Medien | Media - Part 44

posted by PP on 2006/05/21 16:32

[ Medien | Media ]

Auf Telepolis (Hinweis im Adresscomptoir) findet sich ein ausführliches, zweiteiliges (1. Teil vor einem Monat):und v.a. kluges Interview mit Geoffrey Winthrop-Young, der nicht nur Friedrich Kittler ins Englische übersetzt/e und eine Einführung zu diesem wie dessen Werk verfasste, sondern überdies noch eine Menge zu sagen hat.
Die beiden Interviewteile handeln, um noch je einen Satz dazu vorab zu spendieren,
Über Schaumschläger und Beamte, den Import europäischer Theorie und ihr Irrelevant-Werden in Amerika
sowie
Über Friedrich Kittlers Kulturtechnikgeschichte, den Werkzeugkastenzugang und die Rückkehr des Befehlsnotstandes unter medienwissenschaftlichen Vorzeichen




Geoffrey Winthrop-Young, geb. 1960 in London, ist Germanist am Department of Central, Eastern and Northern European Studies der University of British Columbia in Vancouver. Er verbrachte seine Schulzeit in Deutschland (am Internat in Salem) und studierte danach – unter anderem bei Friedrich Kittler – in Freiburg Germanistik, Anglistik und Neuere Geschichte. Zur Promotion ging er nach Kanada. Im Zentrum seiner Forschungsarbeit steht die deutsche Kultur- und Wissensproduktion. Insbesondere die "deutsche Medientheorie" hat es ihm angetan. Er hat zahlreiche Aufsätze und Schriften Friedrich Kittlers ins Amerikanische übersetzt, darunter auch (zusammen mit Michael Wutz) "Grammophon Film Typewriter".
Winthrop-Young ist zwar Literaturwissenschaftler, der aber, wie viele seiner Generation, ziemliches Unbehagen an seiner Disziplin empfindet, und sich vornehmlich für Medien interessiert. Allerdings bezeichnet er sich selbst nicht als Medientheoretiker oder Medienwissenschaftler, sondern eher als jemand, der beobachtet, wie andere Leute Medien beobachten. Derzeit arbeitet er an einem längeren Projekt über Medien, System und kulturelles Gedächtnis. Seine jüngste Veröffentlichung (Junius Verlag, Hamburg, Herbst 2005) war eine Einführung in das Werk Friedrich Kittlers. Sie ist auch Anlass für das Gespräch.




Eben per Mail hier eingelangt: Jürgen Busches wunderbare FAZ-Rezension von Kittlers zuletzt erschienenem Buch

Friedrich Kittler: Musik und Mathematik I. Hellas 1: Aphrodite. München: Fink 2006, 409 pp. (EUR 39,90,-)
mit dem Titel "Was Homer den Zigeunern sagt. Friedrich Kittlers wissenschaftliche Antiken-Phantasie, erster Teil" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2006, p. 42). Darin heißt es eingangs:
Wer von diesem Buch Friedrich Kittlers die ersten dreißig Seiten gelesen hat, mag dabei wohl des öfteren die Neigung verspürt haben, es umstandslos aus der Hand zu legen und einem ungewissen Schicksal in entlegenen Regalen zu überlassen. Er wird sich dann auf Seite hundert oder zweihundert etwas erstaunt fragen, warum er immer noch darin liest. Und jetzt wird er sich hüten, es sich mit einer Antwort leichtzumachen.
Hegel sagt irgendwo, "Seichtigkeit" sei es, "die Wissenschaft statt auf die Entwicklung des Gedankens und Begriffs auf die unmittelbare Wahrnehmung und die zufällige Einbildung zu stellen". Wer bei Gelegenheit der Reisen des Odysseus auf die Malediven zu sprechen kommt und seinen Einfall abschließt: "Diego Garcia. Von dort aus starteten die B-2 Bomber 2003 nach Bagdad", der hat wohl von Anfang an das Ziel verfolgt, Leser, die Hegel wie Berliner Hegel-Schüler lesen, abzuschütteln. Und die Technik des Abschüttelns bei Kittler könnte darin bestehen, den Denkfaulen zu einem Widerspruch zu reizen, der, richtig oder nicht, ganz bestimmt unangemessen ist. Das für Kittler Angemessene dürfte bei etlichen Gebildeten und Gelehrten Unlust provozieren. Nachzudenken wäre darüber - ein umständliches Sesam-öffne-dich -, warum das so ist.
Worum es in Kittlers neuestem Buch geht, ist rasch gesagt. Das Griechische, wie es vom frühen Griechentum herkommt, so die These, verstehen wir nur dann, wenn wir begreifen, daß alles mit Sexuellem, Erotischem, auf deutsch: mit sinnlicher Fleischeslust zusammenhängt. So die Worte, so die Götter, so die Erziehung, so die Wissenschaft: ein Thema, von Aphrodite bis zu den Pythagoräern, von Odysseus bis zur Mathematik. Das mutet kühn an, aber die Vermittlung der These ist geeignet, bei den konservativsten unter Kittlers Lesern ein gewisses Behagen auszulösen. Der Autor gehört nämlich zu denen, die mit ihren Bildungserlebnissen nicht hinterm Berg halten. Walter F. Otto wird gern zitiert, ein heute nur noch von wenigen geschätzter Gräzist, dessen Buch "Die Götter Griechenlands" zu den großen Werken der erstaunlichen zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte. Aber auch ein Mann wie Ernle Bradford wird genannt, der in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mit kleinen Segelbooten das Mittelmeer befuhr, um herauszufinden, wo Odysseus gewesen sein könnte.
Busche endet mit reflektiertem Misstrauen und Scheerbart. Soviel zu Kittlers erstem Teil...
Mit der Mathematik und Aphrodite ist nicht so leicht ein vertrauenstiftendes Pärchen zu bilden. Und wenn Kittler auch dem Wort Heideggers, es müsse die Natur ja nicht für alle Zeiten die Natur der modernen Physik bleiben, den Satz zur Seite stellen wollte, es müsse auch die Schrift, in der das Buch der Natur geschrieben sei, nicht für alle Zeiten die Mathematik der Moderne sein, so käme er damit doch seiner Begeisterung für Turing und die Welt der Computer in die Quere.
Da wird, wer Kittlers Buch schließlich beendet, sich von den Ergebnissen aus dem Vortrag schwerlich haben überzeugen lassen und auf die weiteren Bände des weit konzipierten Werks warten müssen. Dennoch, es geht einem wohl mit Kittler wie mit seinem Freund Klaus Theweleit. Den behaupteten Entdeckungen gegenüber bleibt man mehr als skeptisch. Aber nach dem Durchgang durch das zu ihrer Darlegung beigeschaffte Material hat man einen anderen Blick auf die Dinge bekommen. Dem sollte man nicht unbedingt trauen. Indes, da gebildete Menschen seit zweitausend Jahren wenig anderes tun, als sich immer wieder diese Bücher und Autoren vorzunehmen, erscheint manche zusätzliche Verwirrung nützlicher als pedantische Vorgaben zum Einverständnis, wo die vielen immer schon einverstanden waren. Oder, um es mit Paul Scheerbart zu sagen: "Charakter ist nur Eigensinn, / es lebe die Zigeunerin."

Die ganze Rezension findet sich auf den FAZ-Seiten, zumindest dzt. noch...


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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