Ungarn | Hungary - Part 30

posted by PP on 2006/10/22 18:20

[ Ungarn | Hungary ]

Drei Beiträge im Feuilleton der NZZ anlässlich des morgigen 50. Jahrestags des Aufstands:

Und Konrád beschließt seinen Text wie folgt:

Einunddreissig Jahre nach Imre Nagys Hinrichtung, am 16. Juni 1989, fand seine eigentliche Beerdigung statt. Neben Imre Nagy und einigen seiner Mitangeklagten bestatteten wir einen unbekannten Aufständischen in einem namenlosen Sarg. Hundertfünfzigtausend Menschen hatten sich auf dem Heldenplatz versammelt. In den Medien und in der Gesellschaft wurde damals viel von der Revolution gesprochen. Eine Lücke in den Lebensläufen hatte sich geschlossen, im Spiegel der Erinnerung erblickten wir das Gesicht unserer Jugend. Die Getöteten wurden wieder lebendig. War es der Nation nicht vergönnt gewesen, souverän zu werden, so hatte doch der legitime Ministerpräsident Nagy souverän gehandelt. Im Wissen darum, was er zu erwarten hatte, und in Kenntnis der Mentalität derer, die seinen Richtern befehlen würden, bekannte er sich für nicht schuldig und bat nicht um Gnade, er tat, was er tat, er stand zu seinem Wort.
1989 gehörte Ungarn nicht mehr dem Herrn über die «fröhlichste Baracke» im kommunistischen Lager, nicht mehr dem damals schon geistesverwirrten János Kádár. Das Land hatte sich für einen toten Vater als nationales Symbol entschieden, für den Gehenkten, für Imre Nagy. Wenig später starb auch János Kádár, und die unterdrückte Erinnerung an die Revolution entfaltete sich aus dem Material, das in Aktenmappen unter Verschluss gewesen war. Wir erinnerten uns an die gemeinsame Geschichte, die sich so sehr in unseren Privatgeschichten spiegelte. Unser Handeln war durch und durch mitteleuropäischer Natur, denn es war von Erinnerung durchdrungen. Wir trauerten um die Getöteten, die Kugelspuren auf lebensfähigen Körpern, um Helden ebenso wie um Toren. Diese gigantische, kollektive Wiederbeerdigung war ein symbolischer Wendepunkt. Die Demokratie ist nach Ungarn zurückgekehrt.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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