Neue Texte - Part 34

posted by PP on 2006/08/02 15:53

[ Neue Texte ]

So neu ist der folgende Beitrag nun nicht mehr (er stammt von Ende Juni d.J.), dennoch allemal eine Lektüre wert. Rüdiger Wischenbart hat unter dem Titel Das Wissen und sein Preis für den Perlentaucher eine kleine Abhandlung verfasst, die sich mit Neuen Medien, deren Speicherbedarf für Formen des Wissens und der Gegenüberstellung mit Büchern und ähnlichen papierenen Schriftstücken auseinandersetzt. Einen wichtigen Stellenwert nimmt dabei auch das enorme Übergewicht von Übersetzungen aus dem Englischen ein. 2000 kam noch rund die Hälfte aller übersetzten Bücher weltweit von englischsprachigen Originalen. Dieses Ungleichgewicht dürfte sich weiter verschoben haben: "Kurzum, der kulturelle Wissenstransfer besteht, wenn es um Bücher geht, aus einem Netz von Einbahnstraßen und Umwegen und Unzulänglichkeiten."
 

Das zentrale Problem dabei ist nicht die vermeintliche 'Amerikanisierung' des Wissens und der Kultur, sondern eine globale vertikale Kaskade von Wissensflüssen und Kulturexporten, mit einer klaren Machthierarchie von großen dominanten Einheiten gegenüber kleineren untergeordneten, und nur sehr wenigen horizontalen Querverbindungen.

Das klingt schon sehr nach Erkenntnissen Albert-László Barabásis, den Wischenbart dann auch folgerichtig zitiert. Aufgrund der von diesem festgestellten Powerlaws in nicht skalierten Netzwerken wie dem Internet (cf. dazu bzw. im Sinne eines weiterreichenden Erklärungsversuchs eventuell auch die diesbezüglichen Überlegungen in:

Peter Plener: Publishing a New Europe - Possibilities and Limits of the Use of Networking and New Media. Auf: Kakanien revisited 2003, 5pp. [.pdf], insb. p.3f.

und die verschiedentlichen Ausführungen zu Barabási im Rahmen dieses Weblogs) lenken die notwendigen Informationsknoten des Netzes Informationsflüsse dergestalt, dass die Rede vom "egalitären Cyberspace" und seinen demokratischen Bedingungen sich bestenfalls nur mehr als eine schöne Idee darstellen lässt.

Wischenbart sieht letztlich von dieser Problematik und ihrer detaillierteren Ausführung ab und kommt jedenfalls zum Schluss seiner Eröffnungsrede zur Konferenz "An Expedition to European Digital Cultural Heritage" (Salzburg, 21. Juni 2006) dann auf drei Vorschläge zu sprechen:

  1. Wir müssen mehr und genauer wissen, was in den unterschiedlichen Zonen der Vielfalt vor sich geht. Selbst in nahe liegenden Bereichen wie dem Wissens- und Kulturtransfer durch Übersetzungen wissen wir bestenfalls punktuell und für einige Länder, was geschieht, und was nicht. Wir wissen nur sehr wenig, wie insbesondere beim jungen Publikum sich Aufmerksamkeit und Vorlieben zwischen ausgeweiteten Angeboten und Kommunikationskanälen verschieben. Wir haben bislang eine Wissensgesellschaft, die nicht sehr viel über sich weiß.
  2. Wir brauchen flexible Möglichkeiten, die eine breite und offene Neugierde für Kultur und Wissen stimuliert, und nicht durch möglichst komplizierte rechtliche Auflagen einengt. Ein Format also, das - ähnlich dem guten alten Zitatrecht - einen ersten Blick auf Ausschnitte von Werken geistigen Eigentums, egal ob Text, Bild oder Ton, nicht nur erlaubt, sondern aktiv dazu einlädt.
  3. Wir müssen zusehen, wie in den Kultur- und Wissenscommunities entlang der langen Kurve der Vielfalt auch ökonomisch akzeptable Rahmenbedingungen entstehen können, und wie wir solche Communities und deren Kommunikationen stärken, denn es sind diese Milieus, die in der digitalen Wissensgesellschaft ein kulturelles Erbe erst lebendig werden lassen.

 


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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