Bücher | Books - Part 37

posted by PP on 2005/10/13 14:25

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Erst vor kurzem herausgekommen steht ein neues Buch von Michael Rohrwasser (seit kurzem Professor an der Universität Wien und davor Berlin) zur Lektüre an:
Michael Rohrwasser: Freuds Lektüren. Von Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler. Gießen: Psychosozial-Verlag 2005, 404 pp.
Eine erste Rezension des sowohl wissenschaftlich wie interpretatorisch hochstehenden als auch äußerst lesenswerten Buches findet sich im Feuilleton der Jungle World...
... und stammt von Jan Süselbeck:
[...] Rohrwasser beobachtet Freud "in den Rollen des Entzifferers, des Detektivs, des Übersetzers und des Archäologen", und er liest ihn damit dezidiert als "modernen Autor". Einen Schriftsteller also, der "nicht nur Enträtseler, sondern auch Konstrukteur des Rätsels ist", wie es in der Einleitung der Studie heißt.
Freuds Fallgeschichten nahmen schon früh selbst den Charakter literarischer Erzählungen an, wie er auch umgekehrt die Versuche der von ihm behandelten Neurotiker, ihre inzestuösen Neigungen mit Abwehrphantasien zu kaschieren, kurzerhand als "Familienroman" beschrieb. Rohrwasser nimmt Freuds Bemerkung aus einem Brief an Wilhelm Fließ ernst, in der er sich mit Sherlock Holmes vergleicht, und Rohrwasser nimmt diesen Anhaltspunkt zum Anlass, die Geschichte der Freudschen Psychoanalyse noch einmal als intertextuellen Krimi zu lesen.[...]
[...] Das alles ist nicht etwa graue literaturwissenschaftliche Theorie, wobei Rohrwasser eine angenehm weitgreifende Belesenheit an den Tag legt, ohne jedoch den Leser damit zu nerven.
Gewiss: Die fragwürdige Manie, ein überbordendes "Netzwerk" von Verbindungen sowohl in Fuß- als auch Endnoten auszulegen, hat sein Buch mit den Mammutstudien seines Kollegen Klaus Theweleit gemein. Allerdings muss man sagen, dass Rohrwasser die Geduld des Umblätterers summa summarum weit weniger strapaziert, als der Autor der "Männerphantasien" (1977/78) es zuletzt in seinem "Pocahontas"-Projekt tat. So pirscht man sich denn mit Rohrwasser tapfer weiter in das Herz des dunklen Kontinents der Psychoanalyse vor.
Also die "Manie" (man könnte hölzerner auch von einer reflektierten wie sachdienlich angewandten Korrektheit sprechen, vulgo Wissenschaftlichkeit) muss man erst einmal haben. Und auf die Bände 2 und 3 des angesprochenen Theweleit'schen Pocahonta-Komplexes müssen wir wohl noch eine ganze Weile warten. Aber Rohrwassers Band entschädigt in mehr als einer Hinsicht, bringt das Detektivische dorthin zurück, wohin es auch gehört, liest und deutet die mannigfaltigen Spuren, betreibt Wissenschaft im schönsten Sinne.

Carlos Ginzburgs seinerzeitiger Befund

Wir haben gesehen, daß sich zwischen der Methode Morellis, Holmes’ und Freuds eine Analogie abzeichnet. [...] In allen drei Fällen erlauben es unendlich feine Spuren, genauer gesagt: Symptome (bei Freud), Indizien (bei Sherlock Holmes) und malerische Details (bei Morelli).
Wie erklärt sich diese dreifache Analogie? Die Antwort ist auf den ersten Blick sehr einfach. Freud war Arzt; Morelli promovierte in Medizin, Conan Doyle hatte als Arzt gearbeitet, bevor er sich der Literatur widmete. In allen drei Fällen erahnt man das Modell der medizinischen Semiotik: einer Wissenschaft, die es erlaubt, die durch direkte Beobachtung nicht erreichbaren Krankheiten anhand von Oberflächensymptomen zu diagnostizieren, die in den Augen eines Laien [...] manchmal irrelevant erscheinen. [...] Aber es handelt sich hier nicht einfach um biographische Übereinstimmungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts – genauer: zwischen 1870 und 1880 – begann sich in den Humanwissenschaften ein Indizienparadigma durchzusetzen, das sich eben auf die Semiotik stützte.
war soweit natürlich richtig wie wichtig. Rohrwasser lässt es dabei jedoch nicht bewenden, gräbt tiefer.


Antworten

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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