiskursiven Monopolanspruchs" (S. 26).
Der Schein, die internationalen Strömungen in der Popkultur mit "Distanzierungs- und Disziplinierungsstrategien" (S. 16) kontrollieren und dirigieren zu können, blieb durch das Diskursmonopol des staatlich kontrollierten Rundfunks äußerlich lange gewahrt. Larkey versucht nachzuweisen, dass es die innere Aushöhlung durch eine von den "Praktiken und Verhaltensweisen der internationalen kapitalistischen Popmusik- und Unterhaltungsindustrie" (S. 27) geprägten Kommerzialisierung war, der sich das sozialistische System und seine Institutionen nicht entziehen konnten. Letztlich ergab sich der populäre Sektor des Rundfunks den kommerziellen Mechanismen der "globalen Zirkulation popkultureller Güter" (S. 288), ohne ein überzeugendes alternatives, sozialistisches Konzept anbieten zu können. [...]
Für seine Studie wählt Larkey einen an Foucault orientierten diskurstheoretischen Ansatz, wobei er zwischen zwei Ebenen unterscheidet: einem Staats/Sicherheitsdiskurs, der "die außermusikalischen Bedingungen für das Entstehen von Rock- und Popmusik" beinhaltet, und einem musikalisch-performativen Diskurs, der das "aus der kapitalistischen Industrie des Westens propagierte kulturelle Wertesystem" transportiert (S. 49).

Und Menzel notiert kritisch, dass der ausgesprochen diskursiv gehaltene Ansatz Larkeys leider - bei allen Verdiensten (oder wäre hier im Sinne des Konsums "Verdienstmöglichkeiten" angebrachter?) einiges Erkenntnispotenzial brach liegen lässt. Die tatsächliche Praxis, der Konsum und die Verweigerungstaktiken Jugendlicher lassen sich so jedenfalls nicht hinreichend erklären. Eine weitere Studie Larkeys, "die die Erfahrungen wichtiger popkultureller Akteure wie Komponisten, Texter, Lektoren, Rockbands und Redakteure berücksichtigt", soll bereits angekündigt sein. Dann klappts Menzel zufolge hoffentlich auch mit der "Konsumentenseite".


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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