Sport | -s - Part 5

posted by PP on 2005/09/07 10:11

[ Sport | -s ]

Nachdem die ballestrischen Kräfteverhältnisse des Jahres 2005 halbwegs geregelt scheinen und die Qualifikation für die wunderbare WM nächstes Jahr in Deutschland in die Endphase tritt, ist der Blick auf die Spielstätten notwendig.
Sport und dessen die Massen beherbergende Architektur unterliegen den postmodernen Wirtschafts- und Konsumbedingungen, ihren transformierten Rezeptions- und Kommunikationsgewohnheiten. Stadien, Sportanlagen generell, sind die gebauten architektonischen Reflexe auf diese Veränderungen. Diesen geht das nun vorgelegte Buch

Matthias Marschik, Rudolf Müllner, Georg Spitaler u. Michael Zinganel (Hg.): Das Stadion. Geschichte, Architektur, Politik und Ökonomie. Wien: Turia & Kant 2005 2005

nach. Denn Stadien, so die eindeutig zu unterstützende Motivation der Herausgeber, "sind mehr als nur Behälter des Spiels, der Sport-, Pop- oder Politevents."
Das Buch wird am 28. September (19.00 Uhr, Depot, Breitegasse 3, 1070 Wien) präsentiert.
 

Auf Basis eines multidisziplinären Ansatzes wurden 17 Einzelbeiträge von Politik-, Sport-, Kommunikations- und KulturwissenschafterInnen, Journalisten, SoziologInnen, HistorikerInnen, ArchitektInnen, Geographen und MedienkünstlerInnen zusammengestellt. Um einige zu nennen:

  • John Bale leitet den Band mit dem programmatisch-theoretischen Aufsatz "Das Stadion als Überwachungsraum" ein
  • Architekturkritiker und Publizist Jan Tabor sieht das Stadion als "Sondertypus politischer Geltungsbauten". Sein Aufsatz trägt den Titel: "Olé. Architektur der Erwartung".
  • Zwei Untersuchungen zu Stadien und Zuschauerverhalten in der Antike steuern Bettina Kratzmüller und Werner Petermandl ("Die antike Masse: Untersuchungen zu ZuschauerInnen") bei.
  • Swantje Scharenberg beschreibt, wie sich im Münchner Olympiastadion Olympia-, Deutschland- und Weltpolitik verdichten. Und wie letztlich das Konzept von den freundlichen, friedvollen Spielen bzw. Deutschen 1972 am internationalen Terror zerbrach.
  • Rudolf Müllner geht den Entstehungsbedingungen des österreichischen Nationalstadions im Wiener Prater in der Zeit des "Roten Wien" nach. Die Nutzung für sportpolitische Masseninszenierungen in den 1930er-Jahren ("Arbeitersportolympiade"), aber auch der Missbrauch des Sportbaus als nationalsozialistisches Gefängnis, als Vorhof zum Konzentrationslager Buchenwald, stehen dabei im Zentrum der Analyse.
  • Bernhard Hachleitner klärt, an welchem Ort der Sänger Victor Jara beim Militärputsch in Chile im September 1973 tatsächlich ermordet wurde. Er zeigt auch wie und warum das Estadio Nacional in Santiago de Chile bis heute zum weltweiten Synonym für politische Gefängnisse und Folter wurde.
  • Uwe Mauch ("Vukovar! Vukovar! Das Zagreber Maksimirstadion") untersucht mit dem Stadion in Zagreb einen Schauplatz für nationalpolitische Inszenierungen im Dienste des jungen kroatischen Staates.
    Das Maksimir-Stadion diente dem politischen Establishment als ein Symbol für die kroatische Wehrhaftigkeit. Fast zeitgleich mit zahlreichen katholischen Kirchen im ganzen Land wurde es renoviert und weiter ausgebaut.
  • Camiel van Winkel ("Tanz, Disziplin, Dichte und Tod. Die Masse im Stadion") analysiert in einer sozialhistorisch angelegten Studie grundsätzliche Aspekte von Masse, Disziplinierung und Stadionarchitektur.
  • Michael A. Leeds widmet sich in seinem Beitrag dem Fragenkomplex der öffentlichen Finanzierung und privatrechtlichen Nutzung von Stadien.
  • Jochen Becker geht dem um sich greifenden "Disneyfizierungsprozess" bei der Inszenierung von Sportgroßevents nach. Er skizziert eine Zukunft, in der Stadien voll gepackt mit Kino- und Ausstellungsflächen, Geschäften, Restaurationen als vollkommene Erlebniswelten fungieren sollen.
  • Michael Zinganel und Christian Zillner befassen sich mit „ephemeren Stadien“. Sie interessiert die Auflösung der Stadien in der Eventgesellschaft.
    Die temporären Stadien mit Tribünen aus Stahlrohren und Brettern, ursprünglich für Baugerüste entwickelt, bestehen im Wesentlichen aus immateriellen Elementen: aus Kamera-/Lichtführung sowie die Stimmung steigernde Toneinspielungen. Vom klassischen Stadion bleibt als Bau nur jenes ephemere Gerüst übrig, das früher in jenem Moment entfernt wurde, da die Arena fertig war.
  • Ein Text von Max-Morten Borgmann und Markus Flohr (Nenn mir einen guten Ground) zeigt, was es heißt, wenn ein Stadion jetzt auf einmal "Allianz-Arena" und nicht mehr "Olympiastadion" heißt.

Überhaupt scheinen die "Arenen" wieder um sich zu greifen, braucht es die großen Attribute und die zwanglose Einschleusung von Firmennamen wie Logos, deren Proponenten es am liebsten wäre, wenn diese lästigen Fans endlich ihre Plätze räumten. Fußball als Übertragung würde dann gewiss noch besser funktionieren...

Ergänzt werden die Textbeiträge durch zwei Künstlerinserts: eine verdichtete Fotostrecke von Antoni Muntadas zur Mediatisierung moderner Stadien und eine melancholische Serie von Collagen, in denen Julie Henry Nahaufnahmen singender Fangruppen verschiedener Vereine mit den Notationen ihrer jeweiligen Hymnen arrangiert.

 


 

Buchpräsentation:

28. September, 19.00 Uhr
Depot, Breitegasse 3, A-1070 Wien
mit:
Bettina Kratzmüller, Klassische Archäologin
Matthias Marschik, Kulturwissenschafter
Rudolf Müllner, Sportwissenschaftler
Georg Spitaler, Politologe
Michael Zinganel, Architekturtheoretiker und Künstler
und: Wisla, Regie: Josef Dabernig, A 1996, 8.00 min.

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30806/stadion.gif


1 Attachment(s)

Antworten

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
> RSS Feed RSS 2.0 feed for Kakanien Revisited Blog Senior Editor

Calendar

Links