Wendelin Schmidt Dengler (1942-2008), Nachrufe

posted by PP on 2008/09/10 11:29

[ Nachruf | obituary ]

Nachstehend eine kleine Sammlung von Nachrufen, sowohl in online-Versionen von Printmedien als auch in Weblogs. Weiters Äußerungen von Persönlichkeiten des literarischen, kulturellen Lebens. Und Verweise auf allein im Print zugängliche Nachrufe. Auf persönliche Erfahrungen wird weiterhin verzichtet, es sind zuviele und zuviele gute. Es bleiben die Dankbarkeit, die Erinnerung und die Trauer.

"Wir verlieren nicht nur einen großartigen Wissenschafter, sondern auch einen Freund und einen Kollegen, der unser Institut und die österreichische Germanistik wesentlich geprägt hat", verdichtet der stellvertretende Vorstand des Instituts für Germanistik, Michael Rohrwasser, die Empfindungen.

Von ihm und zahlreichen anderen KollegInnen aus der Fachwelt finden sich Nachrufe auf der entsprechend eingerichteten Website der Germanistik Wien (mit Datum vom 22.09. sind es Carina Chitta, Hermann Dorowin, Bernhard Fetz, Franz Haas, Martin Hainz, Michael Hammerschmid, Martin Huber, Roland Innerhofer, Klaus Kastberger, Brigitte Lackner, Hubert Lengauer, Henner Löffler, Kai Luehrs-Kaiser, Matthias Meyer, Karl Müller, Wolfgang Müller-Funk, Michael Rohrwasser, Karlheinz Rossbacher, Hermann Schlösser, Elisabeth Schwagerle, Egon Schwarz, Ernst Seibert, Monika Seidl, Imbi Sooman, Nicole Streitler, Daniela Strigl, Juliane Vogel, Karl Wagner, Dietrich Weber, Werner Wintersteiner).
 

Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek:

Es ist entsetzlich! Mir fehlen die Worte. Ihm hätten sie im umgekehrten Fall nicht gefehlt, die Worte hätten ihm in keinem Fall gefehlt. Eine solche Persönlichkeit, was die Arbeit an der österreichischen Literatur betrifft, wird es nicht so bald wieder geben. Er hat ja beinahe als Einmannbetrieb die Uni Wien zu einer bedeutenden gemacht, ihren Ruf international aufgewertet. Und nicht nur, indem er die berühmten AutorInnen geschätzt und immer wieder analysiert und seinen StudentInnen nahegebracht hat, sondern auch in seiner Begeisterung für die Ränder der Literatur, ihre Außenseiter, die eigentlich die wichtigsten in jeder Literatur, in jeder Kunst sind: Marianne Fritz, Werner Kofler, Herbert Wimmer und andre. Ich kann es noch gar nicht fassen, und schreiben kann ich auch noch nicht darüber.

Gerhard Roth

Er wird ein gewaltiges Loch hinterlassen. Er war ein Mann, der auf der Höhe der Entwicklungen stand, der sich von Gruppen nicht vereinnahmen ließ, der echtes Gespür und echte Begeisterung für die Literatur hatte, der wunderbar sprechen und rasch urteilen konnte, nicht intrigierte, das Wesentliche sah und sich nicht verzettelte [...], ein Mann, für den die Literatur gleichwertig mit dem Leben war.

 Franz Schuh:

Schmidt-Dengler hat den Blick geöffnet. Sowohl inhaltlich als auch von seiner Person her steht er für eine Emanzipation, ohne die es wissenschaftlichen Fortschritt nicht gegeben hätte.

Michael Köhlmeier:

Weltliteratur zu zeitgenössischer Literatur zu machen und hat für die lebenden Autoren die großen Autoren zu Zeitgenossen gemacht. Er hat so etwas wie eine Republik der Literatur gegründet, in der er sicher der Präsident gewesen wäre.

