Ungarn | Hungary - Part 7

posted by PP on 2006/03/04 16:10

[ Ungarn | Hungary ]

Wozu in die Wochenend-Feuilletons schweifen, wenn das Gute mitunter nur ein, zwei Klicks entfernt ist?

Einen ausführlichen Blog zur Budapester Stadtentwicklung und einen informativen Beitrag zu den ungarischen Wahlen 2006, beides von Béla Rásky, bietet das Budapest-Weblog.
 

Zu den von Rásky erwähnten Gegenden der Budapester Innenstadt - konkret: Theresienstadt und Franzstadt - fiel mir ein, dass in dem gemeinsam mit Amália Kerekes verfassten Aufsatz Licht-, Schatten- und Zukunftsbilder von 1873. Porträts und Entwürfe aus Wien und Pest (für den Band "Zentren und Peripherien in Herrschaft und Kultur der späten k.u.k. Monarchie", der in den nächsten Monaten erscheinen sollte; Näheres bei Erscheinen dann im Redaktions-Weblog, wo die Mit-Herausgeberin Ursula Reber schreibt) diese Viertel im 19. Jahrhundert richtiggehend Licht- und Schattenbilder abgaben. Und Karl Emil Franzos war ihr Chronist, wie Kerekes in einem der Abschnitte dieses Aufsatzes anmerkte:

 

 


 

Der Status quo der Rangordnung an der äußersten sozialen Peripherie der Großstadt ist hingegen das Thema von Karl Emil Franzos, der in der ungarischen Presselandschaft vormals bei der Ungarischen Illustrirten Zeitung tätig war und sich Ende 1872 mit der Reihe Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden in der Tageszeitung Ungarischer Lloyd zu Wort meldet, die in fünf Folgen die Begegnungen in einer Pester Nacht dramatisiert. Unter der Leitung zweier Sicherheitskommissäre und in der Gesellschaft zweier befreundeter Advokaten sucht er die "Gauner- und Verbrecherwelt der Hauptstadt" in ihren "Tanzsalons, Bierhäusern, Weinkneipen, Schnapsboutiken" auf, von der landeskundlich-investigativen Pflicht getrieben, "vor der Berührung mit dem Schlimmsten und Tiefstehendsten nicht zurückzubeben". [1] In der Theresien- und Franzstadt, in den einstmals dicht bevölkerten Randbezirken, die infolge der Stadterweiterungen dieser Zeit allmählich zum geographischen Zentrum von Pest-Buda wurden, [2] bieten die Gaunerschänken und Schlafstellen ein Gemisch aus zerlumpten und schuldlos heruntergekommenen Leuten und wecken zugleich "das Gefühl unsäglichen Mitleids und unsäglichen Ekels": [3] Die "abscheuliche Tour" durch die Lokale, zu deren stets gleicher Dekoration die Bilder der ungarischen Unabhängigkeit (Kossuth, Batthyánys Erschießung, das 48er Ministerium) und des Kaiserpaars gehören, [4] zielt auf ein allgemein humanes Empfinden der Leserschaft ab: "Und das sind Menschen, mein Leser, ehrliche arbeitsame Menschen und mit denselben Ansprüchen auf Glück und Luft und Licht, mit denselben Ansprüchen auf Gottes Barmherzigkeit geboren, wie du, mein Leser. [....] Ich bin kein schwacher Thränenmensch. Aber..." [5]

'Dicht' wird diese Beschreibung im Sinne der Geertz’schen Theorie nicht nur durch die reflektierte, ins Appellative gewendete Teilnahme des Beobachters, sondern auch durch die Erprobung symbolischer Handlungsmuster, die auf die Möglichkeiten und Grenzen von verstehender und kommunikativer Aneignung subkultureller Umgangsformen hindeuten.[6] Dazu zählen etwa der Einsatz der vom gefürchteten, zugleich aber wegen seiner Kühnheit und Körperkraft geschätzten Sicherheitskommissar Hartl abgeschauten Verhaltensweisen, wie auch Zitate aus der (auf dem Hebräischen, Deutschen, Französischen beruhenden) Diebessprache "Janisch":

