120 Esel und die rechte Sache

posted by PP on 2009/01/14 10:24

[ Fundstücke | Finds ]

Das wird keine Koinzidenz, lediglich ein Hinweis und eine Merkwürdigkeit sind zu vermelden. "120 Esel können sich in Sachen Pferd nicht irren", meint Ulrich Holbein in der Frankfurter Rundschau - und überschreibt damit die Herausgabe eines "verdienstvoll" zu nenennden Sammelbandes durch Friedrich Pfäfflin: Aus großer Nähe. Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern (Bibliothek Janowitz 2008; 480 pp., EUR 39,90). Holbein schreibt schlussendlich:

 

Kraus selber distanzierte sich vorsorglich, aber umsonst von diesem Buch über ihn: "Ich mische mich nicht gern in meine Privatangelegenheiten." Die andern hatten da weniger Hemmung. Seine Bekundung "Ich möchte mein Dasein von ihrem Dabeisein sondern" blieb unbefolgt. Nun sind sie alle für immer dabei und er auch nur einer von ihnen, eingepfercht in ihr Milieu, über das Zeit, Welt und die Auferstehung der Fleischer enorm florierend hinwegrollt.

Was nun die "Auferstehung der Fleischer" betrifft, so gab es gestern einen durchaus interessant zu nennenden Leserbrief in der österreichischen Kronen Zeitung. Zwar gibt es immer wieder Leute, die behaupten, dass diese Seiten ("Das freie Wort") einer, nun... Steuerung unterliegen würden. Aber wenn, dann wohl nur um einer Verzerrung zur Kenntlichkeit hin zu dienen. Doch selbst das wollen wir keinesfalls insinuieren. Ho. stellen wir lediglich fest, dass der Leserbrief eines "Robert Berger jun., Aspang" in der Ausgabe vom 13. Jänner (p. 30) unter dem redaktionellen Titel "Otto Ernst Remer..." offensiv gegen Äußerungen eines "Erwin Togger" sich wendet:


In der bunten Sonntagsbeilage Ihrer Tageszeitung behauptet Erwin Togger, dass der Eichenlaubträger Generalmajor Remer mit den Widerständlern kooperierte, ja sogar sympathisierte. Das muss auf das Entschiedenste zurückgewiesen werden. [cf. Wikipedia-Eintrag; Anm.] Generalmajor Remer wurde nach der Niederschlagung des Putsches persönlich von Hitler zum Oberst befördert, dabei wurde der Dienstgrad Oberstleutnant übersprungen! So sieht man wieder, wie Hollywood unsere Journalisten beeinflusst und ein komplett geschichtskonträres Bild der Abläufe darstellt. Ich hoffe, dass Herr Togger aus seinen Fehlern lernt und sich das nächste Mal besser informiert und dabei nicht Hollywood zu Rate zieht.

Und da gibt es also nun Leute, die behaupten, dass a) "Erwin Togger" ein dem propagandistischen Nazifilm "Togger" (1937; Regie: Jürgen von Alten, Drehbuch: Walter Forster/Heinz Bierkowski, Kamera: Reimar Kuntze/Benno Stinauer, Musik: Harold Kirschstein) entlehntes Pseudonym b) Hans Dichands wäre, des Herausgebers der "Kronen Zeitung“. Der Film, in dem "arische" Journalisten (Togger ist Chefredakteur) gerade noch eine jüdische Verschwörung gegen ihre Tageszeitung abwenden können, spricht selbstverständlich aufs Vortrefflichste für stabilen Mannesmut der treuteutschen Sache. Jawoll. Hans Dichand beeinflusse die Leserbriefseiten der von ihm mitbesessenen Zeitung und lasse dann auch noch sein vorgebliches Pseudonym kritisieren? Wer glaubt denn jetzt noch so etwas? Herr Togger aber möge aus seinen Fehlern lernen und sich nicht mit Hollywood auf ein Packel hauen. Na eh klar. Aufmerksam bleiben!



Nachtrag am 20. Jänner 2009: In besagter Rubrik der
Kronen Zeitung ("Das freie Wort. Briefe an den Herausgeber" [!]) findet sich (p. 26) nun ein weiterer Leserbrief zum Thema Remer ("Thema-Rhema" zu kalauern wäre nun sehr verführerisch, aber der Verweis möge genügen), diesfalls von "Peter Kadiuz, Wien". Der Titel lautete auch hier "Otto Ernst Remer...", wobei die drei Punkte erneut ihre redaktionell intendierte Rolle spielen dürfen:

...war ein zum Kadavergehorsam erzogener, überzeugter Nationalsozialist und ein tüchtiger, militärisch erfolgreicher deutscher Offizier. Wäre der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 gelungen, hätte sich Remer aufgrund der militant-dogmatischen Befehlskette gegen den Führer gestellt und wäre somit an der dann erfolgreichen Operation "Walküre" beteiligt gewesen. Im Film übernimmt wohl Remer eine dramaturgische Funktion; er übernimmt die Rolle jener Offiziere, die Hitler beseitigen wollten, aber nicht die Kraft und den Mut zum offenen Widerstand fanden.
Im Leben kommt Remer nicht so gut weg. Darüber zu berichten, wäre viel wichtiger gewesen als die in einem Leserbrief am 13. Jänner veröffentlichte, rein sachlich gesehene richtige Korrektur. Otto Ernst Remer gehörte nämlich bis zu seinem Lebensende zu der Gruppe der Geschichtsrevisionisten, die den Holocaust leugnen; er bezeichnete die Beteiligten des Attentats auf Hitler als "Landesverräter" und wurde deshalb auch verurteilt.
Der "Remer-Prozess" 1952 wurde zu einem öffentlichen Lehrstück, weil das NS-Regime zum ersten Mal von einem Gericht der Bundesrepublik als "Unrechtsstaat" bezeichnet wurde; die Männer des 20. Juli wurden vom Verdacht des Landes- und Hochverrats freigesprochen und als Widerstandskämpfer anerkannt, denn sie hätten "durchwegs aus heißer Vaterlandsliebe und selbstlosem, bis zur bedenkenlosen Selbstaufopferung gehendem Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrem Volk die Beseitigung Hitlers und damit des von ihm geführten Regimes erstrebt". Remer wurde auch nach diesem Prozess in mehreren Gerichtsverfahren wegen Volksverhetzung, Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, Aufstachelung zum Rassenhass sowie Verbreitung der Auschwitz-Lüge verurteilt.
1994 entzieht sich Remer einer 22-monatigen Haftstrafe durch Flucht nach Spanien, wo er 1997 ohne Einsicht und Reue verstirbt.


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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