Musen im Turm

posted by PP on 2008/09/25 13:25

[ Literatur | -e ]

Lesenswert ist bereits die Rezension "Im Dresdner Musennest" von Sabine Franke in der Frankfurter Rundschau, umso mehr dann auch Uwe Tellkamps aktueller Roman "Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land". Knapp 1.000 Seiten? Kein Problem, die benötigt dieses Buch auch wirklich. Sehr ähnlich sieht das Christoph Bartmann in seiner Buchbesprechung für das Spectrum der Presse. Franke beschließt ihre Rezension wie folgt:

Doch geht es nicht um Aufdeckung, sondern darum, Geschichte mit den Mitteln des Romans anschaulich, erfahrbar und plausibel zu machen. Tellkamp betrachtet Geschichte und Mythos von innen und außen, zu einer Zeit, in der die Geschichte gerade erst zum Mythos wird.

Es ist ein Buch für Insider, Erinnernde, die selbst dabei waren, wie es auch ein Buch für die Nach- und Nebenwelt ist, die Nacherlebenden, für die dieser Teil der Geschichte immer etwas Erzähltes und nur von außen Betrachtbares bleiben wird. Tellkamp hat der deutschen Literatur frei von Bitterkeit und Ressentiments einen Erfahrungsschatz schriftlich gesichert, der unbedingt erzählenswert war, nicht zuletzt deshalb, weil er uns sonst möglicherweise unmerklich wieder entglitten wäre.

Der Stil der Dresdner sei immer der Stil der Alten gewesen, sagt Baron Arbogast einmal, und so ist es nur konsequent, dass der Roman in der eleganten, gediegenen und nicht zuletzt eigentlich überkommenen Sprache des klassischen bürgerlichen Familienromans geschrieben ist. Bis ins Feinste ausziseliert, bisweilen assoziativ ins Lyrische ausufernd oder genüsslich ins Karikaturistische überdehnt, mit sächsischem Dialekt gewürzt und subversiven Witzen gespickt - Tellkamp zieht viele Register. Virtuos hat er den reichhaltigen Stoff kontrolliert bis zuletzt, wo im furiosen Gewirr der Stimmen, Rollen und Perspektiven eine Ära endet, im Chaos des Wendeherbstes, als jahrelang Aufgestautes sich Bahn bricht und dem Sozialismus seine letzte Utopie nimmt: den Stillstand.

Christian [eine der Hauptfiguren; Anm.] ist zuletzt ein Mensch, der zwar Regungen verspürt, aber keine Richtung sieht. Fast unmerklich geraten er und die Seinen aus dem Blick, während die Masse alles überrennt. Und doch wollen diese Figuren nicht verschwinden. Dringlich bleibt der Gedanke, wie es ihnen ergehen mag, wohin es sie treibt, welche Richtung sie einschlagen. Nicht von ungefähr endet dieser bedeutende Roman mit einem Doppelpunkt im Offenen. Gäbe es einen zweiten Band - man würde ihn sofort lesen.

Und Bartmann erkennt den Klassiker:

 

Der "große Wenderoman" also, mit dem keiner mehr so richtig gerechnet hatte (wer Tellkamp kennt, der musste allerdings mit ihm rechnen): und schon steht unvermeidlich die Frage im Raum, ob denn der große Roman (mit Thomas Mann oder Doderer als Vergleichsgrößen) heute noch statthaft sei. Seinem Formprinzip nach ist "Der Turm" tatsächlich „klassisch“ - und gerade deshalb offener und vielseitiger als viele der heute geschriebenen Mittelgewichts-Romane. Natürlich, hier wird (eine) Geschichte erzählt, es gibt eine lineare Handlung samt Figuren. Aber welche Vielfalt der Schreibformen steht Tellkamp zu Gebote: Meditationen, lyrische Passagen, Tagebuchnotizen, Briefe, Essayistisches, Dialoge und anderes mehr.

"Der Turm" erinnert daran, dass die Literatur schon vor der Moderne modern war, etwa in den "Wanderjahren" Goethes. Man wüsste nicht, welche Form den geschilderten Verhältnissen angemessener wäre. Andere DDR- oder Post-DDR-Autoren, man denke an literarische Extremisten wie Einar Schleef oder Reinhard Jirgl, haben sich an Großexperimenten versucht, neben denen sich Tellkamps Roman beinahe konservativ ausnimmt. Aber auch er ist ein Extremist, ein Extremist der Schönheit und des, um mit Doderer zu sprechen, "totalen Romans". Um den Vergleich noch einmal zu bemühen: Uwe Tellkamp hat die "Strudlhofstiege" der untergehenden DDR geschrieben.

 

 

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008, 976 pp.


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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