Ungarn | Hungary - Part 36

posted by PP on 2007/01/07 18:08

[ Ungarn | Hungary ]

Im Kontext der von Amalia Kerekes im Budapest-Weblog besprochenen Ausstellung "Rückkehr - Neuanfang" auf der Galerie der zum Budapester Holocaust-Dokumentationszentrum gehörenden Synagoge ließe sich der Hinweis auf eine von Norbert Spannenberger (GWZO Leipzig) auf H|Soz|u|Kult publizierte Rezension bringen; er bespricht die Biografie eines durchaus umstrittenen (nicht nur) Politiker Ungarns:

Balázs Ablonczy: Teleki Pál. Budapest: Osiris 2005, 547 pp.
[ISBN 963-389-731-9; HUF 3.480,-]

Die von Kerekes angezeigten Probleme im Zusammenhang mit der nach 1945 blitzartig weggewischten Frage, wer in Ungarn für die Shoa, die Erschießungen und den industriellen Massenmord, zumindest mitverantwortlich war, spielen bei der Bewertung des Werkes - und im Zusammenhang mit einer Biografie natürlich erst recht auch der Person - Telekis eine wesentliche Rolle. Zur Vorgeschichte berichtet Spannenberger:

Der schlichte Titel des anzuzeigenden Bandes wirkt nicht nur aufgrund der 547 Seiten anachronistisch, sondern auch wegen seiner Inhaltschwere. Die wissenschaftliche Visitenkarte des frisch promovierten Autors aus der Budapester Schule von Ignác Romsics verspricht eine Biographie über einen heute noch politisch äußerst umstrittenen Politiker der Zwischenkriegzeit. Als ihm zu Ehren 1994 eine Gedenktafel an der Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest enthüllt wurde, löste dies eine heftige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit sowie in den Medien aus. Zehn Jahre später brach ein Sturm der Entrüstung los, als man ihm ein Denkmal auf der Burg in Ofen (Buda) aufstellen wollte. Etwa vier Wochen lang stand die Bewertung Telekis im Mittelpunkt der in allen Medien geführten Debatte.

Die Auseinandersetzung mit dem langjährigen Minister (er brachte sich 1941 um) unter Horthy muss zwangsläufig komplex und ambivalent bleiben, gerade weil nach 1945 kaum Interesse daran bestand, den Minister eines faschistischen Staates allzu sehr ins Rampenlicht der Forschung zu rücken. (Und gleichzeitig ließe sich das 1956er Jahr durchaus auch als Konflikt zweier rivalisierender Elitenverbände lesen, was ebenfalls mit kaum bis gar nicht aufgearbeiteten Fragen und Klärungen in Verbidnung zu setzen ist.) Was aus der somit größer und größer gewordenen zeitlichen Distanz bleibt, wäre ein durchaus skrupulöser Umgang mit den Quellenlagen. Ende der 30er jahre verdichten sich die politischen verhältnisse Ungarns, Teleki steht wenn schon nicht im Mittelpunkt, so doch gleich neben diesem, wie Spangeberger zeigt:

Am 14. Mai 1938 übernahm er in der Regierung Imrédy das Amt des Ministers für Kultus und Unterricht, am 16. Februar 1939 wurde er vom Reichsverweser zum Ministerpräsident ernannt. In seine Regierungszeit fielen nicht nur die revisionspolitischen Erfolge der Wiener Schiedssprüche, sondern auch das sog. "Zweite Judengesetz". Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vertrat er eine Politik der militärischen Neutralität und lehnte die Forderung des ungarischen Generalstabes ab, an der Seite Deutschlands in den Krieg einzutreten. Zugleich schloss er mit dem Dritten Reich weitere Wirtschaftsabkommen ab. Im Ergebnis des Anschlusses oder der Rückgliederung Nord-Siebenbürgens infolge des Zweiten Wiener Schiedsspruchs vom August 1940 wurde auch der Führer der Pfeilkreuzler, Ferenc Szálasi, aus dem Gefängnis entlassen, und im November 1940 trat Ungarn dem Dreimächtepakt bei. Um diese Entwicklung zu kompensieren schloss Teleki am 12. Dezember 1940 mit Jugoslawien einen Freundschaftsvertrag, doch der Militärputsch in Belgrad im März 1941 führte seine Politik in die Sackgasse.

Alonczy dürfte jedenfalls dem Anspruch, sorgfältig sein Material auszubreiten und zu prüfen über weite Strecken nachkommen (und Spangenberger lobt überdies ausdrücklich den eleganten Schreibstil), dennoch fällt die Bewertung seiner Biografie eher ambivalent aus und kann zum Schluss hin einen gegen die Person Telekis gerichteten Schuss Polemik/Demagogie nicht auslassen (was schade ist, denn die Rezension ist ansonsten hoch informativ gehalten):

Problematische Themen, wie Sympathien für Rassenlehre, Antisemitismus und machiavellistische Instrumentalisierung politischer Strukturen in eigenem Interesse bis hin zum krankhaften Intrigieren Telekis, werden vom Autor gelegentlich ziemlich breit dargestellt, doch genau da entsteht ein ambivalentes Gefühl beim Leser. Denn die ursprüngliche Zielsetzung, eine Biographie zu schreiben, verliert dabei an Konturen: Es wird konstatiert, dass Teleki an seinen "aristokratisch-ständischen Ansichten" stets festgehalten habe, ohne aber die Frage zu stellen, ob nicht nach dem Ersten Weltkrieg in Ungarn ein umfangreicher Elitewechsel berechtigt gewesen wäre? In Bezug auf das Geschichtsbild Telekis wird er als Vordenker der konservativen Elite mit Richtlinienkompetenz für die politisch korrekte Erinnerungskultur der Zwischenkriegszeit dargestellt; was aber ist mit der Verantwortung für die Richtlinien der Revisionspolitik?

Denn allerletzten teil der Rezension mögen Sie selbst nachlesen und einstufen, doch zeigt sich auch hier sehr deutlich, wie schwierig der Umgang beider Seiten sich gestalten muss, solange keine offene Diskussion möglich wird. Die Biografie und ihre Rezension wären ein Anfang, aber von denen gab es schon sehr viele. Die Fortsetzung wird stets eingemahnt und kommt doch so selten.


Antworten

01 by Amalia Kerekes at 2007/01/09 21:59 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Nach der Lektüre der Rezension ließe sich die zum Schlusse formulierte Frage nach den "beiden Seiten" als allgemeine Frage nach dem Stellenwert der biografischen Komplexität stellen, die in diesem Fall sehr wohl geleistet wird, dennoch statt "Polemik" Fragen nach Kontinuitäten und dem persönlichkeitsanalytischen Verhältnis von Ursache und Wirkung aufkommen lässt, wie etwa die Einschätzung Telekis als Familienvater angesichts … Womöglich eine gattungsspezifische Problematik, der hier das Fehlen einer/mehrerer ideologiegeschichtlicher Werke zur Zwischenkriegszeit, das Vorhandensein bereits in ihrer Fragestellung problematischer umfassender Untersuchungen zum Antisemitismus als erschwerende Umstände hinzukommen, wie es in der Rezension sehr deutlich herausgestellt wird.

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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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