Ukraine - Part 21

posted by peter on 2007/08/30 11:50

[ Ukraine ]

Einen Monat vor den ukrainischen Neuwahlen führte Eduard Steiner für den Standard ein Gespräch mit dem (bei Suhrkamp erscheinenden) ukrainischen Autor Juri Andruchowytsch "über den Geist des Aufschwungs, Identitätssäulen und den europäischen Einigungsprozess". Politische Krisensituationen und die Uneinigkeit der jeweiligen Lager kommen zur Sprache, wie auch die vorzustellenden Grenzen Europas und die Europäische Union, die Andruchowytsch als "als Initiative post-imperialistischer Versager" charakterisiert.
STANDARD: Als Damoklesschwert gilt die Spaltung des Landes zwischen einem wenig westorientierten Osten und einem stark westorientierten Landesteil an der Grenze zur EU. Wie kann die Spaltung Ihres Erachtens überwunden werden?
Andruchowytsch: Wenn ich das wüsste, wäre ich wahrscheinlich Präsident. Aber im Prinzip ist es einfach: Es gibt niemanden in der Ukraine – weder im Osten noch im Westen, auch nicht im Zentrum –, der sich abspalten will.
Separatistische Ideen sind unpopulär. Das ist ein guter Anfang. Ein Problem besteht darin, dass die Bevölkerung im Osten oder Süden eine ziemlich andere Vorstellung davon hat, wie die künftige vereinigte Ukraine aussehen sollte. Das liegt auch in unserem Alltagsleben begründet, sprich in der mangelnden Modernisierung der Infrastruktur.
Wir haben ganz einfach ein Transportproblem. Wenn Sie mit einem Zug aus dem östlichen Donezk nach Lemberg fahren, sind Sie etwa 30 Stunden unterwegs. Es scheint den Menschen, als sei eine solche Fahrt die Reise zu einem anderen Planeten.
STANDARD: [...] Auf welchen Säulen kann die Ukraine ihre Identität aufbauen? Gibt es etwas, das erst geborgen werden muss? Eine Identität, die die ganze Ukraine umfasst?
Andruchowytsch: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke nicht, dass wir etwas so Exklusives haben, das eine einzige Säule sein könnte. Ich denke, weil das Land so lange Zeit keine Präsenz und kein eigenes Gesicht in der Welt hatte, sondern nur als Teil von etwas (Russland, Südrussland oder Sowjetimperium) wahrgenommen wurde, ist es jetzt im Unterschied zu anderen sehr schwierig, etwas wie eine gemeinsame historische Identität für diese Gesellschaft zu finden.
Ich denke, dass man die Identität nicht auf der Basis der Vergangenheit, sondern in irgendeiner Zukunftsidee finden kann. Wir sind als Gesellschaft ein Zukunftsprojekt. Und diese Idee kann einfach auch eine europäische Idee sein – ein europäisches Projekt für die Ukraine, etwas ganz Besonderes; vielleicht keine EU-Mitgliedschaft, aber trotzdem ein integraler Teil Europas, das wäre auch sehr interessant.

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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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