Als wir an Ernstl [einem sauber gekleideten Profidieb, Anm. der Verf.] vorüberkamen, blieb Herr Hartl stehen und fragte ihn, seit wann er schon aus dem "Stöckel" (Strafhaus) entlassen sei.
"Seit drei Monaten", erwiderte Ernstl gelassen.
"Und wie oft waren Sie schon im 'Stöckel'?", fragte ich.
"Stöckel?" meinte der Mann, anscheinend aufs Tiefste erstaunt. "Waren denn Sie im 'Stöckel'?"
"Nein!"
"Warum sagen sie dann nicht 'Strafhaus'?" fragte Ernstl würdevoll. Und mit imponierender sittlicher Entrüstung fuhr er fort: "Gott über die Welt! Ist das eine verdorbene Zeit! Jetzt unterstehen sich sogar schon die ehrlichen Leut’, die Diebssprach’ zu sprechen!..." [7]

Auffallend ist dabei, dass abgesehen von der markierten sprachlichen Adaptierung kaum Hinweise auf die lokale Provenienz des Beobachters zu finden sind: Lediglich die nicht näher ausgeführte Anmerkung, "Das Nachtleben Pest’s ist überhaupt ein ungemein reges, es ist z.B. relativ weit lebhafter, als das Wiens" [8], verrät die hauptstädtische Ausrichtung des Textes. Ansonsten werden weder positive noch negative Vergleichsmöglichkeiten angedeutet, womit der Eindruck der Unveränderbarkeit gestärkt wird. Die Pester Mischung aus der "Volksvertrottelung und der lüsternen Gedankenlosigkeit" [9] zehrt alle Unterscheidungsmerkmale auf, wie auch am Schluss einer längeren ironischen Passage über eine jüdische Familie zu lesen ist: "Aber solche väterliche Fürsorge ist nicht etwa alttestamentarische Eigenthümlichkeit - seht dort am Tische gegenüber den christkatholischen Tischlermeister mit Kind und Kegel." [10]

 

In der Faschingszeit greift Franzos noch einmal auf das Genre zurück und reserviert sich im Ungarischen Lloyd eine Stelle "unter dem Strich" als Maskenballchronist, womit er sich wegen der Unscheinbarkeit des Stoffes deutlich von einem Ballchronisten unterscheidet:

Als meinen Tribut an den Fasching und zugleich als anspruchlose Beiträge zur Volks- und Sittenkunde unserer Stadt schreibe ich also die Serie meiner "Licht- und Schattenbilder". In der That! - von vielem Licht und vielem Schatten habe ich diesmal zu berichten. Ja! geneigte Leser, verzeiht, wenn ich Euch die Faschingslaune trübe, aber ich muß wiederholen: auch von vielem Schatten! Nicht blos in die glänzenden, euch wohlbekannten Räume der Redoute will ich Euch führen, sondern auch an andere, o! ganz andere Orte. [...] Es ist freilich stellenweise schlammiger Boden, aber werdet Ihr diesmal zögern, Euch von der Hand führen zu lassen, die Euch sogar durch die Höhlen der "Verworfenen und der Elenden" geleiten durfte?! [11]

