Bücher | Books - Part 57

posted by PP on 2006/01/26 01:54

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Zwei relativ neue Publikationen zur Sowjetunion mit höchst unterschiedlicher Themenstellung wurden auf H|Soz|u|Kult rezensiert:
  • Corinna Kuhr-Korolev: "Gezähmte Helden". Die Formierung der Sowjetjugend 1917-1932. Essen: Klartext 2005, 365 pp.
    ISBN 3-898-61349-6; Euro 39,90 (Rezension von Olga Jurjewna Nikonova)
  • Richard Cartwright Austin: Building Utopia. Erecting Russia's First Modern City, 1930. Kent: The Kent State University Press 2004, 225 pp.
    ISBN 0-87338-730-9, Dollar 45.00 (Rezension von Klaus Gestwa)
Zwei kurze Ausschnitte, zunächst jener betreffend Corinna Kuhr-Korolevs Buch:
In der Monografie „Gezähmte Helden“ untersucht Corinna Kuhr-Korolev die sowjetische Jugend in den 20er und 30er Jahren. Mit dem Thema "Sowjetjugend" geht Kuhr-Korolev auf einen bisher vernachlässigten Aspekt der frühen Sowjetunion ein. Ziel der Monografie ist die Rekonstruktion des Verständigungsprozesses über die „Sowjetjugend”, die Analyse der politischen, psychologischen und pädagogischen Konzepte von der Jugend, sowie die Untersuchung der Identifikationsmöglichkeiten der Jugend mit Erziehungs- und Disziplinierungspraktiken (S.11-13). In den 20er Jahren war die Sowjetunion in demografischer Hinsicht ein "junger" Staat. Der Erste Weltkrieg und die Katastrophen der Revolution und des Bürgerkrieges hatten die Bevölkerungsstruktur des russisch-sowjetischen Landes stark geprägt. Der Bevölkerungsanteil der Jugendlichen nahm beträchtlich zu. 1926 machten die Jugendlichen ein Viertel der Bevölkerung in Russland aus, wie die sowjetische Statistik behauptete (S.7). [...]
Die Monografie „Gezähmte Helden“ bedeutet einen wichtigen Schritt zur weiteren Differenzierung der Stalinismusforschung. Hier wird die sowjetische Bevölkerung nicht mehr als Monolith gesehen. Mit „sowjetisch“ wird jetzt nicht nur Russisches, Zentrales und Erwachsenes, sondern auch Provinzielles, Ethnisches und eben auch Generationsspezifisches bezeichnet. Trotz einiger Schwächen leistet das Buch von Kuhr-Korolev damit einen gewichtigen Beitrag zur differenzierten Interpretation des Stalinismus.

Über Richard Cartwright Austins Monografie heißt es u.a.:

Am 31. Mai 1929 unterzeichnete der Oberste Volkswirtschaftsrat der Sowjetunion mit der Ford Motor Company einen Vertrag im Volumen von 30 Millionen Dollar, um in der Wolgastadt Nischni Nowgorod (1932 in Gorki umbenannt) Europas größte Automobilfabrik aufzubauen. Hier sollten jährlich 30.000 Autos und 70.000 Pickup Trucks und Lastwagen produziert werden. Das Geschäft schien für beide Seiten einträglich zu sein. Ford konnte seine alten Produktionsstraßen verkaufen und die Sowjetunion erhielt neben dem maschinellen Equipment das notwendige Know How, um selbst Autos, Trucks und Lastwagen produzieren zu können. Das schien der sowjetischen Führung nicht zuletzt aus strategischen und militärischen Gesichtspunkten dringend geboten. Ford wurde damit zum Geburtshelfer der sowjetischen Automobilindustrie. Deren Herzstück blieb der zwischen 1929 und 1932 an der mittleren Wolga entstehende sowjetische Fabrikriese. Bekannt unter der Abkürzung GAS (Gorkowski Awtomobilny Sawod), fertigte er noch in den 1960er Jahren Fahrzeugtypen mit Hilfe der von Ford importierten Produktionsanlagen. [...]
Austins Buch, das als gut kommentierte Dokumentensammlung konzipiert ist, liefert nicht zuletzt jenen Historikern gewichtige Argumente, die den nationalen Tunnelblick als zu beschränkt ablehnen und fordern, die Verwobenheit der modernen Welt stärker in den Blick zu nehmen. Einerseits waren die Industrienationen im 20. Jahrhundert durch gemeinsame Erfahrungen, Interaktionen und Interdependenzen gekennzeichnet, anderseits aber auch durch ein starkes Bedürfnis nach Abgrenzung. An den verstörenden Erfahrungen amerikanischer Ingenieure und Arbeiter, die sie bei ihren Begegnungen mit der Moderne stalinistischen Zuschnitts machten, lässt sich solch eine Dynamik ablesen. Das anfängliche Gefühl der Ähnlichkeit wich bald dem der Differenz. Die Sympathie für die sowjetische Brachialindustrialisierung schlug in einen rigiden Antikommunismus um, der umso stärker wurde, als die Kremlchefs nach 1945 von ihrem vormaligen "Amerikanizm" nichts mehr wissen wollten und mit ihrer aggressiven Überholrhetorik die Einzigartigkeit und Überlegenheit ihres Zivilisationsmodells betonten.

http://www.kakanien.ac.at/static/files/29610/sowjetjugendutopie.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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