Bücher | Books - Part 42

posted by PP on 2005/11/25 01:09

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Vodka und Russland - die Abhandlung dazu war wohl fällig:
Sonja Margolina: Wodka. Trinken und Macht in Russland. Berlin: WJs 2004, 183 pp.
[3-937-98903-X; EUR 16,-]
(für Österreich und seine mit dem "Doppler" zugeneigte Kultur gibt es einige wenige Standardwerke, die sich aber eher weniger mit dramatischen Alkoholismusraten denn mit der Schönheit des Glasgebindes an und für sich beschäftigen), inwieweit im vorliegenden Fall jedoch soziale, politische, demografische und andere Aspekte mit hereingenommen wurden, es nicht nur um die Feststellung einer Art Folklore geht, deutet die nicht unkritische Rezension von Robert Kindler auf H|Soz|u|Kult an.
Den größten Teil des Buches nimmt die Betrachtung jener historischen und kulturellen Größen ein, die zur Ausbildung dessen beitrugen, was als „typisch russischer“ Trinkstil zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Vor allem vier Themenfelder sind es, die über die Jahrhunderte verfolgt werden: Die Abhängigkeit des Staates von den Einnahmen aus dem Alkoholverkauf, die den Wodkakonsum fördernde Rolle von Institutionen wie Armee und Kirche, die vergeblichen Anläufe, Mäßigung oder gar gänzliche Abstinenz zu verordnen, und schließlich die Charakteristika und diskursiven Aufladungen der russischen Trinkkultur.
Wodka spielte (und spielt) in der russischen Geschichte in vielerlei Gestalt eine Rolle. Er ist Machtmittel, der Stoff, mit dessen Hilfe soziale und gesellschaftliche Konflikte besänftigt bzw. unterdrückt werden konnten. Er ist der Zündstoff, der dazu beitrug, Proteste in blutige Exzesse zu verwandeln. Und schließlich ist der nichtverfügbare Wodka im Ersten Weltkrieg und unter Gorbatschow der "Katalysator des Regimewechsels" (S. 171). Sonja Margolina wagt gar die These, mit der Abhängigkeit des Haushalts von der "Monokultur" Wodka habe sich "das Russische Reich zu einer Kolonie seiner selbst gemacht" (S. 105).
Zum Buch findet sich auf der Website des WJs [i.e. Wolf Jobst Siedler jun.] Verlags folgende Angabe zu dem Buch:
Vor zwei Jahren wurde in Russland erstmalig ein Rückgang der Wodkaproduktion gemeldet, und tatsächlich hat der westliche Einfluss in den russischen Metropolen eine Veränderung des Lebensstils und der Trinkgewohnheiten mit sich gebracht: An die Stelle von Wodka sind bei den Besserverdienenden und Gebildeten »Longdrinks« und italienische oder französische Weine getreten.
Doch das Bild in den Großstädten spiegelt nicht die Wirklichkeit in den kleinen russischen Städten und Dörfern, in denen zwei Drittel der Bevölkerung leben. Im Gegenteil zeigen alle Statistiken, dass die Trunksucht in Russland für Abermillionen von Menschen noch immer zur Alltagskultur gehört.
Sonja Margolina, selber in Russland aufgewachsen, zeigt in diesem Buch, in welchem Ausmaß der Wodka die Wirtschaft und Politik Russlands geprägt hat. Um seine Kriege und seinen Polizeiapparat zu finanzieren, führte schon Iwan der Schreckliche das Staatsmonopol für alkoholische Getränke ein. Das Trinken in den Staatsschenken wurde zur Pflicht des Untertanen, und aus der Pflicht wurde Abhängigkeit: die der Menschen vom Alkohol und jene des Staates von den Spritabgaben. Alle wichtigen staatlichen Institutionen – vor allem aber Kirche und Armee – brachte der Wodka in seine Gewalt. Er entschied über militärische Siege und Niederlagen, beeinflusste den Verlauf der bolschewistischen Revolution, finanzierte die Bürokratie und blockierte jede Reform, die seine Allmacht hätte gefährden können. Wodka war die wichtigste Einnahmequelle der weißen wie der roten Zaren. Als Michail Gorbatschow schließlich versuchte, ihn zu verbieten, zog das den Kollaps des Staates nach sich.
Das hochprozentige »Wässerchen« hat auf dem russischen Sonderweg eine verhängnisvolle Rolle gespielt und ist inzwischen sogar eine Gefahr für das Fortbestehen Russlands in seinen heutigen Grenzen. Mit Hilfe des Wodka, so Sonja Margolinas Resümee, begeht das russische Volk seinen historischen und geopolitischen Selbstmord – ein in der Geschichte einmaliger Vorgang.
Eine mit Verweisen auf F.M. Dostoevskij versehene Lesprobe findet sich hier.

Und von Dostoevskij soll auch der schöne Satz stammen:

Es wird uns sehr schaden, wenn unsere Nachbarn uns besser und genauer kennen lernen. Darin, dass sie uns bisher nicht verstanden haben, lag unsere Kraft.



http://www.kakanien.ac.at/static/files/30210/Wodka.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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