Fundstücke | Finds - Part 27

posted by PP on 2006/02/09 11:41

[ Fundstücke | Finds ]

In einer Glosse der heutigen Ausgabe der Presse findet sich der Versuch, eine Verbindungslinie zwischen den beiden jahresaktuellen Jubilanten Mozart und Freud zu ziehen. Karl Ludwig Friedrich von Reichenbach und Franz Anton Mesmer dienen dabei als missling links, wobei nur letzterer von Freud erwähnt wird.
Doch könnte wahrscheinlich auch der andere "Wienerwald-Weg", wenngleich kriminalistischer, ans Ziel führen.
Reichenbach schrieb (dieser Auskunft zufolge) u.a.
DER SENSITIVE MENSCH und Sein Verhalten zum Ode. Eine Reihe von Experimentellen Untersuchungen über ihre gegenseitigen Kräfte und Eigenschaften mit Rücksicht auf die praktische Bedeutung, Welche sie für Physik, Shemie, Mineralogie, Botanik, Physiologie, Heilkunde, Gerichtliche Medizin, Rechtskunde, Kriegswesen, Erziehung, Psychologie, Theologie, Irrenwesen, Kunst, Gewerbe, Häusliche Zustände, Menschenkentniss und das Gesellschaftliche Leben im Weitesten Anfange Haben. [Bound with] WER IST SENSITIVE, WER NICHT? Oder Kurze Anleitung, Sensitive Manschen mit Leichtigkeit zu Finden. Vienna: N.p., 1856. Stuttgart: J.G. Cotta, 1854-55. 2 vols, lv, (1), 838; xxx, 758 + 70pp.
während Arthur Conan Doyle - der Einfachheit halber derselben Auskunft wie oben zufolge - etwa auch
THE NEW REVELATION. New York: George H. Doran, 1918. 8vo, 122pp.
schrieb.
“Conan Doyle, best known as the originator of Sherlock Holmes, attempts to show the relationship between the revelations of spiritualism and the tenets of conventional religion” (Crabtree)
Dass nun wiederum Freud Doyle sehr aufmerksam gelesen hatte (was u.a. seine Anmerkungen zu The Strand. An Illustrated Monthly zeigen, jenem Magazin, in dem 1904 Doyle Holmes zurückkehren und zum Finale gegen seinen Erzfeind Moriarty antreten lässt - beim sog. wie an sich real existierenden Reichenbach-Fall im Berner Oberland), geht nicht zuletzt aus den hier bereits erwähnten Studien Michael Rohrwassers hervor. Und auch wenn Carlo Ginzburg vom medizinisch-semiotischen Paradigma des Spurenlesens schrieb:
Wir haben gesehen, daß sich zwischen der Methode Morellis, Holmes' und Freuds eine Analogie abzeichnet. [...] In allen drei Fällen erlauben es unendlich feine Spuren, genauer gesagt: Symptome (bei Freud), Indizien (bei Sherlock Holmes) und malerische Details (bei Morelli). [/] Wie erklärt sich diese dreifache Analogie? Die Antwort ist auf den ersten Blick sehr einfach. Freud war Arzt; Morelli promovierte in Medizin, Conan Doyle hatte als Arzt gearbeitet, bevor er sich der Literatur widmete. In allen drei Fällen erahnt man das Modell der medizinischen Semiotik: einer Wissenschaft, die es erlaubt, die durch direkte Beobachtung nicht erreichbaren Krankheiten anhand von Oberflächensymptomen zu diagnostizieren, die in den Augen eines Laien [...] manchmal irrelevant erscheinen. [...] Aber es handelt sich hier nicht einfach um biographische Übereinstimmungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts - genauer: zwischen 1870 und 1880 - begann sich in den Humanwissenschaften ein Indizienparadigma durchzusetzen, das sich eben auf die Semiotik stützte.
(Carlo Ginzburg: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. Berlin: Wagenbach 1995, p. 14f.)
so wäre es doch vielleicht angezeigt für die Holmes-Fans, statt den touristischen Schönheiten der Schweiz sich zu überlassen, zumindest auch einen eher okkulten Spaziergang im Sinne Prä-Freudianischen Mesmerismus' und also durch den Wienerwald zu machen (man muss ja nicht gleich Statuen versetzen).

Womit auch das einmal gesagt wäre.


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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