Erinnerung | Memory - Part 53

posted by PP on 2006/07/22 17:00

[ Erinnerung | Memory ]

Die Veranstaltung (1, 2 Infos) Zivilisationsbruch und Gesellschaftskontinuität. Die Ambivalenz des Menschenmöglichen im 20. Jahrhundert (27./28.10.2006, Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, D-01069 Dresden), veranstaltet vom Hamburger Institut für Sozialforschung, möchte
das 20. Jahrhundert in seiner grundlegenden Ambivalenz von mörderischem Totalitarismus auf der einen und demokratischer Zivilität auf der anderen Seite in den Blick [nehmen]. Anders als in den geläufigen Erzählungen dieses "Jahrhunderts der Extreme" wird nicht nur der Verfall einer bürgerlichen Gesellschaft hin zu diktatorischen Regimen von Makrokriminalität zum Thema gemacht, sondern auch das überraschende Lernen hin zu Demokratie und Zivilität, für das das Datum "1945" steht.
Ebenfalls vom HIS sind in den letzten Jahren die beiden so genannten Wehrmachtsausstellungen ausgegangen. Der im letzten Jahr zu diesem Thema herausgegebene Band
Christian Hartmann, Johannes Hürter, Ulrike Jureit (Hgg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte. München: C.H. Beck 2005 (Beck'sche Reihe 1632), 230 pp.
[ISBN 3-406-52802-3, EUR 12,90,-]
wurde nun von Wigbert Benz für H|Soz|u|Kult rezensiert. Der Band dürfte durchaus interessant sein, ist er doch darauf ausgelegt, möglichst umfassend die verschiedenen Positionen und Stellungnahmen zu den Ausstellungen und deren Hintergründen zu reflektieren:
Der vorliegende Band geht auf eine Tagung zurück, die das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), hervorgetreten durch die beiden so genannten Wehrmachtsausstellungen, und das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ), das seit 1998 ein Forschungsprojekt zum Themenkomplex "Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur" durchführt, im März 2004 in Hamburg gemeinsam veranstalteten. Dies war möglich geworden, weil sich die Debatte nach den heftigen, teils sehr persönlich geführten Auseinandersetzungen im Zuge der ersten "Wehrmachtsausstellung" 1995 und deren Schließung 1999 mit der völlig neu konzipierten zweiten "Wehrmachtsausstellung" ab 2001 zunehmend in Richtung einer sachlicheren wissenschaftlichen Auseinandersetzung bewegte. So konnten beide Institute ihre Forschungsansätze und Perspektiven zusammenführen sowie eine vorläufige Bilanz der Debatte präsentieren.
In getrennten Vorworten skizzieren die Leiter der beiden Institute ihre jeweiligen Sichtweisen zu dem Spannungsfeld von "Wehrmachtsausstellungen" und wissenschaftlichem Diskurs. Dabei wiederholt Horst Möller (IfZ) seine scharfe Kritik an der ersten Ausstellung und insbesondere an deren Leiter Hannes Heer, während Jan Philipp Reemtsma (HIS) beide Ausstellungen eher als "Laboratorium dessen" begreift, "was Zeitgeschichte am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein soll, kann, darf, nicht darf und so weiter" (S. 19). Nach einem gemeinsamen Problemaufriss der drei Herausgeber erörtern dann je zwei Autoren einen Themenschwerpunkt, zum einen in Form einer komprimierten Überblicksdarstellung zum Forschungsstand, zum anderen perspektivisch ergänzt durch die Analyse eines signifikanten Fallbeispiels. Dieser Ansatz erweist sich als fruchtbar und wechselseitig bereichernd, zumal sich die Autoren - ausnahmslos ausgewiesene Experten zu ihren Themenschwerpunkten - um eine unprätentiöse, gut lesbare und auf das Wesentliche konzentrierte Darstellung bemühen (die Aufsätze sind meist nur rund zehn Seiten lang). [...]
Abschließend wenden sich Ulrike Jureit und Klaus Latzel den durch die Kontroversen um die beiden "Wehrmachtsausstellungen" verstärkt in den Mittelpunkt gerückten methodischen und theoretischen Fragen zu. Während Latzel die Möglichkeiten und Grenzen der in der Militärgeschichtsschreibung besonders häufig verwendeten Feldpostbriefe zur Erforschung der Motivationen für Gewalthandlungen im Krieg diskutiert, reflektiert Jureit in einem theoretischen Aufsatz die Rolle der Motive, Mentalitäten und Handlungsspielräume der einzelnen Soldaten. Sie insistiert darauf, dass "Motive insofern immer verursachend sind, als es keine Handlung ohne Willensentschluss gibt" und "sein Motiv ihn [d.h. den Täter] zum Urheber der Tat [macht], für die er dadurch erst verantwortlich wird" (S. 164).
Herausgebern und Autoren ist eine (Zwischen-)Bilanz gelungen, die die Resultate der neueren Forschung überschaubar zusammenführt, sie mit Fallbeispielen erläutert und gleichzeitig bestehende Kontroversen nicht zukleistert, sondern diese gleichermaßen sachlich wie problemorientiert vor Augen führt.

http://www.kakanien.ac.at/static/files/31009/verbrechen.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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