In der Licht- und Schattenmetaphorik der Reportage ist ein Prozess der Umkehrung räumlicher Charakteristika zu erkennen: Franzos verweist auf einen sich im Zuge des karnevalesken Treibens ausbildenden Möglichkeitsbereich. Die Licht- und Schattenseiten, die sich für den Alltag mit Zentrum und Peripherie umreißen lassen und verhältnismäßig strikten Zuweisungen folgen, erhalten (an der Peripherie!) Raum wie Zeit zugewiesen, um im Rahmen einer Ausnahmesituation die Zusammenführung der Sphären und die Adaptierbarkeit ansonsten nicht erreichbarer Rollenmuster zu erproben. Dabei können die changierenden Codes jedoch keinerlei das System und sein Zentrum gefährdenden Charakter erlangen. Licht- und Schattenrollen werden temporär ausgetauscht, wobei die tatsächlichen Machtverhältnisse bestehen bleiben, letztlich sogar eine neue Form der Firmierung erfahren (eine gesellschaftlich hochgestellte Persönlichkeit bleibt auch in der Verkleidung als "süßes Mädel" [12] erkennbar und der Aufputz des letzteren als erstere ebenso). [13] In der "Viertelwelt" der Königsgasse beispielsweise, wo die jungen Herren, "die in Berlin auf den Namen 'Louis', in Wien und Pest auf den Namen 'Schani' hören und aus Beruf und um des lieben Brodes willen galante Ritter galanter Damen sind",[14] das Gesamtbild prägen, wird der Reporter als "Schurnalist" enthüllt und erhält eine perfekte Beobachtungsstelle im Tanzsaal, wo er über die Herkunft der mulattierenden Damen meditiert:

Aber auch das Laster hat keine Rangstufen. Größere Toilettekontraste hat wohl nie eine Tanzgesellschaft aufgewiesen. Neben dem blonden, frechen, dreißigjährigen Weibe in glänzender, grüner Ballrobe mit weißen Spitzen tanzt eine Dirne in verschliffenen Lumpen, neben der eine ganz hübsch kostümirte Polin, die wieder ein blutjunges Mädchen in ärmlichem, bis an den Hals geschlossenem Kleide zum Vis à vis hat - eine Anfängerin auf der schlüpfrigen Bahn... [15]

In der "Halbwelt" der Palatingasse angekommen, übernimmt er die Rolle des Seelenführers: Der berauschte Leser, der zu Beginn nur die schillernde Oberfläche des Maskenballs wahrnimmt, entsinnt sich allmählich der Worte des Reporters und lässt sich zu einer undifferenzierten Anmerkung über die "Opfer der Gesellschaft" hinreißen, die vom Reporter wie folgt erwidert wird:

Hm! Schönes Wort; aber es hat in dem Falle verwünscht wenig Inhalt. Opfer der Gesellschaft, ja! aber nur in dem Sinn, als etwa wir beide Schoßkinder der Gesellschaft sind, weil wir es vorgezogen, unser Brod auf ehrliche Weise zu verdienen und nicht durch Diebstahl oder Betrug. Das Leben ist ein Kampf um’s Dasein, es lächelt Niemandem, auch Denen nicht, denen es zu lächeln scheint. Man muß eben durchzukommen suchen, wie man kann. Von diesen Damen sind einige Wenige Opfer der Noth, einige Andere Opfer der Verführung, aber die Allermeisten Opfer ihrer eigenen Arbeitsscheu und ihres maßlosen Leichtsinns. [/] Aber wohin gerathe ich! Ich predige und verdamme ja - und das am Faschingssonntag! Lustig! lustig! - lieber Leser! Ich kann Dich freilich nicht animiren, mitzutanzen, denn einmal schickt es sich nicht, dieselbe Arbeit zu verrichten, die der "schwarze Schorschl" gegen schwere Bezahlung [...] leistet [...]. [16]

 

 


 

