Copy and paste - Part 3

posted by PP on 2005/09/04 19:06

[ Copy and paste ]

Zum Einstieg der Fortsetzung und im Sinne offnsiv nachweisbaren Copy & paste-Verhaltens ein Verweis auf einen Blog im Adresscomptoir noch v. 18.08. d.J.: Anton Tantner verweist nicht dort nur auf den zu Beginn dieser "kleinen Serie" h.o. unternommenen Fall Stefan Webers...
... sondern auch auf einen weiteren Artikel auf derStandard.at, in dem unter der frohgemuten Titelansage "Das Korsett wird jetzt enger geschnürt" kein Bericht aus dem Boudoir folgt, sondern die Ansage österreichischer Unis reportiert wird, hinkünftig verschärft gegen Plagiatsfälle vorgehen zu wollen. Angeblich ist alles klasse:
Ein APA-Rundruf an den Universitäten ergab, dass bis dahin kein einziger Fall öffentlich aufgedeckt wurde. Auch im Justizministerium sind keine brisanten Fälle oder Gerichtsverfahren bekannt.
Das verträgt sich jedoch nur bedingt mit der Fortsetzung des Textes. maßnahmen sollen jedenfalls ergriffen werden:
Die Universität Wien testet derzeit die Tauglichkeit von elektronischen Datenbanken, so genannten "Plagiats-Checkern". Die Software soll künftig allen Instituten der Uni Wien zur Verfügung stehen und bei Diplomarbeiten und Dissertationen zum Einsatz kommen. Um die Arbeiten prüfen zu können, müssen diese ab kommendem Semester zusätzlich zur gedruckten Version auch auf digitalem Datenträger abgegeben werden. Mittelfristig sei auch geplant alle Seminararbeiten zu prüfen
Natürlich scheitern diese hehren Vorhaben im Sinne des Schutzes geistiger Anstrengung am Geld und können sich die Universitäten, aufgrund eines latent wahnwitzigen Sparkurses eine flächendeckende Prüfung kaum leisten. Heißt es.

Nehmen wir jedoch an, man kommt durchs Studium und auf der Basis von Intelligenz, Anstrengung, Leistungsfähigkeit und mit Hilfe eines kaum fassbaren Zufall auch in die wissenschaftliche Forschung, so warten unweigerlich Kongresse auf einen. Doch auch dafür scheint bald Abhilfe bereit gestellt zu werden. Auf heise.de berichtete Benedikt Köhler im April nach seiner Einleitung

Was bedarf es, um auf einen wissenschaftlichen Fachkongress eingeladen zu werden? Gute Ideen? Eigene Forschungsergebnisse? Ein Studium? Weit gefehlt! Dank einem neuen Computerprogramm ist es ausreichend, den eigenen Namen buchstabieren zu können.
und unter dem Titel "'Rooter', Sokal und die fabelhafte Welt der Kybernetik" zwar auch über Alan Sokals Schmäh aus dem Jahre 1996, der damals breit diskutiert wurde; aber die wirklich "gute" Nachricht kam gleich zu Beginn:
Das zeigte sich im Vorfeld der World Multi-Conference on Systemics, Cybernetics and Informatics, die Anfang Juli in Orlando, Florida stattfinden soll. Jeremy Stribling und zwei weitere Informatikstudenten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) schrieben ein Computerprogramm, das selbständig ein Konferenzpapier nach allen Regeln der Kunst erstellt: Mit effektvollem Titel, Kurzzusammenfassung, Gliederung, methodischen Anmerkungen, Diagrammen, Literaturverweisen und einem Literaturverzeichnis. Nur der Inhalt selbst, der zielt nach Angaben der Autoren auf "maximale Erheiterung" und nur bedingt auf Kohärenz.
Fast schon unnötig zu erwähnen, dass die drei Kollegen damit Erfolg hatten. Im vorliegenden Zusammenhang bzw. Einreichungsfall ist das hinsichtlich des Einfalls selbstverständlich als grenzgeniale Meta-Ebene einzustufen (was folgerichtig dazu führte, dass sie ausgeladen werden sollten; letztlich waren sie dann doch dort), nur wird damit auch eine Praxis decouvriert, die da lautet: Reich ein möglichst brillant formuliertes Abstract ein, zahl die Tagungsgebühr, halte den Vortrag, go on publishing!

Eine Rechtsreferendarin [UPDATE, cf. *] war wiederum nicht so angetan von dem Programm Docol©c, das sich als "Dokumenten Vergleichs- und Auffinddienst" versteht und zu testen ebenso anheim gestellt sei wie Stribling's SCIgen. Die Website von Docol©c führt dann auch den Verweis auf die auf die Resolution (im .pdf) des deutschen Hochschulverbands, der erfreulicherweise schon im Juli 2002 in Sachen Plagiat keinen Spaß verstehen wollte. Weiters gibt es Links zu einem empörten Spiegel-online-Artikel, "Der große Online-Schwindel" sowie zu einem Beitrag auf unicum.de, der mit "Unis machen nun Jagd auf flunkernde Studis - Vorbild: USA" mich zum selbstreferenziellen Reflex eines Verweises auf den Beginn verleitet: Die USA lösen das technisch.

Das Problem dabei: Das wird nicht reichen.

Weder der technische Ansatz, der auf ein Unbehagen beim Umgang mit Neuen Medien und deren Potenzialen schließen lässt, noch der selbstreferenzielle Schlenkerer. Also noch einmal einen Schritt zurück und der Verweis auf einige weitere Spiegel-Texte zu diesem Thema: Der große Online-Schwindel, Von Wortverdrehern, Dünnbrettbohrern und Halbsatzpanschern, Auf den Schultern von Giganten und Alles nur geklaut? - alles von Deborah Weber-Wulff und so wie die Artikel Das Imperium schlägt zurück und Die hohe Kunst des Abschreibens (wonach es auch in der institutionalisierten Wissenschaft hoch hergehen dürfte, wie sich hier nachlesen lässt) um lediglich 0,50 EUR zu erwerben...




*[UPDATE: Die "Rechtsferendarin" ist Jurastudentin und bald im 3. Semester; Sorry - u. Danke! für die Berichtigung.]


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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