Kasse statt Klasse [Update]

posted by PP on 2007/11/28 11:59

[ Medien | Media ]

Einem Bericht - "Späte Schadensbegrenzung" - in der Frankfurter Rundschau zufolge kam Bodo Hombach - Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe, davor Kanzleramtsminister der ersten Regierung Schröder und danach EU-Sonderkoordinator für den Stabilitätspakt in Südosteuropa (Wikipedia ist da nicht mehr ganz aktuell) - erst vor kurzem und "durch eine Recherche" dahinter, dass zwei bulgarische Boulevard-Zeitungen seiner Gruppe reichlich ungehemmt eine Hetze gegen zwei WissenschafterInnen - Martina Baleva und Ulf Brunnbauer - fahren (ho. wurde darüber bereits Ende Juni auf Basis eines nun nicht mehr online verfügbaren Artikels in der FR berichtet).

Die WAZ-Mediengruppe will nun ihre osteuropäischen Zeitungen künftig besser kontrollieren (Was heißt "kontrollieren"? "Die Verlagspolitik, sich bei den osteuropäischen Titeln nur um verlegerische Aufgaben zu kümmern, und die Inhalte allein der Chefredaktion zu überlassen, könne wegen negativer Erfahrungen so nicht mehr aufrecht erhalten werden". Na dann...) Reichlich spät - und statt "Recherche" wäre ein bisschen rechtzeitige Zeitungslektüre (inklusive Reflexion und den richtigen Schlussfolgerungen daraus) ganz hilfreich gewesen.

Barbara Coudenhove-Kalergi nimmt sich in der heutigen Ausgabe des Standard ebenfalls dieses Themas an und titelt ihre Kolumne "Krone" des Balkans.

Thomas Klatt schreibt in der FR über die  wissenschaftlichen Erkenntnisse:

Sie hatte neue Erkenntnisse zum so genannten Massaker von Batak aus dem Jahre 1876 gewonnen. Batak gilt als Gründungsmythos der bulgarischen Nation. Osmanische Truppen massakrierten damals ein ganzes Dorf. Im Zuge der Befreiung durch russische Truppen gründete sich die junge bulgarische Nation. Das Gemälde von Antoni Piotrowski "Das Massaker von Batak" wurde zur nationalen Ikone, so wie auch die Schwarz-Weiß-Photographien vermeintlicher Opfer und Täter von Batak. Baleva fand heraus, dass die offizielle Opferzahl weit übertrieben war und die "historischen" Photos nachträglich inszeniert wurden.

  Coudenhove-Kalergi schreibt dazu:

Es geht um eine wissenschaftliche Ausstellung in Sofia über den Mythos der bulgarischen Nationswerdung, zusammengestellt von einer bulgarischen Kulturwissenschafterin und einem deutschen Kollegen, die beide in Berlin arbeiten. Im Zentrum dieses Mythos steht der Befreiungskampf der Bulgaren gegen die Türken und bei diesem vor allem das Massaker von Batak 1876, das in einem berühmten, mittlerweile zur nationalen Ikone gewordenen Bild eines polnischen Malers festgehalten ist. [/] Die Wissenschafterin Martina Baleva fand nun heraus, dass das Bild auf im Nachhinein "gestellten" Fotos beruht.

Und wie geht es nun weiter? Selbstredend wird alles ganz wunderbar und von Problemen keine Spur mehr sein. Hombach hat die Initiative ergriffen, folgt man der FR:

Erst nach direkter Nachfrage im Interview kam Bodo Hombach aber offenbar im Nachhinein auf die Idee, die geschädigte Historikerin Martina Baleva nun unverzüglich zu einem Gespräch in die Essener WAZ-Zentrale einzuladen. Auch will der WAZ-Boss nun bei seinen Redakteuren in Sofia vorstellig werden, damit sie sich bei Martina Baleva für den Stil und die Form der Berichterstattung entschuldigen.

 

Update (vom 01.12.2007): Andreas Rudas, derzeit Geschäftsführer der Ost-Holding der WAZ- Mediengruppe in Wien und davor u.a. Bundesgeschäftsführer der SPÖ (nach seinem Abgang gab es u.a. einen nahezu tödlichen Schuldenberg, einen nicht besonders glorios verlaufenen Wahlkampf und den Verlust des Kanzlers zu bilanzieren), reagierte sogleich auf Barbara Coudenhove-Kalergis Kolumne und möchte das Wissen, was die WAZ in Bulgarien macht, vermitteln. Besonders enttäuscht ihn, dass

die von mir schon immer sehr geschätzte Barbara Coudenhove-Kalergi die WAZ-Mediengruppe mit einer Militärmacht vergleicht und dabei den Kern unserer gegenwärtigen Qualitätsoffensive in Bulgarien, nämlich das Engagement gegen den Nationalismus, außer Acht lässt[.]

Dem folgt eine grundsätzlich angelegte Sachverhaltsdarstellung, die sämtliche Vorwürfe vom Tisch wischen soll. Diese stimmten alle nicht, ganz im Gegenteil sei die WAZ selbst Opfer der bulgarischen Nationalisten. In Sachen "Mythos von Batak" hätte eine Zeitung sehr wohl korrekt berichtet. Jedenfalls sei man klar anti-nationalistisch unterwegs. Und auch mit der Wissenschaft lässt man sich ein:

Die Diskussion um den "Mythos von Batak" wollen wir nun mustergültig aufarbeiten und dabei abermals zeigen, dass wir uns nationalis- tischen Tendenzen strikt widersetzen. Aus diesem Grund hat Bodo Hombach zwei anerkannte Historiker eingeladen, bei den Diskussionen in Sofia anwesend zu sein: Prof. Dr. Lutz Niethammer, Experte für deutsche Nachkriegsgeschichte und Entnazifizierung, sowie Prof. Dr. Stefan Troebst, Experte für die Geschichte des Balkans und stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) in Leipzig. Beide Professoren waren Berater der Kommission der deutschen Bundesregierung zum Thema Zwangsarbeiterentschädigung. [Was hat das eine mit dem anderen zu tun?; Anm.] Übrigens ist Prof. Dr. Niethammer Mitglied der Kommission der Bosch-Stiftung, die der bulgarischen Wissenschafterin überhaupt erst ihre Studien über den "Mythos von Batak" ermöglicht hat.

 

Da wären nun noch ein, zwei bemerkenswerte Dinge zu erwähnen: BCK bezeichnet in ihrer Kolumne BH als "offenbar einer jener Sozialdemokraten, die besonders gut im Geldverdienen sind." Der Titel ihrer Kolume zielt auf die österreichische - formulieren wir es freundlich: Boulevard-Zeitung (mit wohl über 3 Millionen LeserInnen eines der Leitmedien dieses Landes) - Kronenzeitung ab, an der die WAZ 50 Prozent hält (wobei um die Führung heftige Rechtsstreitigkeiten ausgetragen werden). AR wiederum muss nun in seiner Entgegnung zwischen Skylla und Charybdis segeln, darf den Anwurf bezüglich des wohlverdiendenden Sozialdemokraten und die Spitze mit der "Krone" nicht aufnehmen, muss aber andererseits die Rolle der WAZ schleunig in ein entsprechend anderes Licht rücken. Kurz: Alle sollen was davon haben.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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