1 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden. I. Tanz-Lokale. In: UL 294 v. 19.12.1872, pp. 1-4, hier p. 1.
2 Zur Gliederung der Stadt und zu den Stadtbauplänen um 1870 cf. Lukács, Lajos: Pest-Buda az 1867-es kiegyezés idején [Pest-Buda zur Zeit des Ausgleichs vom 1867]. Budapest: Akadémiai 1996.
3 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden. III. Kunstgenüsse und Sprachstudien. In: UL 37 v. 14.02.1873, pp. 1-3, hier p. 1.
4 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden. I. Tanz-Lokale. In: UL 294 v. 19.12.1872, pp. 1-4, hier p. 4.
5 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden. II. Zwei Biedermänner. In: UL 296 v. 21.12.1872, p. 3f.
6 Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Ders.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Aus dem Amerik. v. Brigitte Luchesi u. Rolf Bindemann. Frankfurt/M.: Suhrkamp 51997, pp. 7-43.
7 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden. III. Kunstgenüsse und Sprachstudien. In: UL 37 v. 14.02.1873, p. 3. Der auf die sprachliche Vielfalt rekurrierenden Sprachreflexion lässt sich ein das Jahr 1873 evozierender Hinweis aus Fritz Mauthners Erinnerungen als wirkungsmächtiges wie mehrfach verschlüsseltes Beispiel zur Seite stellen: "Die sprachkritischen Ideen, die ich erst siebenundzwanzig Jahre später [...] in den drei starken Bänden herausgab, bemächtigten sich meiner mit einer Macht, der ich nicht widerstehen konnte. [...] Wie diese sprachkritischen Gedanken in meinem Kopfe entstanden sind, weiß ich kaum genau mehr anzugeben. Ich könnte kein einzelnes Buch oder Erlebnis nennen, auch kein zugeflogenes Wort, keinen mir bewußten unmittelbaren Einfluß." (Mauthner, Fritz: Erinnerungen I. Prager Jugendjahre. München: Georg Müller, 1918, p. 205. Zit. nach: Nyíri, Kristóf:: Palágyis Kritik an der Gegenstandstheorie. Als: http://www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/Knyiri1.pdf [2004])
8 Ibid.
9 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden. IV. Tiefer abwärts! In: UL 39 v. 16.02.1873, pp. 1-4, hier p. 1.
10 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden. III. Kunstgenüsse und Sprachstudien. In: UL 37 v. 14.02.1873, p. 3.
11 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Allerlei Maskenbälle. In: UL 43 v. 21.02.1873, pp. 1-3, hier p. 1.
12 Das Politikum dieses Szenarios wird hier bei Franzos nicht extrapoliert, im Gegensatz etwa zu den so oft miss interpretierten Stellen in Arthur Schnitzlers Grünem Kakadu oder im Anatol-Zyklus, wo die Angewiesenheit des Zentrums auf die Peripherie in den Vordergrund gerückt und neben den Verweisen auf eine erotische Spielart v.a. eine präzise Sozialkritik formuliert wird. Wie treffend diese war, zeigt sich u.a. an den jahrzehntelang gleich bleibenden, zumeist antisemitisch motivierten Rezeptionsmustern der Literaturkritik, die Schnitzler mit der Attribuierung als "Autor des süßen Mädels" zu entschärfen suchte.
13 Zur "Exterritorialität des Nachtlebens" und deren Zusammenhang mit der Verwandlung der Beleuchtungstechniken cf. Virilio, Paul: Die große Dunkelheit. In: Ders.: Ereignislandschaft. Aus d. Frz. v. Bernd Wilczek. München, Wien: Hanser 1998, p. 14ff. Darüber hinaus ist anzumerken, dass das seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts andauernde Faszinosum der Gasbeleuchtung um diese Zeit mit "futuristische[n] Visionen" einherging, die eine einheitlich beleuchtete Metropole entwerfen half (was späterhin durch die Elektrifizierung eine weitere Steigerung erfuhr). Cf. Schivelbusch, Wolfgang: Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert. München, Wien: Hanser 1983, p. 121 passim.
14 Franzos: Allerlei Maskenbälle, p. 2.
15 Ibid., p. 3.
16 Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Allerlei Maskenbälle II. In: UL 45 v. 23.02.1873, pp. 2-5, hier p. 4.

 


 

Und zurück zu Béla Ráskys Blog: Das Bild zeigt eine Straßenszene in der von ihm erwähnten Király utca (vermutl. 1920er Jahre).

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30920/kiralyutca.gif


1 Attachment(s)

Antworten

01 by Bela at 2006/03/05 01:43 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Genau das Bild habe ich gesucht, aber nicht gefunden, ar einmal in der NZZ
02 by peter at 2006/03/05 04:30 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Und wenn mir nun auch noch die Frage der Bildrechte vertraut wäre... Also: Wirklich gerne.

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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