Kakanische Stimmen hören

posted by PP on 2008/01/08 20:55

[ Medien | Media ]

Die sogenannten "stillen Tage" liegen heillos in sich verschränkt hinter uns und waren überstehbar. Ausgehend von einer Rezension Sascha Michels in der FR ("Mit dem Körper schreiben"), in der er von

Müller, Lothar: Die zweite Stimme. Vortragskunst von Goethe bis Kafka. Berlin: Wagenbach 2007, 157 pp. + CD

handelt, kommt die keineswegs Post-X-Mess taugliche Erinnerung an eine Darstellung von Max Brod dazwischen (diese findet sich in: Brod, Max: Kafka liest Walser. In: Über Robert Walser. Bd. 1. Hg. v. Katharina Kerr. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1978, p.85f.):

Ich erinnere mich, wie er Walsers Skizze Gebirgshallen mit ungeheurer Lustigkeit, ja geradezu saftig vortrug. Ich war allein mit ihm, aber er las wie vor einem Publikum von Hunderten. Er unterbrach manchmal: "Jetzt aber höre mal, was nun kommt." - Eine besondere Redewendung kostete er aus, es machte ihm Freude, sie oft zu wiederholen. [...] Hatte er nun das Werkchen auf Details hin vorgelesen, sagte er, am Ende angelangt: "Und jetzt höre einmal das Ganze." Nun las er ohne Unterbrechung. Er hatte dann Lust, noch ein drittes Mal anzufangen. Sah mich aber quasi bemitleidend an: "Nun hast du genug, nicht wahr?"

Franz Kafka las somit Brod (offen bleibt, ob er genug hatte) zufolge Robert Walsers kongeniale "Gebirgshallen", die in Ausschnitten u.a. wie folgt sich darstellen:

Kennen Sie die Gebirgshallen unter den Linden? Vielleicht probieren Sie einmal den Gang dorthin. Der Eintritt kostet nur dreißig Pfennige. Wenn Sie die Kassiererin auch Brot oder Wurst essen sehen, so müssen Sie nicht degoutiert umkehren, sondern sogleich bedenken, daß es Abendbrot ist, welches da verzehrt wird. Die Natur fordert überall ihre Rechte. Wo Natur ist, da ist Bedeutung [...] In der Seele geschmeichelt, treten Sie näher an den Gletscher heran, es ist dies die Bühne, eine geologische, geographische und architektonische Merkwürdigkeit. [...] Wo haben Sie Ihren Bergstock? Zu Hause gelassen? Das nächste Mal müssen Sie wohl oder übel sportmäßig ausgerüstet im Gebirge erscheinen, für alle Fälle. Besser ist besser. [...] Nun öffnet sich Ihnen wieder der Bühnen-Gletscherspalt, und eine dänische Liedersängerin wirft Sie mit Tönen und Anmutsschneeflocken an. Sie nehmen gerade einen Schluck von Ihrer kuhwarmen Gebirgsmilch. […] Vielleicht treffen Sie dort auch mich wieder einmal an. Ich aber werde Sie gar nicht kennen, ich pflege dort, von Zaubereien gebannt, still zu sitzen. Ich lösche dort meine Dürste, Melodien wiegen mich ein, ich träume. (z.B. in Walser, Robert: Gebirgshallen. In: R.W.: Sämtliche Werke Bd. 3: Aufsätze. Hg. v. Jochen Greven. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1985, p.42-44)

Stimmen waren für Kafka ohnehin mit eines der spannendsten, vielseitig einsetzbarsten Medien. Die Techniken der Aufzeichnung und Übertragung optischer und akustischer Reize verbinden sich während seiner Lebens- und Schaffensjahre zu einer neuen Gesamterfahrung der Welt - und ihre Konfusion zeichnet Kafka beispielsweise in einem Tagebucheintrag vom 28. Februar 1912 nach, als er gegen "Flüsterstimmen offenbar von Tagblattredakteuren" mit der Bohemia Kontakt aufzunehmen und das Postfräulein zur Herstellung der Verbindung zu bewegen versucht. (Kafka, Franz: Gesammelte Werke Bd. 10: Tagebücher Bd. 2: 1912-1914. Nach d. Kritischen Ausg. hg. v. Hans-Geerd Koch. Frankfurt/Main: Fischer 1994, hier p.45f.)

Und auch von Arthur Schnitzler ließe sich manche Stelle aus den Tagebüchern hier anführen, was aus zeitökonomischen Gründen diesmal unterlassen sei. Nachschlagen lässt sich Entsprechendes in der hauseigenen Dissertation oder auch bei Sabine Zelgers späterhin denn auch publiziertem Werk (ursprünglich: Zelger, Sabine: Zum Umfeld der telefonischen Kommunikation in der deutschsprachigen Literatur. Eine soziologisch poetologische Untersuchung. Wien: Diss. masch. 1996), die in ihrem diesbezüglichen Literaturverzeichnis von Schnitzlers Werken "Das weite Land", "Der letzte Brief eines Literaten", "Flucht in die Finsternis", "Fräulein Else", "Professor Bernhardi", "Therese" und "Traumnovelle" als quasi exemplarisch für seine literarische Aufnahme des telefonischen Akts aufgenommen hat (eine aktuelle Arbeit von Zelger wurde kürzlich auf Kakanien revisited publiziert: Abstract | .pdf | Blog von Hana Blahová).

Anzuzeigen ist hier - auch diesfalls angeregt durch einen im Netz zu findenden Beitrag (WALL OF SOUND | Mikro- und Makro- Not ( es )), ganz in|ad|ae|qu|at (gar nicht nur "btw": Glückwunsch 1 + 2!) auch von Hörbüchern und Hörbarem (oder auch nicht) im Netz handelnd - also eine Empfehlung, die seitens der bis hier verbliebenen p.t. LeserInnen getrost als eine der ernsthaftesten wahrgenommen werden kann: Wolfram Berger liest Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" unaufgeregt, anregend, keineswegs exalterierend und irgendwelche verquasten Lesarten vermittels des Vortrags vermitteln (vvv) wollend. Kurz: brillant. Und alle anderen Versuche verschweigen wir hier aus gutem Grund vorsätzlich. Am günstigsten gibt es die digitalisierten Produkte beim zuständigen Verlag Zweitausendeins:

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Komplette Lesung. Beide Bücher auf 4 MP3-CDs im Paket: Wolfram Bergers komplette Lesung von Musils "Mann ohne Eigenschaften", Buch 1 und 2, Gesamtspielzeit 62 Stunden und 52 Minuten. Komplett auf 4 MP3-CDs. In zwei Leinenbänden im Schuber. Statt einzeln 69,90 EUR zusammen im Paket nur 59,90 EUR

 

 

Die "Bücher" 1 und 2 lassen sich natürlich auch einzeln beziehen, soviel zum letzten kaufmännischen Hinweis in dieser Angelegenheit.


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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