 Friedrich Achleitner:

Er hat damit unglaubliche Verdienste erworben, weil er die Germanistik eben nicht zu einer isolierten, abgehobenen Wissenschaft gemacht hat, sondern zu einem Impulsgeber der ganzen kulturellen Landschaft.

Friederike Mayröcker:

Ein großer Freund, er ist gestorben vor einem Tag. Er, der große Meister der Literatur. Wir haben ihn alle geliebt - was für ein Schmerz!

[Friederike Mayröcker hat diese Abschiedsworte später neu gefasst, eine elektronische Kopie findet sich u.a. auf der Homepage des Standard und gestaltet sich wie folgt:]

Robert Menasse:

Ich fühle mich buchstäblich verwaist, seitdem ich von seinem Tod erfahren habe. Ich habe von ihm ganz entscheidende Dinge im Hinblick auf Literatur und Leben gelernt, wobei ich vor allem von ihm gelernt habe, wie sehr die beiden Dinge zusammengehören. Es ist so seltsam, dass man als Mann des Wortes über einen Mann des Wortes plötzlich nur mehr stammeln kann.
 

Nachrufe:

Die Presse

Der Standard

Der Standard (II)

Kurier/APA

ORF / Ö1

Wiener Zeitung

Kleine Zeitung

dieuniversitaet-online

Heimito von Doderer Gesellschaft

in|ad|ae|qu|at 

Die Welt

Klagenfurter Germanistik

Innsbrucker Germanistik [.pdf]

Österreichische Gesellschaft für Germanistik 

SciBlog

Neue Zürcher Zeitung

Österreichische Nationalbibliothek/Literaturarchiv

Kakanien-Editor

Kakanien-Senior_Editor

Nachrufe gibt es überdies (ausschließlich) in den Printausgaben der Süddeutschen Zeitung, des Falter, der FAZ (jeweils v. 10.09.2008), der Zeit (v. 11.09.2008) sowie des Profil (v. 15.09.2008).

Weiters gibt es einen Nachruf von Uwe Baur, Obmann der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, der aufgrund der ausgesprochen allgemeinen URL (und dem insofern in Bälde folgenden Absinken in die Unauffindbarkeit) hier vollständig angeführt sei:

Wendelin Schmidt-Dengler, langjähriges Vorstandsmitglied der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, ist überraschend am 7. September 2008 gestorben.
An seinen Namen knüpft sich eine Wende im Selbstverständnis der Germanistik in Österreich. Als er sich für neuere deutsche Literatur habilitierte, war es fast noch ein Tabu, über lebende Autoren zu arbeiten. Die Autoren der Nachkriegszeit, die sich ästhetisch und politisch nicht mit dem Mainstream identifizierten, wurden von der Wissenschaft ignoriert. Daher erlebte unsere Generation sein engagiertes, rhetorisch brillantes und auch Konflikte nicht scheuendes Eintreten für die Gegenwartsliteratur als eine Befreiung. Er hat das große Verdienst, sie durch seine mediale Begabung und Präsenz zu einem gesellschaftlichen Thema gemacht zu haben, an dem die Kulturpolitik und die wissenschaftliche Nachkriegsgeneration nicht vorüber gehen konnten. Die Dokumentationsstelle und das Literaturhaus hatten früh dieses Thema zu ihrem Anliegen gemacht und sie fühlten sich darin mit ihm eins.
Die Lücke, die sein plötzlicher Tod auftut, wird nicht so leicht zu schließen sein.

 

Nachtrag 1: Der SK Rapid Wien hat vor seinem Meisterschaftsspiel am 19.09. gegen den SV Ried eine Trauerminute für Wendelin Schmidt-Dengler (und den gleichfalls vor kurzem verstorbenen, ehemaligen Schiedsrichter Heinz Fahnler) abgehalten.

Nachtrag 2: Johann Skocek hat im Falter 39/08 einen wundersamen Nachruf anlässlich des Begräbnisses verfasst: "Der Wortwechselpasser".


3 Attachment(s)

Antworten

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
> RSS Feed RSS 2.0 feed for Kakanien Revisited Blog Senior Editor

Calendar

Links