Eurokult4

posted by NP on 2008/06/06 10:19

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Ein holländischer Trainer entschuldigt sich bei den Deutschen für britische Gepflogenheiten einer polnischen Boulevardzeitung vor einem Spiel in Österreich: Hat die EM ihren ersten Skandal, oder verbieten sich angesichts dieses multikulturellen Gemengelage die herkömmlichen Frontlinien?
 

Daß die englische yellow press vor jedem Spiel gegen deutsche Mannschaften World War II spielt, ist hinlänglich bekannt und regt hier wie dort niemand mehr auf. Eher beneidet der geneigte deutsche Fußballanhänger seinen englischen Widerpart um die Leichtigkeit, mit der er Blitzkrieg-, area bombing- und ewige Kraut-Pointen drischt.

Bemerkenswert ist an den Fotomontagen im polnischen „Super-Express“, die Teamchef Leo Beenhakker mit den Köpfen von Jogi Löw und Michael Ballack zeigen, daher zunächst einmal, daß sie so unterschiedlich wahrgenommen werden als der running gag aus England. Das Protestgeheul, das in Deutschland vor allem die „Bild“-Zeitung kanalisierte, legt damit in erster Linie offen, wie wenig entspannt man dem östlichen Nachbarn gegenüber eingestellt ist. Dafür jetzt aber Kaczýinski-Tiraden einerseits, Erika Steinbachs Vertriebenenlarmoyanz andererseits verantwortlich zu machen, hieße doch wohl, ein paar halbwitzigen Karikaturversuchen allzu viel historische Bedeutung zuzusprechen.

„Bild“ hingegen sieht die nationale Ehre gekränkt, versucht sich mit der Schlagzeile „Polen eröffnet den Fußballkrieg“ auf „Sun“-Niveau zu hangeln und fordert interaktiv und basisdemokratisch auf: „Schreiben sie den polnischen Fußball-Fans ihre Meinung“. Nur zur Erinnerung: Es handelt sich um dieselbe Zeitung, die, um nur ein Beispiel zu nenen, vor einem WM-Vorrundenspiel gegen Saudi Arabien 2002 „Rudi, haudi Saudi“ titelte. Und um dasselbe Land, dessen Bundestrainer noch vor zwei Jahren verkündete, man lasse sich die Punkte „schon gar nicht von den Polen“ nehmen.

Ob vor diesem Hintergrund ein mediales „Ab heute wird zurückgeschossen“ zu rechtfertigen ist? Kann das zentrale Organ bundesrepublikanischer Pressefreiheit, das natürlich rügt, wenn islamische Fundamentalisten die Todesstrafe für dänische Karikaturisten fordern, sich mit einmal auf das ius talionis berufen?

Dem nüchternen Blick will das vermeintliche Schlachtfeld eher als gemeinsame Spielwiese erscheinen: Bevor man auf den Trick hereinfällt, mit dem hier ein Konflikt zwischen zwei Nationen suggeriert wird, wird man doch ein äußerst homogenes und in dieser Weise auch grenzübergreifendes System der Massenmedien und des Boulevardjournalismus diagnostizieren müssen. „Sport Express“ und „Bild“ produzieren den vermeintlichen Skandal Hand in Hand, und der vermeintliche Haß auf polnischer Seite bedient sich aus dem gleichen Klischeeladen wie die vermeintliche Empörung auf der deutschen.

Statt wohlfeiler Aufregung und möglicher Polarisierung von Besuchern des Spiels am Sonntag abend sollte man also zunächst einmal die Hausaufgaben erledigen, und das heißt: eine ästhetische Kritik der fraglichen Karikaturen. Die wird nämlich sehr rasch bei einem sehr schlichten Urteil ankommen: Die Fotomontagen sind weder gut noch lustig. Case closed. Laß stecken, Leo.


Antworten

01 by PP at 2008/06/06 10:33 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten

Gut gegeben! Und die ganze Chose hat ein paar weitere "Pointen" zu bieten: Bildblog berichtet etwa, dass die Aufregung rund um die Berichterstattung eine ausschließlich innerhalb des Hauses Springers zirkulierende ist. Nun ja, nicht ganz: Inzwischen hat sich auch schon die UEFA bemüßigt gefühlt, ihre Gelassenheit abzulegen und folglich scharf mit der polnischen Zeitung ins Gericht zu gehen.

02 by PP at 2008/06/06 11:26 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten

Noch ein Nachtrag zur deutsch-polnischen Freundschaft: Das Spiel kann beginnen...

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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